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Magersucht: Was es für Eltern bedeutet, wenn sich das Kind fast zu Tode hungert

„Gleichgesinnte“ im Netz können den Magerwahn noch verstärken.

„Gleichgesinnte“ im Netz können den Magerwahn noch verstärken.

Foto:

imago stock&people

Berlin -

Die Rührstäbe des Mixers klapperten gegen die Plastikschüssel und mit jedem Schlag durchfuhr es Roswitha.

Ihre Tochter stand schon wieder in der Küche und buk eine Torte, die sie später nicht essen würde. Jennifer wog bei 1,76 m Körpergröße noch 43 Kilogramm. Ihre Magersucht war mittlerweile lebensgefährlich.

Hungern bis zur Lebensgefahr

Sonja Vucovic

Autorin Sonja Vukovic hat mehrere Bücher über Sucht geschrieben.

Foto:

Olivier Favre

Die Familie Klawitte war eine ganz gewöhnliche Familie. Die Mutter, der Vater, zwei Töchter. Sie dachten, Anorexie komme vor allem in perfektionistischen Oberschichtsfamilien mit hohem Leistungsdruck auf – oder in chaotisch-problematischen Familien.

Das traf auf sie nicht zu. Trotzdem entwickelte ihre jüngere Tochter – erst schleichend, später radikal – eine Essstörung, an der die Familie fast zerbrach.

Eltern fragen sich: Woher kommt die Sucht?

In ihrem Buch „Außer Kontrolle. Unsere Kinder, ihre Süchte – und was wir dagegen tun können“ erzählt Sonja Vukovic sieben verschiedene Fallbeispiele, in denen Kinder süchtig geworden sind. Und es ist endlich auch mal die Sichtweise der Eltern, die hier erzählt wird und die das Buch so spannend macht.

Außer Kontrolle

Buchcover

Foto:

Lübbe

Was haben wir falsch gemacht? Haben wir etwas falsch gemacht? Hätten wir das verhindern können?

Diese Fragen stellen sich Eltern, wenn die Kinder einen Weg einschlagen, der sie als Mutter und Vater nachts wach liegen lässt vor Sorgen. Begleitet von Experten-Gesprächen entwickelt sich dadurch beim Lesen von „Außer Kontrolle“ ein differenziertes Bild zum Umgang mit den Süchten unserer Kinder. 

Magersucht: Ihr Kind wollte einfach nichts mehr essen

Jennifer war 17 Jahre alt und wollte immerzu backen. Die ganze Tiefkühltruhe lag voll mit Kuchen und Torten. Nur essen wollte Jennifer nicht. Nichts. Früher, da war Jenny ein aufgeschlossenes, fröhliches und hübsches Kind gewesen. Lang war das her.  

Sie war unerreichbar geworden für die Eltern und Freunde in ihrer Welt der Essensverweigerung. Gereizt, aggressiv, unsicher. So war sie jetzt.

Ihre Mutter Roswitha versuchte, liebevoll zu bleiben – trotzdem bestimmend. So hatte sie es in der Selbsthilfegruppe für Angehörige gelernt. Nur wer Grenzen setze, gebe der Krankheit keinen Raum, hatte man ihr dort gesagt. Das klang so leicht. Und war so schwer. Was hatte sie bloß falsch gemacht?

„Die Schuldfrage in der Psychotherapie ist ein großes Thema“, erzählt Psychologe Andreas Schnebel im Interview mit Autorin Vukovic, die selbst einmal an Anorexie litt.

Frau in Selbsthilfegruppe

Magersucht. In der Selbsthilfegruppe fließen auch schon mal Tränen. (Symbolfoto)

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imago/IPON

Schnebel ist Mitbegründer und Geschäftsführer von ANAD e.V., einem Münchner Verein, der Menschen mit Essstörungen hilft. Früher, erzählt er, seien Eltern in der Therapie noch oft ausgeschlossen worden. Das sei heute anders. Eltern seien wichtig.

Die Schuldfrage ist nicht eindeutig zu beantworten

Trotzdem sei die Schuldfrage nicht zu klären. „In der Ausbildung lernt man, dass Schuld kein treffender Begriff ist. Weil man immer davon ausgeht, dass man es versucht, richtig zu machen, und dass man es gut meint.“

Auch Roswitha und ihr Mann meinten es gut mit ihren Töchtern. Trotzdem geriet Jennifer in den Strudel der Sucht. Sie war sehr groß gewachsen und wurde deswegen in der Schule gehänselt.

Sie war leistungsstark und kreativ gewesen, die Lehrer hatten sie dafür gelobt. Doch Jennifer wollte nicht auffallen. Kleiner machen konnte sie sich nicht, also versuchte sie es mit dem Dünnerwerden.

Die Beziehung der Eltern litt, die große Schwester fühlte sich zurückgesetzt. Immer ging es nur um Jennifer und ihr Essen, seit Jahren. Roswitha und ihr Mann gestanden sich ein, dass sie keinen Einfluss hatten. Nicht darüber, ob Jennifer aß und zunahm oder sich weiter selbst umbrachte.

Magersüchtige

Dünn, dünner, am dünnsten. Wenn die Sucht nach dem Dünnsein gefährlich wird. (Symbolfoto)

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imago/Felix Jason

Der Gedanke daran, die eigene Machtlosigkeit zu akzeptieren, gab ihnen Kraft. Wenn sie sich weiter so kümmerten, müsste einer im Job kündigen. Sie könnten das Haus nicht abbezahlen, sich nicht ausreichend um ihre große Tochter kümmern. Auf Dauer würde sie das in den Wahnsinn treiben.

Diese Klarheit tat allen gut. Als Jennifers Vater irgendwann sagte, sie müsse ausziehen oder etwas zum Haushaltseinkommen beitragen, entschied sich Jennifer für ein Gespräch bei der Arbeitsagentur.

Die Dame vor Ort war begeistert von ihrem Talent beim Haushalten mit Geld, von ihrer Lust zu kochen und zu backen. Und dass sie sehr durchsetzungsstark war. Und offenbar war es genau das, was sie brauchte.

Der Job war ihre Rettung aus der Anorexie

Ein Job als Hauswirtschafterin in einem Haushalt mit Kleinkind wurde zu Jennifers Rettung. Vor allem im Umgang mit dem Baby im Haus lernte sie, wie wichtig es ist Verantwortung zu übernehmen – auch für sich selbst.

Jennifer hat es geschafft, sie isst wieder. Natürlich kann es Rückfälle geben wie bei einem trockenen Alkoholiker. Aber für den Moment ist sie stabil. Und das ist mehr als ihre Eltern lange Zeit zu hoffen wagten.