POTSDAM. Die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam ist laut "Familienatlas 2007" des Sozialforschungsinstitutes Prognos die familienfreundlichste Stadt Deutschlands. "Potsdam hat ein exzellentes Betreuungsangebot sowie ein gutes Bildungsangebot für Kinder kombiniert mit zahlreichen Freizeitmöglichkeiten - und das im Rahmen solider Wirtschaftsdaten", sagte Tilmann Knittel von Prognos gestern. Tatsächlich gehen in Potsdam 96 Prozent aller Kinder zwischen drei und sechs Jahren in eine Kindertagesstätte, selbst in den ersten drei Lebensjahren werden schon 46 Prozent der Jüngsten im Hort betreut. "Alle unsere 90 Kitas sind inzwischen in freier Trägerschaft und haben sich ein spezielles Profil geschaffen", sagte Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Wegen der steigenden Geburtenzahlen und des anhaltenden Zuzuges werde man im kommenden Jahr 500 weitere Kita-Plätze schaffen.Familie und Beruf sind somit in der 148 000-Einwohner-Stadt besonders gut miteinander vereinbar, weit überdurchschnittlich viele Frauen sind erwerbstätig (Platz 9 unter 439 Kommunen). Wichtig dabei: Es gibt auch entsprechende Arbeitsplätze - Potsdams Arbeitslosenquote von derzeit 8,9 Prozent ist eine der niedrigsten in Ostdeutschland. Die alte Residenzstadt hat auch viele Besserverdienende aus Berlin und anderen Bundesländern mitsamt ihren Kindern angezogen.Potsdam forciert inzwischen auch die Einrichtung von Betriebskindergärten: Im städtischen Klinikum wird gerade ein Kita-Betrieb rund um die Uhr vorbereitet, damit selbst die Nachtschwestern keine Betreuungsprobleme mehr haben. Potsdam fördert auch ein Eltern-Kind-Zentrum im Plattenbaugebiet Am Stern, wo die Eltern beim Tee über ihre Erziehungsprobleme sprechen können und bedürftige Kinder umsonst verköstigt werden.Beim schulischen Angebot bewertet die Studie das Ganztagesangebot besonders positiv, Potsdamer Schüler erhalten überdurchschnittlich viele Unterrichtsstunden (Platz 17 unter 439 Kommunen). Außerdem tragen fünf Privatschulen dazu bei, dass eine vielfältige Schullandschaft entstanden ist. "Dadurch haben auch unsere städtischen Schulen mehr Profil entwickeln müssen", sagte Jakobs.Potsdam, die Stadt der kurzen Wege, bietet auch zahlreiche Freizeitmöglichkeiten. Im ostdeutschen Vergleich gibt es überdurchschnittlich viele Sport- und Kulturvereine. Der SC Potsdam, Brandenburgs größter Sportverein, unterhält eine eigene Junior-Abteilung inklusive Hausaufgabenbetreuung. Auch Jugendeinrichtungen wie der Treffpunkt Freizeit, der vor Jahren schon beinahe geschlossen worden wäre, tragen zum kulturellen Angebot bei. "Wir wollen uns das leisten", sagte Oberbürgermeister Jakobs. Selbst das städtische Hans-Otto-Theater unterhält eine eigenes Kinder- und Jugendtheater.Eines stimmt laut Prognos-Studie aber bedenklich: Wohneigentum in Potsdam ist sehr teuer geworden, und es gibt schon jetzt zu wenig familiengerechte Wohnungen (Platz 416 unter 439 Kommunen). Gerade hat der Oberbürgermeister gefordert, in den nächsten Jahren gut 13 000 Wohnungen neu zu bauen. Denn es wird weiterer Bevölkerungszuwachs erwartet - bis 2020 wird die Stadt laut Prognosen um 16 000 Menschen wachsen.------------------------------Wegweiser für FamilienDer Familienatlas 2007 soll Auskunft darüber geben, wie attraktiv die 439 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland für Familien mit Kindern sind.Das Prognos Institut hat für die Bewertung vier sogenannte Handlungsfelder konzipiert: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Wohnsituation und Wohnumfeld, Bildung und Ausbildung sowie Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche.Bis zu sieben Indikatoren pro Handlungsfeld wurden zur Bewertung ausgewählt. Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt oder den Statistischen Landesämtern. Verwendet wurden zum Beispiel die Betreuungsquote für unter Dreijährige, die Baulandpreise, die Zahl der verunglückten Kinder im Straßenverkehr, die Kriminalitätsrate, die Kinderarztdichte, die durchschnittlichen Klassengrößen und die Zahl der Musikschüler.Arbeitsmarkt und Demografie spielen bei der Bewertung ebenfalls eine Rolle. Berücksichtigt wurden unter anderem die Arbeitslosenquote, das Beschäftigungswachstum, der Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, die Geburtenrate und die Zu- und -Abwanderung von Familien.Aus den Daten wurde keine einfache Rangfolge erstellt. Damit soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die aktuelle wirtschaftliche Situation in einer Region nicht unbedingt etwas mit Familienfreundlichkeit zu tun hat. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte dazu, eine Region, die heute gute wirtschaftliche Daten aufweise, aber für Familien wenig attraktiv sei, könne schon morgen schwere Probleme bekommen: "Erst ziehen die Familien weg, dann die Wirtschaft."Zu den Topregionen zählen Potsdam, Nordfriesland, Baden-Baden, Tübingen und Garmisch-Partenkirchen. Sie wurden in mehreren Kategorien überdurchschnittlich bewertet und weisen dazu noch solide wirtschaftliche und demografische Rahmenbedingungen auf.Die ostdeutschen Kreise sind mehrheitlich in der Kategorie "engagierte Region" eingeordnet. Dort wird überdurchschnittlich viel für die Familien getan, allerdings sind die wirtschaftlichen und demografischen Rahmenbedingungen nur mäßig. Berlin und die Kreise Havelland, Barnim und Oberspreewald-Lausitz zählen dagegen zu den "gefährdeten Regionen". Auch hier herrschen nur mäßige wirtschaftliche Rahmenbedingungen, für die Familien wird aber dennoch nicht genug getan.Im Westen ist zwar die aktuelle wirtschaftliche Situation mehrheitlich besser als im Osten. Gleichzeitig ist aber oftmals die Familienattraktivität geringer. Das liegt unter anderem an den fehlenden Kita-Plätzen in den alten Bundesländern. Schlusslichter sind zum Beispiel Essen, Unna, Wuppertal sowie die Landkreise Helmstedt und Hof. Sie werden im Familienatlas als "zurückfallende Region" bewertet. (tms.)Der Familienatlas unter www.prognos.com/ familienatlas------------------------------Karte: Atrraktivität der Regionen für Familien------------------------------Foto: Staunen und entdecken im Potsdamer Exploratorium, einer kindergerechten Experimentierlandschaft.