Mitte der Achtzigerjahre hatte ich für kurze Zeit einen Freund in der Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide. Es war anstrengend, ihn zu besuchen, denn der Weg vom Zentrum war weit und wenn ich am nächsten Tag in den Pulk der Schichtarbeitenden geriet, fuhr ich als Sardine in der Büchse wieder nach Hause.

Außerhalb der Schichtwechsel war die Straße wie ausgestorben, die gelbverklinkerten Fabrikhallen brummten, pufften, kreischten und rauchten. Ich mochte das, ich war selbst in einer Schwerindustriestadt aufgewachsen, hatte Gewinde in Verseilmaschinen geschnitten und Metallteile gebohrt, gestanzt und gefeilt. Manchmal hatte ich Sehnsucht nach der Klarheit dieser Tätigkeiten, man wusste, was man am Ende der Schicht geschafft hatte.

Fast 30.000 Arbeitsplätze gab es zu Hochzeiten der Industrie in Oberschöneweide, einem Ortsteil von Treptow, es war zu DDR-Zeiten das größte zusammenhängende Industrieareal mit mehreren Großbetrieben, vorwiegend der Elektroindustrie, von denen zwei die Trägerbetriebe des am 20. Januar 1966 gegründeten 1. FC Union Berlin waren, das Kabelwerk Oberspree, kurz KWO genannt, und das Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“ Oberschöneweide, abgekürzt TRO, Hauptlieferant der Energiewirtschaft der DDR und Hersteller des beliebten Rasenmähers Trolli.

Erst Fußballplatz, dann Werkbank

Das TRO machte schon 1996 dicht, das KWO gab es nach etlichen Verkleinerungen, Verscherbelungen und Verkäufen bis 2003. 20.000 Arbeitsplätze gingen allein in Oberschöneweide verloren. Ein ganzes Union-Stadion voll.

Trägerbetriebe waren zu DDR-Zeiten mehr als Sponsoren. Sie förderten den Nachwuchs und stellten die Spieler in ihren Betrieben an. Deren berufliche Tätigkeit war mit den Trainingsplänen abgestimmt. Sie galten als Amateure, also durften sie ihr Geld nicht mit Sport verdienen. Da wurde viel hingebogen, an der Werkbank stand kaum ein Spieler. Nach der aktiven Karriere kehrten einige in Vollzeit in den Betrieb zurück, manche sogar als Schlosser.

Als Union noch TSC war, hatte es in der 6. Oberschule in Köpenick an der Volksbildungsministerin Margot Honecker vorbei eine eigene Fußballklasse gegeben, die von dem späteren Union-Vorsitzenden Günter Mielis geleitet worden war. Einige der Jungs wurden später Trojaner, wie man Mitarbeiter des TRO nannte. Auch nach der Fußballclubgründung war die Verbindung zwischen Klubs und Betrieben dicht verwoben.

Es gab zu DDR-Zeiten Untersuchungen bei einem Oberligisten, wie sich Sieg oder Niederlage der Mannschaft am darauffolgenden Montag auf die Arbeitsproduktivität auswirkten. Das Ergebnis war erstaunlich klar. Eine Niederlage ließ die Motivation montags einbrechen.

Die Schlosserjungs aus Köpenick

Dass Union 1968 den FDGB-Pokal gewann, passte wie die Faust aufs Auge eines BFCers, verdankte der Klub seine Gründung im Jahr 1966 doch auch dem Betreiben des Vorsitzenden des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, Herbert Warnke, der gefordert haben soll, wenn die Minister für Staatssicherheit und der Verteidigung in Berlin jeweils einen Klub hätten, bräuchte es auch einen zivilen, einen Arbeiterverein.

Die Wahl der Förderung fiel auf den Zweitligisten TSC Berlin, ehemals Union Oberschöneweide, die „Schlosserjungs“ aus Köpenick. Dabei war „Schlosser“ genauso der blauen Farbe der Spielkleidung geschuldet wie den Berufen der Spieler. Aber so genau wollten es die Gewerkschafter gar nicht wissen, als Mythos war es unschlagbar – Arbeiterklasse auf dem Spielfeld und, noch wichtiger, auf den Stehplatzrängen.

So bekam Berlin noch einen zivilen Klub neben den beiden uniformierten FC Vorwärts und BFC Dynamo. Wer was gegen Uniformen hatte, war bei Union gut aufgehoben. Der Vereinsname 1. FC Union Berlin und das noch heute gültige Vereinsemblem wurden – ungewöhnlich für die DDR – per Umfrage ermittelt. Aus Blau wurde Rot-Weiß, die Farben der Berliner Fahne.

"Eisern Union" stammt nicht aus den Zwanzigern

Der Mythos der elf Schlosserjungs auf dem Feld hat die Wende überdauert. Bei jedem Heimspiel heißt es heute vor der Nina-Hagen-Hymne: „Es war in den goldenen Zwanzigern, als in Zeiten eines ungleichen Kampfes ein Schlachtruf ertönte. Ein Schlachtruf, wie Donnerhall (…). Eine Legende nahm ihren Lauf, ein Mythos begann zu leben, und er wird niemals vergessen: EISERN UNION.“

Der Schlachtruf „Eisern Union“ soll erst 1936 bei einem Spiel gegen Hertha BSC gerufen worden sein, aber die Zwanzigerjahre sind nun mal goldener als die Dreißiger und schöne Legenden zählebig.

Ich wollte herausfinden, wie viel Realität im Schlossermythos steckt und habe mich auf die Suche nach Schlossern bei Union begeben.
Das Branchenbuch der Union-Sponsoren und -Partner hat 294 Seiten, es sind meist kleine, maximal mittelständische Betriebe, darunter nur eine ausgewiesene Schlosserei und Hinze Stahlbau als Premiumsponsor, Werbespruch: „eine eiserne, unlösbare Verbindung“.

Alles in Oberschöneweider Klinker

Kommt man vom Parkplatz an der Alten Försterei auf die Haupttribüne zu, stößt man auf eine Hommage: Die Fassade erinnert an die Fabrikgebäude aus sogenanntem Oberschöneweider Klinker, den berühmte Industriearchitekten wie Peter Behrens an der Wilhelminenhofstraße für ihre Kathedralen von Elektropolis verbauten. Auch bei der Erweiterung des Stadions bis 2020 sind die gelben Klinker für die Treppenhaustürme vorgesehen.

Über drei Etagen der Haupttribüne verteilen sich die VIP-Bereiche, in den Fluren deckenhohe Fotos aus Metallbetrieben vor hundert Jahren. Es gibt die Logen, die Eisern Lounges und die Schlosserei. Während in ersteren die Leute schon mal weiße Hemden mit dem Logo der Firma tragen, Frauen steif dasitzen, den Schal wie einen Fremdkörper um den Hals gehängt, die Faltung aus der Verpackung ist noch zu erkennen, und Gäste, ins Gespräch vertieft, schon mal eine ganze Halbzeit verpassen, geht es in der Schlosserei zu wie in der Kantine vom TRO.

Es wird noch kräftig berlinert, Bier ist Stulle, man hat die Aufstellung im Kopf und ein Ergebnis gewettet, und die dienstbaren Geister sind nicht so aufgebrezelt wie eine Etage höher, sondern tragen karierte Hemden, auf denen etwas albern je nach Geschlecht „Schlosserjunge“ oder „Schlossermädchen“ steht.

„Da bin ich Teil der Meute"

In der Schlosserei treffe ich Männer, Fans seit den Sechzigern, die Firmen mit fünf oder zehn Mitarbeitern haben, die sie nach der Wiedervereinigung aus dem Nichts aufbauten, Aufträge oft von öffentlichen Einrichtungen oder Wohnungsbaugesellschaften bekommen und sich ein paar Plätze an einem der Tische in der Schlosserei leisten, an den sie Geschäftspartner laden. Einer sagt, er könnte sich auch eine Loge mieten, finanziell kein Problem, „aber was soll ich da oben, in der Schlosserei gefällt es mir besser, da bin ich Teil der Meute, wie früher auf den Stehplätzen“.

Ich frage nach Schlossern, alle schütteln den Kopf. Es gibt Maurer und Putzer, Elektriker, Kälte- oder Wärmeingenieure. Sie sagen, „Union ist unser Leben“, und man glaubt es sofort. Die Männer sind in der Überzahl, aber die Frauen, die da sind, verstehen was vom Spiel und sehen nicht so aus, als würden sie sich im Fanshop ein tailliertes T-Shirt kaufen, auf dem das Wort Union mit Blumen geschrieben ist. Die Preise sind hier für eine Saisonkarte happig vierstellig.

Es dauert ein paar Spiele, bis einer sagt: „Fahr nach Köpenick, da gibt es eine Schlosserei mit Union-Fans.“ Gesagt, getan. Eine ruhige Seitenstraße der Wendenschloßstraße in Köpenick. Zwischen Einfamilienhäusern und Industriebrachen versteckt die kleine Schlosserei Harry Erlemann. Inhaber ist Volker Klatt, Jahrgang 1971. Mit seinem sechs Jahre älteren Mitarbeiter Stefan Ullmann sitzen wir in der Werkstatt. Sie stellen hier alles her, was aus Eisen ist oder reparieren es, vom Balkongitter über Tore und Zäune bis zum abgebrochenen Spaten von Oma Meyer.

An der Wand hängen Union-Plakate, die Mannschaftsfotos der letzten zehn Jahre, diverse Devotionalien. Ich trinke Kaffee aus einer Union-Tasse. „Nur Fahne jeht nicht“, sagt Volker Klatt, „die könnte anbrennen.“ Es wird gepflegt berlinert, mit einer Vorliebe für den Plusquamperfekt (ick hatte jehabt), der die Ur-Ostberliner verrät.

Beide gehen seit ihrer frühesten Jugend zu Union. Schicksal, wenn man aus Schöneweide kommt, wie Volker, der sogar mal beim Probetraining war als Kind, bewusste Wahl für Stefan, der in Lichtenberg aufwuchs: „Da gab’s auch Bifis“, Fans des BFC Dynamo. Schon in der frühesten Jugend ging’s sonnabends zum Heimspiel, später auch nach Auswärts: „In der Liga waren die Spiele sogar um 10 oder um 11 morgens. Und wir mussten ja noch Sonnabend in die Schule gehen, und da haben wir den Schal mitjenommen und sind nach der zweiten Stunde abjebüxt.“

Klatt ergänzt: „Da waren ja noch die Bordsteinkanten als Tribünen und hinter Sektor 3 war der Schwarzmarkt jewesen. Da war ne Bockwurstbude und ’n Bierstand jewesen und dann standen se da alle und haben Depeche-Mode-Poster verkooft, aus der Bravo, echte. Ne Doppelseite hat 20 Ostmark jekostet.“

Überbrückungsjobs und Umschulungen 

Ihre Werdegänge sind typisch für die Generation, im Großbetrieb mit Schichtsystem Schlosser gelernt, nach der Wende arbeitslos, von Westlern abgeworben und übern Tisch gezogen, in Pleitebetrieben beschäftigt, diverse Überbrückungsjobs auch außerhalb Berlins, Umschulungen, Weiterbildungen, das ganze unsichere Programm.

Klatt heiratete in den Betrieb ein, Ullmann war schon da. Ihre Frauen kennen sich seit der Schulzeit, auch sie haben mehrere Berufe gelernt, so lange, bis es passte. Zu Union gehen heißt seit den Umbrüchen der Neunzigerjahre aus der Vereinzelung in die Menge treten. Eine große, bewegliche Masse, die Einzelne ausspuckt und andere neu aufnimmt, ob sie nun neugeboren oder Neuberliner sind. „Für die, die von klein auf zu Union gegangen sind, für die bleibt Union immer eine Ostmannschaft“, sagt Klatt.

„Aber die Zugereisten aus Friedrichshain, die Stuttgarter oder die anderen, die werden das anders sehen. Die sagen, Union ist geil, da ist immer was los, aber die werden auch sagen, heute gehen wir mal zu Hertha, mal sehen, was da los ist.“

Union ist die Konstante im Leben

Daniel Schreiber schreibt in seinem kürzlich erschienenen Buch „Zuhause“: „Je weniger wir uns zu Hause fühlen, desto größer die Konjunktur unserer Ideen von Heimat und desto größer der Wunsch nach einem Ort, an dem wir uns uneingeschränkt zu Hause fühlen können.“ Im Gespräch mit Klatt und Ullmann wird klar, welche Bedeutung die Alte Försterei hat, weit über alles Sportliche hinaus, jenseits von Arbeitermythos und wirklicher oder vermeintlicher Authentizität.

Egal, in welcher Liga Union spielte, die Spiele waren die Konstante im Leben, für einige fast die einzige. Die gesamte Existenz war ins Wanken geraten, aber die Alte Försterei blieb ein verlässlicher Ort. Hier traf man die Leute, die man außerhalb des Stadions nie mehr sah, weil sie tausende Kilometer zur Arbeit fuhren oder kein Geld mehr hatten für eine Kneipentour. Aber Geld für die Karte in Sektor 3 musste drin sein. Dass Union nun die Dauerkarte an eine Mitgliedschaft binden will, ärgert Stefan Ullmann. Da ist er zu sehr Ostler, als dass er seine Daten freiwillig abgibt. „Auch wenn man nie auf Randale aus war, man möchte nicht identifizierbar sein, man möchte untergehn in der Masse, anonym und aus vollem Herzen.“

Auf meine Frage, was eigentlich die schönste Zeit war bei Union Berlin, fallen ihre Urteile unterschiedlich aus: Klatt findet, die Regionalligazeiten, als sie, weil genug Platz war, auf den Kantensteinen saßen und geklönt haben. Ullmann findet, ganz Ostberliner Understatement, die Gegenwart „janich so schlecht, weil die von den sportlichen Ergebnissen so sorgenfrei ist, weil du eigentlich kaum noch gegen den Abstieg spielst.“

"Dabei sein, weil Union gerade hip ist“

Klatt ist durch und durch Köpenicker. Friedrichshain ist eigentlich schon Ausland, aber man pflegt den Internationalismus. „Wir stehen ja immer im Sektor 3 neben der alten Anzeigetafel, die lange Gegengerade. Da jibt’s inzwischen Eventies aus Friedrichshain, die kieken die janze Zeit auf ihr Handy, eigentlich interessiert die det Spiel nich, die wollen eben nur dabei sein, weil Union gerade hip is. Wenn wir denen sagen, wir sind schon dreißig Jahre bei Union, da könn’ die nischt mit anfangen. Aber ick find’s in Ordnung, die bringen Jeld. Die koofen eben dit Bier für vier Euro.“

Noch milder ist Stefan Ullmanns Blick auf die Hertha-Fans. „Wenn eener im alten Westberlin großjeworden is, logisch, dass der auf Hertha steht, ick hab da keen Problem mit. Ick kann nich erwarten, dass der zu Union kommt.“ Für Union-Sponsoring wirft die Werkstatt nicht genug Gewinn ab. Auf die Haupttribüne wechseln, um am VIP-Tisch zu sitzen, fiele Klatt auch bei einem Traumumsatz nicht ein. Und auch Ullmann kann sich nicht vorstellen, während des Spiels brav auf einem Platz zu sitzen.

„Wenn ick überlege, wir haben jetzt den ersten Spieltag wieder jehabt, da stehste im Gang und da is dieser Jeruch aus Bratwurst, Bier und Schweiß und allet, da weeßte jenau, wo du bist, selbst ohne Geräuschpegel. Wenn dit nich mehr da is, dann weeß ick nich.“

Die Geschichte mit dem Schal 

Und zum Schluss noch eine Anekdote, die Stefan Ullmann erzählte, und weil sie so schön ist, hänge ich sie hinten dran, eine Minute Nachspielzeit wegen Foul an Kroos in der 70. Minute: „Meene Frau hat mir vor’n paar Jahren een Schal jestrickt, den janzen Norwegenurlaub über, und den hab ick zwei Wochen später verloren. Keen Witz. Ick hab dit erst jar nich jemerkt. Aber dann bin ick nachts uffjewacht, schweißjebadet und da fiel mir ein, der Schal is nich da. Det kam wie so’n Schuss. Ick gleich hoch, anjezogen und uffs Fahrrad und bis zur Straßenbahn vor, weil ick dachte, det Ding ist mir da abhandenjekommen. Ick wusste noch, ick hatte den an die Umhängetasche jeknotet, weil det Ding so warm war am Hals. Dit war mir so peinlich jewesen, dass ick’s meiner Frau jarnich erzählt hab.

Ick hab die Restwolle jenommen und bin in Köpenick in der Bahnhofstraße in den Wollladen und hab neue Wolle jeholt. Und dann bin ick nach Fredersdorf, da wusst ick, sitzen so ’ne alten Frauen immer in ’nem Laden und stricken. Da hab ick die eene jefragt, ob sie mir den Schal strickt. Und hatt se jemacht für 20 Euro. Ick bin dann noch zu ner Bekannten, die mir die Flusen da an den Enden noch dranjeknüppert hat. Is aber nich so jeworden wie det Original. Aber det hat se nich jemerkt, meine Frau. Vor kurzem hab ick’s mal jebeichtet, ham wir beide schön jelacht. Den Schal halt ick in Ehren, der bleibt zu Hause.“

Zur Autorin: Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg, ist Schriftstellerin, Journalistin, Dozentin und Gelegenheitsperformerin. Zuletzt erschien von ihr „Die Städtesammlerin. Mit der Linie 4 an die entlegensten Orte der Welt“ (2017).