An ihr kam im wahrsten Sinne des Wortes kein Berliner vorbei. Fast 100 Jahre lang war sie die wichtigste Uhr der Stadt. Der Dichter Heinrich Heine hat in seinen "Berliner Briefen" anschaulich die ungewöhnlichen Vorgänge vor dem Gebäude der Akademie der Wissenschaften Unter den Linden beschrieben, über deren Hauptportal von 1787 bis 1872 Berlins einzige Normaluhr hing. "Sie wundern sich, dass alle Männer hier plötzlich stehen bleiben, mit der Hand in die Hosentasche greifen und in die Höhe schauen? Mein Lieber, wir stehen just vor der Akademieuhr, die am richtigsten geht von allen Uhren Berlins, und jeder Vorübergehende verfehlt nicht, die seinige danach zu richten." Die Laufgenauigkeit des Zeitanzeigers von Preußens Hofuhrmacher Christian Möllinger war garantiert. Die Uhr wurde von Akademiemitgliedern anhand von Himmelsbeobachtungen immer wieder exakt gestellt, denn zur Akademie gehörte damals auch ein Observatorium. Selbst Pfarrer sollen vor der Akademie die Genauigkeit "ihrer" Kirchturmuhr verglichen haben. Erst 1872 verlor die Uhr ihre Monopolstellung, 1903 verschwand sie von dem Gebäude, das dem neuen Haus der Akademie und der Preußischen Staatsbibliothek weichen musste.Heute steht das historische Chronometer im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in der Jägerstraße. "Sie ist eines unserer wertvollsten Stücke", sagt Archivdirektor Wolfgang Knobloch. Inzwischen ist die 1,70 Meter hohe Uhr mit dem 55 Zentimeter großen Ziffernblatt nicht mehr funktionstüchtig. Eine Reparatur wäre aber möglich, dafür fehlt Knobloch allerdings das Geld. Voltaires NaseIn den ehemaligen Tresorräumen der preußischen Staatsbank, wo das Akademiearchiv seit 1957 untergebracht ist, lagern noch andere Raritäten - rund 2 000 Gemälde, Büsten, Grafiken und technische Geräte - darunter auch ein Nachbau der Rechenmaschine von Akademie-Gründer Gottfried Wilhelm Leibniz. Das wohl edelste Stück ist die marmorne Voltaire-Büste, die Friedrich II. 1778 beim Künstler Jean Antoine Houdon in Auftrag gegeben hatte. Drei Jahre später schenkte der Preußen-König das Abbild seines Freundes der Akademie. Dort stand es jahrelang im Sitzungssaal. "Die Büste ist eine unglaublich filigrane Arbeit", sagt Knobloch. Allerdings hat sie einen kleinen Schönheitsfehler. Vor Jahren war Voltaires Nase abgebrochen, ein zu DDR-Zeiten unternommener Restaurierungsversuch schlug fehl. "Wir suchen jetzt einen Sponsoren, der uns eine neue, besser passende Nase finanziert." Der Großteil der Archivräume ist mit Schriftgut aus der 300-jährigen Geschichte der Akademie gefüllt. Zu den Raritäten zählt eine Kabinettsorder von Friedrich II. aus dem Jahre 1740, in der der Monarch die Ausgaben aus der Akademiekasse für die königlichen Hofnarren in Höhe von 200 Talern streicht. Anmeldungen für Führungen durch das Archiv unter Tel. 20 37 02 21.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Archivdirektor Wolfgang Knobloch neben der Akademie-Uhr, die vor mehr als 200 Jahren eines der Wahrzeichen Berlins war.