PRENZLAUER BERG Gleich vier Zigarrenhändler buhlten in den 20er Jahren um die Kunden in der Rykestraße. Auf dieses und andere Details stießen Studenten der Humboldt-Universität bei ihrer Datensammlung über die Straße.Blättert man in den alten Adreßbüchern, lebt die Geschichte der Rykestraße wieder auf. In den 20er Jahren gab es in fast jedem Haus ein Geschäft. So konkurrierten die Milchläden und zwei Bäckereien, und man hatte die Wahl zwischen vier Zigarrenhandlungen. Frisches Fleisch, Gemüse und Reformkost waren ohne weiteres in der eigenen Straße zu haben. Kernseife, Haarnadeln und Rasierklingen kaufte man in der Seifenhandlung Timm oder bei Bergemann in der Drogengroßhandlung. Wäsche wurde in der Wäscherei Otto abgegeben.Kohlen brauchten die Leute nicht nur zum Heizen, auch zum Kochen. Gleich vier Kohlenhändler teilten sich das Geschäft. Kürschner, Schneider, Tischler, Maler, Schuhmacher, Klempner - die Liste der ansässigen Handwerker ist lang. Aber auch für den sonntäglichen Biergenuß war gesorgt; in der Nummer 2 bei Gastwirt Altmann und schräg gegenüber, Nummer 30, bei Gastwirt Rühs, wurde eine kühle Blonde gezapft. Zu guter Letzt gehörte zum Leben in der Straße auch ein Bestattungsverein.Ein Schriftzug an der Nummer 7 ist sehr deutlich zu lesen: Melkerei. Was heute seltsam anmutet, war damals in Berlin nicht ungewöhnlich. Auf dem zweiten Hinterhof wurden Kühe in einem Stall gehalten. Ganz in ländlicher Manier wurden sie jeden Morgen und Abend gemolken, wonach man die frische Kuhmilch vorn im Laden kaufen konnte: Biomilch anno 1920.Natürlich konnte man auf dem dunklen Hinterhof nicht ununterbrochen Tiere halten, deswegen chauffierte man sie von Zeit zu Zeit wieder aufs Land: Die Kühe wurden alle paar Tage ausgewechselt, erzählt Frau Apel aus der Rykestraße. "Wenn der Laster mit den Kühen von der Weide kam, war das immer eine Attraktion für die Stadtkinder." Damals hatte die Rykestraße wesentlich mehr Einwohner, so daß die vielen kleinen Läden und Handwerksbetriebe nebeneinander existieren konnten. Außerdem boten nur die Märkte und Markthallen eine Alternative für den Einkauf.Man lebte auf engstem Raum, teilte sich in den Hinterhöfen die Außentoilette mit mehreren Mietparteien - die Bedeutung von Nachbarschaft war eine andere als heute, auch was den Einkauf nebenan betraf. Anwohnerin Apel: "Die Tante-Emma-Läden kommen nie wieder Die Zeiten sind vorbei." +++