BERLIN, 26. Mai. Jede Geschichte kann so oder anders erzählt werden. Wenn Horst Frank den dikken Max markieren wollte, und das wollte er oft, dann gab er sich ordentlich ruppig: "Auf Qualität konnte ich keine Rücksicht nehmen sonst hätte ich meinen Beruf schon vor 30 Jahren an den Nagel hängen müssen. Ich mußte 46 Jahre für Deutschland morden daraus kann jeder ersehen, daß dies für mich nur ein Job ist, um Geld zu verdienen." Manchmal war dem Schauspieler Frank edler zumute. "Ich durfte nie für Deutschland küssen, ich mußte immer nur morden", sagte er dann, und die Sehnsucht nach dem Küssen und die Enttäuschung über das Morden waren gleichermaßen zu spüren.Viel spielen, viel verdienenHorst Frank hatte die Sorte Kinn, die gerne als entschlossen bezeichnet wird. Er hatte Augen, die man kernig "stahlblau" nennt. Franks Stimme war rauchig, kehlig oder verbraucht für Verbrecher-Typen jedenfalls wie geschaffen. Außerdem wollte der gebürtige Lübecker, der in Hamburg die Schauspielschule besucht hatte, viele Rollen spielen, und er wollte damit viel verdienen. Also wurde er zum "Bösewicht vom Dienst", zum "Fiesling der Nation", zur "blonden Bestie" mit dem abgründigen Intellekt. Frank war der allerliebste Widerling. Bis 1993 spielte er in mehr als 500 Kino- und Fernsehfilmen mit.Seine Leinwand-Karriere begann 1956: In "Der Stern von Afrika" gab er einen zynischen und feigen Flieger, in seinem zweiten Film "Haie und kleine Fische" einen Seekadetten, der Selbstmord begeht. In "Der Greifer" war er als neurotischer Mörder zu sehen, der sich vom "Greifer" Hans Albers stellen lassen mußte. War er anfangs noch ein eher sensibler Darsteller von komplizierten Charakteren, so wurde Frank in den 60er Jahren von den Produzenten mehr und mehr gewinnträchtig besetzt und auf das Schurken-Image festgelegt. Später erklärte er: "Ich will ja keine goldenen Koteletts fressen. Aber ich scheiße darauf, künstlerisch zu arbeiten, wenn meine Töpfe leer sind. Da kann den Hamlet spielen, wer will." Und so kam es: Er drehte Action- und Abenteuerfilme, viele Fernsehkrimis, war in diversen Italo-Western zu sehen es waren nicht immer die besten."Bei mir läuft immer Blut raus, oder ich habe ein Messer im Rükken", behauptete er einmal mit der ihm eigenen Unverblümtheit. Auch wenn das Blut in Strömen floß: Eine Seele war noch im gemeinsten Verbrecher zu ahnen, wenn er von Frank verkörpert wurde. Manches Werk bewahrte er so vor gähnender Langeweile, manche Produktion bereicherte er erheblich. Zu seinen besten Auftritten zählte der als Teufel in der Fernseh-Kinderserie "Timm Thaler". Er war es, der Timm das Lachen abkaufte.Diszipliniert sei Frank bei der Arbeit stets gewesen, diszipliniert und intensiv, betonte der Regisseur Jürgen Roland: "Selbst wenn er sogenannte B-Filme drehte, spielte er, als ginge es darum, den Oscar zu holen." Zum Oscar aber hat zeitlebens ein großes Stück gefehlt. Ein eher unstetes Privatleben voller Alkoholexzesse und Finanzprobleme behinderte seine Karriere häufig. Auch wenn Frank sich immer wieder auf Theater-Tourneen begab, geriet er doch mehr und mehr in Vergessenheit. Den Abstieg vom "Superstar zum Sozialfall" ("Bild") und die Ankunft in der Boulevard-Rubrik "Unsere vergessenen Stars" erklärte er sich selbst zum einen mit gesundheitlichen Problemen: "Ich bin raus aus dem Geschäft wegen einer miesen Zahnprothese. Ich konnte durch sie nicht richtig sprechen. Da haben alle gedacht: Der Frank ist ja ständig besoffen, den können wir nicht mehr engagieren." Auch beklagte er bitter den Jugendwahn der Produzenten: "Ich passe nicht mehr in die Zeit. Und man sagt, daß ich zu alt für den Job bin." Dabei wollte gerade er nichts weniger als vergessen werden. Wütend dichtete er: "Man kann mich hassen, verdammen. Mit Fingern zeigen auf mich. Die Faust in den Magen mir rammen. Nur vergessen, das kann man mich nicht."Horst Frank, der fast vergessene Star, hatte seinen Stolz. Er, der am Freitag 70 Jahre alt geworden wäre, stand bis kurz vor seinem Tod in München auf der Bühne, spielte in der Woody-Allen-Komödie "Kugeln über dem Broadway". Er starb am Dienstag abend in Heidelberg an Herzversagen. Noch im Dezember hatte er sich gewünscht: "Nach meiner Theatertournee gehe ich vielleicht als Hausmeister in die Türkei oder schlafe unter den Brücken von Paris. Sterben will ich mit nem Bierchen in der Hand."