Es war einmal. So beginnen die schönsten aller Grimmschen Märchen und so beginnt auch Kathrin Duves neuer Roman. Prinzen und Prinzessinen tummeln sich darin, ebenso Feen, Zwerge, Drachen und Zauberer. Doch nicht die Völkerfantasie ist hier am Erzählen, sondern eine Autorin, die den alten Märchenfiguren eine neue Psyche einhaucht und Königen und Königskindern ein zeitgemäßes Aussehen verpasst. Sie klappt ihren Rittern die Visiere hoch, um Unbewusstes und Verdrängtes ans Licht zu zerren. Wer hier gut ist und wer böse, ist nach einem Blick in die unaufgeräumten Oberstübchen nicht leicht zu beantworten. Karen Duve führt ihre Leser in das hoch im Norden gelegene Reich Snögglinduralthorma, in dem der Winter lang ist und der Sommer kurz. König Rothafur hat eine Tochter im heiratsfähigen Alter, mit der sich der gesamte Hofstaat durch die kalte Jahreszeit langweilt. Die Prinzessin ist zwar schön, doch ihr Vater besitzt nur ein popeliges Königreich, wo nichts wächst, nichts wärmt und keiner außer dem Hofzwerg witzelt. Als der Sänger Penegrillo in der hölzernen Trutzburg auftaucht, wird er kurzerhand als winterliche Abwechslung einkassiert. Erst im Frühjahr darf er wieder von dannen ziehen. In dem Gemisch aus wirklichen und fiktiven Schauplätzen, die der Roman bietet, hat der fahrende Minnediener nichts anderes zu tun, als zum Sängerwettstreit auf die Wartburg zu stürmen, um dort die holde Schöne anzupreisen. Die Kunde von ihr dringt auch an Prinz Diegos Ohr. Der Thronfolger des südlichen Baskariens schert sich nicht um die mickrige Mitgift und macht sich auf den Weg, um die Nordlandschönheit zu freien. Die Brautwerbung endet mit einem Brautraub und die Nordlandritter ziehen aus, um die Tochter ihres Königs wieder heimzuholen. Allen voran reitet Ritter Bredur, der in den langen Wintermonaten ein flüchtiges Techtelmechtel mit der Prinzessin hatte. Nun ist aus nördlicher Sicht eine Entführung eigentlich eine entspannte Sache, solange sie in den Süden führt. Wenn da nicht der durch Diegos Vorgehen verletzte Frauenstolz wäre. So muss die Prinzessin noch eine ganze Weile herumzicken und als Strafe dafür die riesigen Unterhosen des Hofmarschalls waschen, bis der Ritter seine Abenteuer bestanden und der Königssohn endlich zur Königstochter gefunden hat. Die Autorin hat offensichtlich viel und lange in den Märchen aus aller Welt, Sagen und Legenden gelesen, es tauchen eine Unmenge von Motiven, Themen und Stoffen in verwandelter Form wieder auf wie etwa aus dem Kudrun-Epos und den Märchen aus Tausenundeindern Nacht. Wenn es um Drachen und Zauberer geht, pottert die Handlung sogar ein wenig. Allein dieser leicht fiese Duve-Sound ist unverwechselbar. Nur hier schliddern und stolpern die Helden auf so unheldische Weise durch die angestammten Märchenreiche, dass dem Leser genug Zeit bleibt, um darauf einen kritischen Blick zu werfen: Der Orient entpuppt sich als Opiumhöhle, der nur entkommt, wer die Qualen einer Entziehungskur auf sich nimmt. Prinzessinnen unterliegen einem wahren Beautyterror, sobald ein Prinz naht: "Waschen! ... Rausputzen! Haareflechten". Alles in allem ist es eine Strafe, von königlichem Geblüt zu sein: "Jawohl", stimmte die Königin ihrem Gemahl zu, "Reiche und Mächtige müssen sich Reichtum und Macht durch persönliches Unglück erkaufen. Man beneidet unsereiner völlig zu Unrecht." Was die Figuren umtreibt, ist kein mythisches Schicksal. Sie werden einfach nur beim Wort genommen. So führt die vielbeschworene Tapferkeit der Ritter dazu, dass der Königssohn mitunter nicht weiß, ob er dem Herzbuben oder der Herzdame folgen soll. Und Prinzessinnen sind, was sie sind, verzogene Gören, denen ein Zauberer ab und zu mal die Leviten lesen muss: "Ihr seid verwöhnt - das ist es. Aber man muss auch mal geben können. Nicht immer nur nehmen und nehmen und nehmen." Und ab mit der Jungfer in den Drachenzwinger. Doch damit nicht genug, lustvoll verfolgt die Erzählerin dann auch noch die Spuren von Drachengeifer auf dem Brokatkleid der Blaublütigen. Hier spinnt keine weise Alte ihr Garn. Eine altkluge Junge fantasiert sich mit dem Bierkrug in der Hand was zusammen und haut sich dabei lauthals lachend auf die Schenkel. Was sie zusammenfabuliert, ist versponnen und versonnen. Noch aus den hysterischen Wutausbrüchen der Königskinder und den Seufzern liebeskranker Drachen hört man dieses respektlose Lachen heraus. Die Närrin, die die Erzählerin ist, sympathisiert mit dem Narren, von dem sie erzählt. Sie gönnt dem Hofzwerg nicht nur eine Narrenkappe, sondern gleich ein ganzes Narrenreich.Der von allen gezwickte und gezwackte Tor Pedsi am Hofe König Rothafurs ist der eigentliche Held dieses Romans. Um seinen Peinigern zu entkommen und für sich selbst eine Kammerzofe zu bekommen, veranlasst der Zwerg die Entführung der Prinzessin. Zwar wird sie von einem Ritter großspurig wieder befreit, doch denkt der dabei kleinlaut an seinen Vater: "Er stellte sich vor, wie er ins Nordland zurückkehrte, mit der Prinzessin hinter sich auf dem Pferd, und der baskarische Königsohn folgte als Geisel an einem Strick. Das würde seinen Vater aus den Fellstiefeln hauen. Es war zwar nicht mehr wichtig, was sein Vater von ihm hielt ..., aber aus den Stiefeln hauen würde es ihn schon." Wer einst im Märchen zu Abenteuern auszog, kehrte fast zwangsläufig mit einer Prinzessin heim. In Karen Duves Roman schlägt der Ritter die Hand der Königstochter letztendlich aus. Denn was er eigentlich sucht, ist ein Therapeut, den er im Märchenreich nicht finden kann. So wird der Große klein gemacht, der Kleine aber groß rausgebracht und Tugenden werden als Untugenden entlarvt: Neidlos sind nur die Antriebsschwachen, stolz nur die Weltunkundigen und Bescheidenheit offenbart einen Mangel an Größe. Einst hatte das Märchen die Funktion, Ratgeber zu sein. Nicht was die Alten wussten, wird in der "Entführten Prinzessin" in dieser Form gestaltet. Was der Alltag an Wissen bereithält, wird hier in die alte Form gestopft. Sie klingt wohl märchenhaft und singt doch sehr modern.------------------------------Karen Duve: Die entführte Prinzessin. Von Drachen, Liebe und anderen Ungeheuern, Roman. Eichborn, Berlin 2005. 397 S., 24,90 Euro.------------------------------In Karen Duves Roman schlägt der Ritter die Hand der Königstochter letztendlich aus. Was er eigentlich sucht, ist ein Therapeut.------------------------------Foto: Alles in allem ist es eine Strafe, von königlichem Geblüt zu sein: "Jawohl", stimmte die Königin zu. "Man beneidet unsereiner völlig zu Unrecht."