Herr Pinkwart, die FDP will ein Bürgergeld einführen. Was soll das sein?Es gibt gegenwärtig eine Vielzahl von Sozialleistungen, die oftmals überhaupt nicht so wirken, wie sie das sollen. Wir wollen all diese Transfers bündeln und durch ein Bürgergeld ersetzen. Der erste Schritt dazu ist schon erfolgt, mit der Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II. Wir wollen auch das Wohngeld hinzunehmen, das Kindergeld, Hilfen in besonderen Lebenslagen, das neu einzuführende Gesundheitsgeld, das Bafög - all diese Leistungen werden im Bürgergeld zusammengeführt und nach Bedürftigkeit ausgezahlt.Ändert sich nur der Name?Nein, es schafft mehr Transparenz, weniger Bürokratie und mehr Zielgenauigkeit. Und damit auch mehr Gerechtigkeit. Als zentrale Auszahlungsstelle fungiert das Finanzamt. Wer wenig verdient, zahlt dann keine Steuern mehr, sondern bekommt eine Steuergutschrift. Eine negative Einkommenssteuer, wenn Sie so wollen. Außerdem wollen wir durch das Bürgergeld bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten schaffen: Wer eine Arbeit aufnimmt, soll netto immer mehr haben als derjenige, der gar nicht oder nicht so viel arbeitet.In Ihrem Entwurf, über den am Sonnabend beim Landesparteitag in Essen abgestimmt werden soll, liegen die Leistungen des Bürgergeldes deutlich über dem ALG II. Dieses kostet bereits über eine Milliarde mehr als vorgesehen. Wie wollen Sie das Bürgergeld finanzieren?Wir versprechen keine höheren Leistungen. Was sich ändert, sind die Hinzuverdienstmöglichkeiten. Das bringt mehr Menschen in reguläre Beschäftigung, unterm Strich finanziert sich unser Konzept selbst. Beispiel: Derzeit bleibt von einem 400-Euro-Job noch nicht mal ein Viertel. Nach unserem Vorschlag wären es 250 Euro. Ein weiteres Beispiel: Eine Familie mit drei Kindern, wo die Eltern 1 500 Euro verdienen, kommt dank der Sozialleistungen bisher auf ein Einkommen von 2 060 Euro. Wenn die Eltern nun mehr arbeiten und 2 300 Euro verdienen, haben sie trotzdem nicht mehr in der Tasche. Sie haben dann sogar weniger - nämlich nur noch 2 030 Euro, weil Sozialleistungen wegfallen. Da denken viele, da bleibt man besser zu Hause oder arbeitet schwarz. Bei uns hätte die Familie mit jedem Euro auch netto mehr.Wer nicht arbeiten will, soll das Bürgergeld um bis zu 30 Prozent gekürzt bekommen.Das sind die gleichen Regelungen wie beim ALG II, wenn jemand eine zumutbare Arbeit nicht annimmt. Vor allem den Jüngeren, die nicht gebunden sind, können wir Flexibilität, auch räumlich, abverlangen. Die dürfen sich nicht in einer Hängematte einrichten.Durch die Zusammenlegung der Leistungen entstünde ein Super-Finanzamt. Ein Horror für Datenschützer?Derzeit sammeln viele Behörden viele Daten, einige sind hinter dem Rücken der Bürger vernetzt. Beim Bürgergeld werden weniger Daten von nur einer Behörde gesammelt - und jeder weiß, welche das sind.Das Bürgergeld ist ein sozialpolitisches Thema - nicht gerade die Domäne der FDP. Suchen Sie für die NRW-Wahl am 22. Mai eine neue Wählerklientel?Die FDP kann nicht darüber hinweggehen, dass wir 5,2 Millionen Arbeitslose haben. Und wir können nicht darüber hinweggehen, dass besonders in Nordrhein-Westfalen - einem Land, das seit über 40 Jahren sozialdemokratisch regiert wird! - die soziale Herkunft über die Bildungschancen der Kinder entscheidet. Die FDP war immer eine Partei, die Chancen eröffnen wollte, und das ist in der heutigen Leistungsgesellschaft nötiger als je zuvor. Denn Kinder, die in einem Umfeld aufwachsen, wo Arbeitslosigkeit zu einem Dauerphänomen geworden ist, haben es schwer. Reden Sie mal mit Unternehmern und Wissenschaftlern, die aus China zurückkommen: Die berichten von Menschen, die enorm fleißig sind, die Tag und Nacht und am Wochenende arbeiten. Das sind unsere Wettbewerber. Wir wollen aber unsere Standards hier sichern - und das geht nur über Qualität.Das Gespräch führten Sigrid Averesch und Marin Majica.------------------------------Foto: Andreas Pinkwart (44) ist stellvertretender Bundesvorsitzender und NRW-Chef der Liberalen.