"Det is n KT. Bis 35 is KT." "Nee, Bernd, bis 30. Bis 35 is n Zwerch."Wat? So zierlich und schon Zwerchw"Bernd! Umfang maximal 30, det is Vorschrift. Genau wie s Vorschrift is, diß n Zwerch keen Normaischlach kreuzen darf. Da: 32!" "Aber sieht aus wien KT."*Natascha von Preul3isch-Nassau, von ihren Fans "Nucknuck" gerufen, verdreht dem Preisrichter glatt den Kopf. Muskatbraune Locken, Scherengebiß, klassisches Gebäude. Und wie sie im Hing läuft! Erst in flotter Bewegung zeigt ja der Dackel seinen ganzen Adel.Frauchen halt die Leine mit zwei Fingern. Herr Lehmarm, von der Gruppe Berlin V des Deutschen Tekkelldubs zum Richter bestellt, verleiht in der nach vierzig Jahren letzten Zuchtschau auf der Vereinsranch in Dreilinden an Natascha von Preußisch-Nassau den Formwert ,vorzüglich.Jubel brandet auf. Nucknuck, kaum größer als ein Eichhörnchen, wird umringt. Doch die Freude der Dackelbesitzer ist gedämpft. Einmal, weil es regnet, und dann, weil eine Ära zu Ende geht.Mit der Einheit hat die Berliner Teckelei zwar Aufschwung genommen, wurde aber zugleich ins Exil getrieben. Der im Ostland streng rationierte Bestand vermehrt sich nun täglich. Die West-Berliner mußten ihr Maueridyll zwischen Kleistgrab und KontroLlpunkt verlassen. Gemeinsam sieht man sich windumtoster märkischer Pampa ausgesetzt.Er hatte schon mitWolf shunden ScherereienDackel waren die einzigen Hunde mit Partelanbindung. Sie durften nur "für jagdliche Zwecke" gehalten und gezüchtet werden. Wer Welpen an Unbefugte abgab, konnte aus dem Jagdverband, aus der Partei gar ausgeschlossen werden. Wohl gab es viele Schleichweg-Dackel, aber sie hatten keine Papiere. Ein Dackel ohne Papiere jedoch ist keiner, nicht für seine professionellen Freunde, "da weiß man nie, was drinne is".Eberhard Otto, ein breitbauchiger, pensionierter Deutschlehrer aus der Neuruppiner Gegend, Dackelzüchter seit der Wende, hatte zu DDR-Zeiten schon mit seinen Wolfshunden genug Scherereien. Nur fünf Züchter gab es im ganzen Staat, genetische Auffrischung "vom anderen Planeten wurde zur letzten Hoffnung.Otto schickte vierzig Weihnachtskarten mit einem heimlichen Hilfeschrei nach drüben. Wie er dafür denunziert wurde, das vergißt er rue. Am 16. November unternahm Eberhard Otto seine erste Fahrt in den Westen: mit einer Wolfshündin zum Decken.Niemand weiß, wohin die Lizenz verschwandMit fünfzig anderen Dackeln wuselt seine Deborah of Golden Talisman über den Klubplatz. Der Anhang hinterdrein: behäbige Schlachtenbun3nller und kritische Züchter, Zehlendorfer Witwen und die meist lodengrtlnen Stützen des Vereinslebens. Im Tann duckt sich ein Blockhaus.Der Klubplatz hat schon viele Dackel gesehen, seit der Verein vor 100 Jahren von preußischen Offizieren gegründet wurde: In den fünfziger Jahren trug man Kurzhaardakkel, wie 0. E. Hasse als Admiral Canaris. Die späten Sechziger waren die große Zeit des Langhaars. Seit zehn Jahren aber ist der Rauhhaardackel auf dem Vormarsch, mit dem charakteristischen Bartwuchs eines Justizbeamten. Praktisch, rustikal, ein Hund wie Bayern.Bei der Wiedervereinigung (schon 1991 gab es auch die AG Berlin-Brandenburg) mußten gewisse formale Entscheidungen gefällt werden. Zu den vielen Kürzeln der Ahnentafein ("Färbung ABEcbicbiJGg Kww") kam ein weiteres hinzu: Schrägatrich 0 heißt Ost. Obgleich "sehr gutes Ausstellungsmaterial" darunter war, durften sie bei Hundeschauen nicht in der Championgruppe antreten, mußten sich erst in der offenen Klasse emporarbeiten. Besonders Thüringen, traditionell Zuchtheimat des Langhaardackels hatte da kaum Probleme.Am Westen beeindruckte die Nahrungspalette. Zwar war im Osten Fleisch aus der Abdeckerei billig, 70 Pfennig per Kilo, doch Fertigfutter gab es wenig. Herr Otto stellte seine Hunde einem Versuchsprogramm der Uni Leipzig zur Verfügung, deren Mischung "schlug hervorragend an". Prompt hat er nie wieder davon gehört, niemand weiß, wohin die Lizenz verschwand.,, Wahrscheinlich zu Frolic."Pro Kopf hielt man im Osten mehr Hunde als im Westen, was an den vielfältigen dienstlichen Verpflichtungen lag, zum anderen für ihre Popularität spricht. Es war "eine Nische der Selbständigkeit", interpretiert Herr Otto, auch konnte man sich so, "immerhin!", auf Schauen in Polen und der CSSR Auslauf verschaffen.Die Kamden werden vermessen, abgetastet und an der Leine präsentiert. In drei Größen-Klassen starten sie zur Schönheits-Konkurrenz: Normalschlag Zwerg- und Kaninchenteckel (KT). Mal lobt Herr Lehmarm "die sehr schöne harsche Jakke", mal macht er Abstriche: "Der Fehler bei ihm liegt im Haar." Läuft Hexe zu unruhig, so bemängelt er: "Sie zeigt sich nicht."Profis sind allein auf das Prädikat "vorzüglich" scharf. Ein "sehr gut" zerstört bereits das Bild. Bei "gut" gibt es schon Einschränkungen in der Zucht, und alles, was darunter liegt, sollte "ausgemerzt" das heißt sterilisiert werden. Einhodigkeit wäre ein Grund dafür, auch Karpfenrücken, Knickrute Faßbeinigkeit.Der Sprachheger kann vom Tekkelfreund eine Menge lernen. Der spricht vom Nacken- statt vom Rükkenwind, auch beißt der Hund nicht, er "stößt". Er wird nicht belohnt, sondern "genossen gemacht", er zeigt nicht an, er "verweist". Ein Totverweister ist also ein besonders ausgefuchster Dackel, der den Jäger zum erlegten Wild führt. Ein Charakterfehler aber wäre es, wenn dabei "der Hund das Stück anschneidet".Schmaiz- und Leberwurstbrote gehören zum Dackelfest, Jägermeister fließt in Strömen und heizt das Fachsimpeln an. Abgründe tun sich auf: zwischen Teckelklub und anderen Vereinen, Veterinären und Tierhomöopathen, Jägern und Schwarzzuchtern.Der Teckeiklub versagt ihm höhere WeihenSo hat in Gergweis im Bayrischen Wald ein findiger Lokalreporter die Tochter eines Züchters geheiratet und ein Dackelimperium aufgebaut. Die Hunde werden in alle Welt verschickt per Post in einem Spezialkarton. Doch der Teckelklub versagt ihnen die höheren Weihen. Die anderen Vereine gäben Pokale en gros aus, heißt es, adelten "mutwillig , indem sie "Ahnentafeln zum Aussuchen" boten, führten geschmacklose "Dackeirennen" durch.Auch aus dem Osten, räumt der Ehrenvorsitzende Werner Giebecke ein, seien "nicht alle mit fliegenden Fahnen übergelaufen". Einst waren Hundezuchter in der GST organisiert, jener mächtigen Dachorganisation, die sich der ilobbyfreunde vom Militariasammier bis zum Motorsportler annahm. Oberster Hundeführer war ein General. Das hatte Tradition: Herr Giebecke präsentierte seinen ersten Dackel noch unter der Schirmherrschaft Hindenburgs. Später nahm dann Göring das Hundevolk an die kurze Leine.Nach dem Krieg betrieb Giebecke im Casirxo Treptow den Neuanfang des Teckelklubs. Gesamtberlinisch. Der Mauerbau hatte fatale Auswirkungen, da er die Freunde im Osten vom Vereinsieben abkoppelte und die Restberliner fortan für jede Feldund Wiesenprufung nach Westdeutschland fahren mußten. Die Transitgebühr betrug zwei Mark pro Hund, an DDR-Feiertagen vier Mark. In engen Grenzverschlagen saßen weißgekittelte "Veterinäre Frau Hoese bürgt für folgenden kostbaren Dialog:Er: "Was haben Sie da für einen Hund?"Sie: "Det is n Rüde."Er sofort: "Nicht die Rasse will ich wissen, sondern ob es ein Männchen oder Weibchen ist!"Der Fall der Mauer brachte die Wiesen zurück aber das Aus für das Waldidyll. Vierzig Jahre lebten die Förster von Dreilinden mit zwei Störfaktoren: dem amerikanischen Schiellplatz und dem Teckeiklub. Das Pentagon war schwer erreichbar "da wärnse abjepufft" -, so versuchten sie, die Hunde loszuwerden.Bitte vermeiden Sie unnötiges GebellDoch wo sollten die hin? West-Berlin war ein Zwinger sie blieben. Den Dackeln hat das Wummern nicht geschadet, "so wurden sie schußfest". Egal jetzt wird abgewickelt. Da half auch die gestrenge Platzordnung nicht: "Bitte vermeiden Sie unnötiges Gebell!"Nach Abschluß der Schau sitzt der harte Kern noch beisammen, diskutiert über das neue Gelände. Dort, weit hinter Zossen, wird es ruhig sein, aber kahl und fremd. Dann pakken sie ein und klimpern mit den Leinen. Herr Hoese knipst das Licht in der Toilette aus, während Natascha von Preußisch-Nassau abseits unter einer Bank liegt und döst.Herr und Hund auf dem Gelände der Vereinsranch in Drellinden. Foto: Dulfaqar