Frau Schirow, Sie kennen den Strich an der Kurfürstenstraße seit mehr als dreißig Jahren. Sie selbst haben dort angefangen anzuschaffen. Wie war das damals da?Das war schon ziemlich finster. Es gab mehrere Discos, wie das Sound, da sind auch viele Leute hingegangen, die Drogen konsumiert haben, das habe ich später mitbekommen. Ich war damals 17, weltfremd und fasziniert von all dem. Ich bin immer angesprochen worden, wenn ich aus der U-Bahn kam, ich war ja aufgetakelt, für die Disco. Ich habe 600 Mark verdient, als Krankenpflegeschülerin. Auf der Kurfürstenstraße riefen mir die Männer hinterher: Ich geb' dir 50, 100, 200 Mark! Ich hab immer gedacht: Wenn du Ja gesagt hättest, hättest du deinen halben Monatsverdienst. Irgendwann hab ich Ja gesagt.Sie wussten, dass da Huren arbeiten?Das war nie zu übersehen. Es gab einen großen Parkplatz, da ist man mit den Freiern hingefahren. Ich habe das ein halbes Jahr gemacht, dann habe ich in der Kurfürstenstraße eine Wohnung gemietet. Das ganze Haus war ein einziges Bordell. Vorher war ich eine Zeit lang in einer kleinen Pension in einer Nebenstraße, an die habe ich gute Erinnerungen. Der Wirt hat mir immer Präservative zugesteckt. Das war alles ein bisschen liebevoll. Die Freier waren auch nicht alle übel.Gab es Ärger mit den Anwohnern?Davon habe ich gar nichts mitbekommen. Obwohl ich auch tagsüber da stand und Kinder dort zur Schule gegangen sind. Ich habe mich aber normal gekleidet. Aber schön war es an der Kurfürstenstraße nie, mit dem Drogenstrich, es ist schon traurig, das alles mit anzusehen. Wenn man da lebt, geht das sicher aufs Gemüt. Ich wäre nie freiwillig in diese Gegend gezogen.Viel Ärger gibt es, seit bekannt ist, dass an der Kurfürstenstraße ein Großbordell öffnen soll. Die Anwohner befürchten, dass noch mehr Prostitution in den Kiez kommt.Wenn ich das richtig verstanden habe, hätten sich die Anwohner wegen des Großbordells allein nicht gesorgt. Die Leute sehen einen Zusammenhang mit der Zunahme der Prostitution auf der Straße, das macht, glaube ich, ihre Sorge aus.Ist das nicht ein Widerspruch: mehr Straßenprostitution zu fürchten, wenn ein Großbordell öffnet?Für mich klingt das total widersprüchlich. Aber es sieht für die Anwohner so aus: Es gibt mehr Straßenprostitution, aggressivere Prostitution, und gleichzeitig die Pläne für das Bordell. Vielleicht ist da doch ein Zusammenhang, wer weiß.Sie haben vor Gericht erreicht, dass Prostitution nicht mehr sittenwidrig ist. Ihr Café Pssst! können Sie seit 2000 legal betreiben. Seit 2002 gibt es das Prostituiertengesetz. Es sah aus, als sei das Geschäft mit dem Sex legalisiert. Und nun wird in Berlin gegen Wohnungsbordelle vorgegangen. Was ist passiert?Das Problem ist das Prostituiertengesetz - das im Ansatz natürlich richtig war. Es wurde Zeit, dass so etwas kommt, nun steht man als Bordellbetreiber nicht mehr mit einem Bein im Knast. Aber nun verlieren viele genau wegen des Gesetzes ihre Existenz. Man kann jetzt eine Gewerbeerlaubnis beantragen, weil das Gewerbe zugelassen ist. Und nun sagen die Bauämter, dass man in Wohnungen das Gewerbe nicht betreiben darf.An der Kurfürstenstraße ist sogar die Rede von einem Sperrbezirk.Wir haben seit hundert Jahren in Berlin keine Sperrbezirke, und das hat sich als gut erwiesen. Wo es Sperrgebiete gibt, gibt es immer mehr Kriminalität. Aber es wird ja gerade eine künstliche Sperrgebietsverordnung geschaffen, indem man die Bordelle aus den Wohngebieten vertreibt. Endlich darf man legal Bordelle eröffnen, die unter polizeilicher Kontrolle stehen, in denen alles transparent ist - und dann soll es die nicht in Wohngebieten geben. Aber Prostitution passiert nun mal da, wo sie benötigt wird. Wenn ein Mann mittags käuflichen Sex will, fährt er nicht ins Umland. Durch das Verbot wird es wieder mehr illegale Bordelle geben. Und das will ja nun wirklich niemand.Gewollt sind in Berlin offenbar Großbordelle.Ich glaube, für erfolgreiche Großbordelle fehlt in Berlin das Geld. Die Freier können sich das gar nicht leisten. So ein Bordell mit Sauna und Whirlpool ist ja eine schöne Sache. Aber 70 Euro Eintritt? Die Männer sagen immer: Wenn ich vögeln will, dann geh ich vögeln. Letzten Endes sind es auch immer wieder überall die gleichen Freier. So viele, wie man immer denkt, gibt es gar nicht in Berlin.Gespräch: Wiebke Hollersen------------------------------Foto: Felicitas Schirow (50) betreibt das Café Pssst! an der Brandenburgischen Straße in Wilmersdorf. Sie wurde bekannt, weil sie sich vor Gericht gegen die Schließung ihres Bordells wehrte - und gewann. Zum ersten Mal entschieden deutsche Richter, dass ein Bordell legal geführt werden kann. Das Urteil gilt als Basis für das Prostituiertengesetz von 2002. Felicitas Schirow hieß bis zu ihrer Hochzeit im Jahr 2003 Weigmann. Nächstes Jahr erwartet sie ihr erstes Kind.