Fellini im Callcenter: Paolo Virzìs Komödie "Das ganze Leben liegt vor dir": Schatten an der Wand

Sie ist jung, und sie braucht Geld. Ein akademischer Abschluss, und sei er noch so gut, zählt heute nichts mehr - das muss Marta nach zahlreichen erfolglosen Bewerbungen erkennen. Das im Philosophiestudium erworbene Wissen kann aber auch jenseits einer akademischen Karriere recht nützlich sein. In seiner moderat überdrehten Satire "Das ganze Leben liegt vor dir" erzählt Paolo Virzì vom akademischen Prekariat, vom Beginn einer flexiblen Biografie. Jungen Studienabgängern, insbesondere Frauen, geht es in Italien offenbar nicht viel anders als hierzulande: Hochgebildet strömen sie auf den Markt, der aber nicht mehr, wie vor Jahren noch, an etwa den rhetorischen Fähigkeiten von Geisteswissenschaftlern interessiert ist. Solche Extravaganzen leistet man sich in Zeiten knapper Kassen nicht mehr.Gute Geschichten bietet die Philosophie zuhauf, und so erzählt Marta beim Babysitting der kleinen Lara Platons Höhlengleichnis. Von den Schatten an der Wand hätte die Kleine wohl sonst nie erfahren. Sie lebt bei ihrer alleinerziehenden Mutter, die mit Stringtanga, Bauchnabelpiercing und wechselnden Übernachtungsgästen versucht, jenes Leben, das sie vor dem Kind hatte, irgendwie weiterzuführen. Tagsüber jobbt Sonia als Telefonistin in einem Callcenter. Bald beginnt dort auch Marta, den Kunden ein nutzloses Wasseraufbereitungsgerät anzupreisen.Morgens bekommt jede Telefonistin - bis auf Marta im Wesentlichen kichernde "Big Brother"-Fans - von der beeindruckend schönheitskorrigierten Chefin eine kleine Motivations-SMS auf ihr Handy geschickt. Die Schicht im gläsernen Center beginnt dann mit einer sektiererischen Gemeinschaftsübung: Nun wird die Motivation ersungen und ertanzt. Virzì deutet die menschenverachtenden Prinzipien, nach denen im Center die Leistung gesteigert wird, zunächst komödiantisch an, lässt den Film dann aber immer mehr in eine bissige Farce kippen. Teilweise wirkt das so, als hätte sich Federico Fellini ein wenig im Callcenter ausgetobt.Marta findet den Job, der ihr inzwischen den Titel "Beste Telefonistin" eingebracht hat, immer weniger lustig und wendet sich mit ihren Bedenken an den leicht vertrottelten, liebenswerten Gewerkschafter Giorgio. Der ist aber auch nicht gerade integer. Es ist fast ein gesellschaftskritischer Rundumschlag, mit dem Virzì hier das Italien Berlusconis abwatscht: die marginale Rolle der Gewerkschaften, deren Veranstaltungen zu reinen Traditionsfeiern verkommen sind, überarbeitete und dennoch sozial randständige Single-Mütter, arbeitslose Akademiker und beängstigend profitorientierte Geschäftspraktiken.Marta wertet ihre Erfahrungen am Ende zur Sozialstudie um. Das verweist auf die Entstehungsgeschichte von "Das ganze Leben liegt vor dir": Der Film basiert auf der autobiografischen Reportage "Il Mondo Deve Sapere", die zunächst ein Blog war. In Tagebuchform berichtet die Autorin Michela Murgia von ihrem absurden Arbeitsalltag in einem Callcenter. Die ehemalige Theologiestudentin hat dort Staubsauger verkauft.Das ganze Leben liegt vor dir Italien 2008. Regie: Paolo Virzì, Drehbuch: Francesco Bruni, Paolo Virzì, nach der Buchvorlage "Il Mondo Deve Sapere" von Michela Murgia, Kamera: Nicola Pecorini, Darsteller: Isabella Ragonese, Micaela Ramazzotti, Sabrina Ferilli, Valerio Mastandrea, Elio Germano u. a.; 117 Minuten, Farbe. FSK ab 12 Jahre.------------------------------Foto: Hat Philosophie studiert und muss im Callcenter jobben: Marta (Isabella Ragonese).