Wenn der italienische Regisseur Federico Fellini gefragt wurde, wie er denn auf manchen bizarren Einfall in seinen Filmen gekommen sei, pflegte er, meist unwirsch, Bezug auf den Kunstolymp zu nehmen: "Ich sage mit Picasso: Ich suche nicht, ich finde." Und so geriet eben ein Nashorn in sein "Schiff der Träume". Es steht ganz unten im Bauch eines Luxusdampfers, hat Heimweh, Liebeskummer und stinkt. Der Ozeanliner wird bald versinken, das Rhinozeros nicht. Ungerührt thront es am Schluss, wenn alles andere im Wasser schwimmt, im Ruderboot des mitgereisten Klatschreporters Orlando und gibt sogar Milch. Das Kino, so zeigte Fellini mit der Metapher vom fruchtbaren Urvieh, geht noch nicht unter."E la nave va", wie sein Meisterwerk aus dem Jahr 1983 im Original heißt, ist längst im Fernsehen gelaufen und kann in jeder gut sortierten Videothek ausgeliehen werden. Dennoch bringt es nun Wolfgang Engel als Uraufführung ins Schauspielhaus Leipzig, wo er seit fünf Jahren als Kapitän amtiert. Das Motto für die späte Adaption nach dem Skript von Fellini und Tonino Guerra ist vielleicht: Wenn das Nashorn beim Nachbarn Milch gibt, kann es das doch auch bei mir tun. Und wenn das Kino nicht untergeht, dann das Theater vielleicht auch nicht.So durchsichtig bereits dieses Vorhaben, so dürr hernach Engels Umsetzung. Er nimmt den italienischen Großmeister des fantastischen Realismus ganz trocken beim Wort und buchstabiert dessen üppig bebilderten Abgesang auf eine erstarrte Kulturschickeria treudeutsch bieder und einfältig am Drehbuch entlang durch. In eben diesem begibt sich eine skurrile Gesellschaft aus Sängern, Dirigenten, Intendanten, Geld- und Feudaladel an Bord des italienischen Luxusdampfers "Gloria N.", um die Asche einer berühmten Operndiva ins Meer zu streuen. Währenddessen bricht der Erste Weltkrieg aus. Der Kapitän nimmt serbische Boatpeople an Bord, muss sie aber bald einem österreichisches Panzerkreuzer ausliefern. Hierbei kommt es zum Gefecht samt Schiffsuntergang.Das Augenzwinkern, mit dem Fellini in "E la nave va" den eigenen Beruf, die Scheinwelt des Kunstbetriebs und die Eitelkeiten seiner Protagonisten betrachtete, ist Engel weitgehend schnurz. Er macht aus dem amüsant-elegischen Film ein so flottes wie inhaltsloses Remmidemmi und geht prompt damit baden. Die Reise beginnt in Leipzig - an den Schaukästen, die als Bullaugen dekoriert sind. Das Abendpersonal trägt Matrosenkleidung. Im Foyer wird das Publikum als gaffende Menge zu beiden Seiten eines roten Teppichs aufgestellt. Die Schauspieler ziehen als aufgedonnerte Trauergemeinde vorüber, Ähnlichkeiten sind nicht zufällig: Jens-Uwe Günther als Dirigent von Rupert sieht wie Rudolf Mooshammer aus, Andrea Thelemann als Sängerin Ildebranda Cuffari wie Romy Schneider, und Berndt Stübner als umtriebiger Voyeur wie Daniel Barenboim. Eine kleine Kapelle schmettert Wunschkonzert-Hits aus "La Traviata", dem "Barbier von Sevilla" oder "Carmen".Danach werden die Zuschauer im Bühnenbereich auf der Drehscheibe platziert. Die sorgt mit ihren gelegentlichen Karussellfahrten für die einzigen wirklich bewegten Momente des Spektakels. Die Aufführung aber, obwohl sie weder an Menschen noch an Material spart und an vier Seiten des Raumes spielt, wo Franz Koppendorfer Speisesaal, Salon, Sonnendeck und Kombüse nachgebaut hat, steht still. Weil Engel kein Mittel, keine Form, keine Gedanken findet, die Handlung anders denn à la Fellini zu erzählen, wird seine Inszenierung durch das Über-Ich des Originals gelähmt. Den Wettkampf mit dem Vorbild kann die Bühnenfassung nicht gewinnen; sie klebt bestenfalls im Windschatten des Films fest. Ob nun das große Bankett, zu dem sich eine Möwe verirrt, ob die nächtliche Séance zur Beschwörung der toten Primadonna oder das Duell der Sänger mit der Schiffsmaschinerie - alles ist immer nur fast wie bei Fellini und eben immer nur fast so gut.Die Darsteller liefern sich einen heldenhaften Kampf mit dem Werk, das für die Leinwand geschrieben wurde. Sie versuchen verzweifelt, aus Textfetzen Figuren herzustellen, aus narrativen Bruchstücken Szenen, und singen dabei eindrucksvoll sogar Opernarien und Chöre. Doch während sie Theater spielen wollen, hat der Regisseur ihnen ein knalliges Event angerichtet, das trotz des enormen Aufwandes nie verrät, warum "Das Schiff der Träume" nicht besser im Kino geblieben ist. Der Weg hinaus führt am Schluss durch einen Korridor hinter der Bühne, in dem das Leipziger Nashorn liegt. Die zwei Männer, die es bewegten, sind schon weg. Die übrig gebliebene Hülle ist, wie die ganze Veranstaltung: innen hohl.Schiff der Träume // Nach dem Filmszenarium von Federico Fellini und Tonino Guerra.Regie Wolfgang Engel, Bühne Franz Koppendorfer, Kostüme Katja Schröder, Musik Thomas Hertel.Darsteller: Dirk Audehm (Lepori), Jens-Uwe Günther (von Rupert, Dirigent), Patrick Imhof (Großherzog), Ellen Hellwig (Prinzessin Lerinia, seine Schwester) u. v. a.Wieder am 7. /28. 9. , 9. /10. 10. , jeweils 19. 30 Uhr im Schauspiel Leipzig, Bosestraße 1, 04109 Leipzig.DPA/WALTRAUT GRUBITZSCH Federico Fellinis "Schiff der Träume" will nicht so recht in Leipzig vor Anker gehen.