Der erste Stock des Cafés Breslau Fuego platzt beinahe aus allen Nähten. Mohammed, Arwed, Katrin und Vanessa sitzen auf dem Podium. Die vier Jugendlichen werden geehrt. Sie alle haben Erstaunliches im Umgang mit Gewalt geleistet. Grund genug für die Initiative "Fenster der Gewalt", den vieren ihre Anerkennung auszusprechen und ihnen ein 100-Euro-Geldgeschenk zu überreichen. "Dein Gesicht will ich nicht mehr sehen!" Mit diesen Worten wurde Mohammed 2002 von seinem Vater bei der Polizei abgeholt. Am Abend zuvor hatte der damals 16-jährige Libanese einen Roller gestohlen. Die Spritztour endete im Knast - für 24 Stunden. Dass Mohammed El-Ahmed gestern trotzdem auf dem Podium sitzen durfte, liegt daran, dass er sich geändert hat. Aus einem Schläger wurde ein Sozialarbeiter. "Die Worte meines Vaters haben mir sehr wehgetan", blickt der heute 18-Jährige zurück, "ich wollte ihn nicht entehren."Mit zwölf Jahren gründete Mohammed mit seinen Freunden die Jugendgang "Arabische Gangsterboys", kurz: AGB. Im Kiez um den Körnerplatz in Neukölln trieben sie vier Jahre ihr Unwesen. Sie überfielen Zeitungsgeschäfte, bedrohten und schlugen zu. Vorbild seinHeute arbeitet Ahmed ehrenamtlich im Kinder- und Jugendzentrum "Lessinghöhe" am Mittelweg. Er organisiert Fußballturniere und Sandkasten-Olympiaden. Und er redet mit den Kids. "Das Wichtigste ist, dass sie nicht die gleichen Fehler machen wie ich", sagt er.Mit Gewalt hatte Arwed Schmidt vorher nichts zu tun. Am 28. Januar 2004 legte er seine schriftlichen Abiturprüfungen an der Albert-Einstein-Oberschule ab. Zwei Tage später baute er mit anderen Abiturienten einen Schneemann, dem sie "Abi 2004" in den Bauch ritzten. Muslimische Schüler der angrenzenden Realschule sahen darin wohl eine Provokation. Sie griffen Arwed an und schlugen auf ihn ein, so dass dieser schwere Prellungen davontrug. Und sie bedrohten den Abiturienten. Sollte er zur Polizei gehen, könne er mit weiteren Maßnahmen rechnen.Doch Arwed hielt sich nicht daran. Er erstattete Anzeige. Mit seiner Hilfe konnte einer der Täter identifiziert werden. Und nicht nur das: Er beschloss, die Zusammenarbeit der beiden Schulen zu verbessern. Nach einem knappen Jahr blickt er auf eine stolze Zwischenbilanz. "Die Vertrauenslehrer und die Schülervertretungen der beiden Schulen sind im ständigen Kontakt und auch die beiden Schülerzeitungen denken darüber nach, gemeinsame Projekte zu starten."Auch die Arbeit von Katrin und Vanessa fand die Anerkennung der Jury. Seit vier Jahren sind die beiden Streitschlichter an der Werner-Stefan-Oberschule in Kreuzberg. "Früher haben wir andere provoziert", erzählt Katrin. "Heute gehen wir dazwischen, wenn zwei sich prügeln", pflichtet ihre Freundin Vanessa bei.Die Initiative "Fenster der Gewalt" wurde von dem Autor Lothar Berg ins Leben gerufen. Er wolle mit Jugendlichen, die auf dem Weg in die Kriminalität sind, ins Gespräch kommen, sagte Berg. Unterstützt wird er von zahlreichen Künstlern und Vereinen.------------------------------Foto: Ausgezeichnet: Mohammed El-Ahmed, Katrin Fels, Vanessa Schloicka und Arwed Schmidt (v. l.) wurden am Dienstag im Café Breslau Fuego geehrt.

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