DIEDERSDORF. Mit Dioxin ist nicht zu spaßen. Das hochwirksame Gift, das seit einer Chemiekatastrophe 1976 im italienischen Seveso ein Begriff ist, verursacht Hautverätzungen, führt zu Krebs, zu Erbgutveränderungen und anderen Krankheiten. Seit einigen Wochen ist Ferdi Breidbach davon überzeugt, dass es auch in Brandenburg, in Diepensee, einen ähnlich brisanten Dioxin-Fall gibt, der von Politikern und Behörden systematisch vertuscht wird. Das zu klären, ermittelt zurzeit die Potsdamer Staatsanwaltschaft. Breidbach, kein Freund von zarten Worten, sieht einen "Skandal, der selbst skandalgewohnte Berliner und Brandenburger verzweifeln lassen kann". Ferdi Breidbach ist Vorsitzender des Bürgervereins Brandenburg-Berlin (BVBB), der sich einem Großflughafen in Schönefeld widersetzt. Er ist so etwas wie der General einer 5 000-Mann-Armee, einer Macht, die spätestens im vorigen Jahr zum anerkannten Widerpart von Ministerien und Flughafenplanern aufstieg. Er kann es sich inzwischen leisten, die Einladung des Brandenburger Wirtschaftsministers zu einem Gespräch über das Diepenseer Dioxin brüsk zurückzuweisen. Weil das Ministerium dem BVBB vorwirft, Ängste zu schüren. Breidbach verbittet sich schlicht den Stil. Als er darüber kürzlich vor einigen hundert Vereinsmitgliedern spricht, ist er noch immer entrüstet. Er erzählt von unfähigen Politikern, von Lügnern und von Menschenverachtung. Breidbach, nicht frei von Eitelkeit, redet gern. Dabei ist er nicht zimperlich in der Wortwahl. Doch auch Begriffe wie Bananenrepublik, Filz und Korruption verpackt er stets in ordentliche Sätze. Wenn er klagt, dass verantwortliche Politiker sich der Diskussion entziehen, formuliert er: "Diese Landesregierung sucht sich ein anderes Volk, weil sie sich bei dem, das sie gewählt hat, nicht mehr sehen lassen will." Er fühlt sich wohl in der Rolle als Volkstribun, den auch seine Gegner respektieren. Schulzendorfs Bürgermeister Herbert Burmeister (PDS) kennt Breidbach seit vielen Jahren. "Er schlägt manchmal über die Stränge", sagt er und lobt die Gabe Breidbachs, sein Wissen an den Mann zu bringen. "Damit kann er die Menschen mobilisieren." So wie 1998, als er eine Flughafen-Informationsveranstaltung im Rathaus Köpenick zum Platzen brachte. "Der damalige Staatskanzleichef Linde wollte dort die Leute einfach für dumm verkaufen", sagt Breidbach. Er griff sich deshalb das Mikrofon und kurze Zeit später - so seine Erinnerung - skandierten die Anwesenden minutenlang "Wir sind das Volk". Lindes Auftritt war beendet und Breidbach hatte sich eingeführt bei den Schönefeld-Gegnern mit einer Wortgewalt, die Eindruck machte. Einige Monate vorher war Breidbach mit seiner Familie in das neue Haus nach Diedersdorf gezogen. Das Grundstück dort hatte er kurz vor dem so genannten Konsensbeschluss gekauft, der Schönefeld 1996 überraschend als Standort für den Großflughafen festlegte. Breidbach gefiel Diedersdorf auf Anhieb. Der Ort ist für ihn wie ein Stückchen Bayern, wo die Familie Breidbach ein Haus besaß. Wie in Bayern gibt es auch in Diedersdorf einen Biergarten, gibt es die Maßkrüge, den Maibaum. Im Gartenteich hinter dem neuen Haus schwimmen japanische Zierkarpfen. Und Sonntag für Sonntag zieht Ferdi Breidbach zum Stammtisch in den "Pferdestall", der Kneipe am Schloss. Diese Idylle soll vom Fluglärm zugedeckt werden? Was anfangs nur persönliche Betroffenheit war, wird zu einer Herausforderung, dem vermeintlichen Unrecht Einhalt zu gebieten. Breidbach, das CDU-Mitglied, nennt es Bürgerpflicht. Bürgermeister für zwei Jahre1999 lässt er sich als Einzelbewerber zum Bürgermeister wählen. Doch statt sich um defekte Gullydeckel zu kümmern und den Alten des Dorfes zum Geburtstag zu gratulieren, organisiert er in Diedersdorf den Protest. Den Protest gegen eine Putenzuchtanlage, deren Bau er verhindert, den Protest gegen die Flughafenpläne. Breidbach nennt sein Amtieren "zielorientiert". Doch vielen im Dorf, die ihn für einen arroganten Wessi halten, reichte das nicht. Sie wählen ihn vorzeitig ab. "Ich wollte nicht der Grüß-Gott-August sein", beschreibt der 63-Jährige den Ausflug in die Kommunalpolitik.Eigentlich wollte Breidbach mit 60 sein Berufsleben beendet haben. "Pensionär zu sein, ist mir nicht gelungen", sagt er. Bald schon sitzt er wieder an einem Schreibtisch in der feinen Beraterfirma WMP Eurocom raucht seine Marlboro light und macht Lobbyarbeit für große Unternehmen. Aufsichtsratschef der Beraterfirma ist Hans-Dietrich Genscher, im Vorstand sitzen Leute wie Günter Rexrodt und die früheren Bild-Chefredakteure Hans-Hermann Tiedje und Hans-Erich Bilges. Breidbach kennt sie und viele andere Politiker gut aus früheren Zeiten. Die früheren Zeiten - da war er beim DGB beschäftigt, arbeitete als PR-Mann in der Stahlindustrie und bei Unternehmen wie BP und Philipp Morris. Zwischen 1969 und 1980 saß Breidbach für die CDU im Bundestag. Bei den Konservativen galt er eher als "Linker", der weder den Schnellen Brüter von Kalkar noch die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf begrüßte. Das brachte ihm nicht nur Freunde ein und soll auch den damaligen CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß verärgert haben. Vor zehn Jahren forderte ihn der Rundfunkbeauftragte der neuen Länder, Rudolf Mühlfenzl, auf, Rundfunk und Fernsehen der DDR mit aufzulösen. Ein undankbarer Job, durch den Breidbach aber nach Berlin kam und später nach Diedersdorf. Und zum BVBB. Der neue Vereinsvorsitzende, der einen sportlichen Ehrgeiz nicht bestreitet, beginnt schnell, den Widerstand gegen das Flughafenprojekt generalstabsmäßig zu organisieren. Er ist der Chef, daran lässt er keinen Zweifel. Für das bevorstehende Anhörungsverfahren beauftragt er bundesweit Gutachter, deren Seriosität auch die Flughafenplaner nicht in Frage stellen. BVBB-Experten durchforsten das Schönefeld-Projekt akribisch. Rechtzeitig trennt sich Breidbach von Anwälten, die zu wenig Druck machten. Er beschäftigt Gerichte auf allen Ebenen. Und er sucht die Medien. Er verstärkt auch die Proteste an der Basis. Demonstrationen und Straßensperren bringen nicht nur Fernsehbilder. Sie machen auch den Aktivisten Mut, den sie vielleicht schon verloren hätten, weil die großen Erfolge ausbleiben. Manchmal ist er erstaunt, wie diszipliniert die Schönefeld-Gegner noch immer ihre Aktionen vortragen. "Wenn die Polizei auffordert, bei einer Menschenkette am Rand der Straße zu bleiben, bleiben sie auch am Rand." Für ein bisschen mehr zivilen Ungehorsam hätte er zwar Verständnis, doch so ist es ihm lieber. Er weiß, dass die Grenze zur Gewalt schnell erreicht ist. Er selbst, Typ Draufgänger, nimmt sich selten zurück. Er pflegt dieses Image als Angreifer. Zu spüren bekommt das im vorigen Jahr auch der Schönefeld-Anhörungsleiter Hans-Joachim Leyerle, der trotz psychologischer Vorbereitung unter den Attacken Breidbachs förmlich leidet. Für die Bezeichnung Lügner entschuldigt sich der BVBB-Chef später bei ihm. "Herr Breidbach ist in seinen Mitteln nicht wählerisch", sagt Leyerle. Er hält ihm immerhin zugute, für andere zu streiten. Am letzten Tag der Anhörung wird Breidbach bei einer Rangelei mit Ordnungskräften verletzt. Er hatte versucht, zwei Kindern mit einem Plakat Zutritt in den Saal zu verschaffen. Der Trümmerbruch der linken Hand ist für Breidbach wie ein Signal, dass die Auseinandersetzung um den Flughafenausbau ein neues Stadium erreicht hat. Mitte Mai durchsucht die Staatsanwaltschaft das zentrale BVBB-Büro in Mahlow sowie die Wohnungen Breidbachs und seines Pressesprechers. Gefahndet wird nach einem Bericht des Landesrechnungshofes, den der Verein schon seit Monaten auf seiner Internet-Seite veröffentlicht. Der Bericht kritisiert das bisherige Privatisierungs- und Planungsverfahren für den Flughafen Schönefeld scharf. Das Papier wird beim Pressesprecher gefunden. "Aber warum nehmen die Beamten auch noch das Protokoll unserer Vorstandssitzung mit?" fragt Breidbach. Er will nicht mehr an Zufälle glauben. Das Protokoll listet die Finanzverhältnisse des Vereins auf und die nächsten Aktionen.Breidbach ist sicher, mit seinem Thema Dioxin einen ganz wunden Punkt getroffen zu haben. Es werde nur noch "vertuscht und gelogen". Er hat eine Erklärung: "Es geht jetzt nicht mehr nur um das Flughafenprojekt. Es geht um die politischen Köpfe, die das Projekt vertreten."REINHARD KAUFHOLD Wenn es gegen den Großflughafen geht, wird Ferdi Breidbach auch laut.