BERLIN. Es war im März 1938, als der Gymnasiast Marceli Reich an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin schrieb: "Ich bitte um Aufnahme als ordentlicher Student an die Philosophische Fakultät." Germanistik und Literatur wollte er studieren. Später gab er zu, wohl zu naiv gewesen zu sein. Die Universität, deren Nazi-Studenten fünf Jahre zuvor auf dem Opernplatz Bücher verbrannt hatten, wies ihn ab. Unter seiner Bitte steht der Beamtenvermerk "Abgel. 7.4.38" und die Begründung: "jüd."Am Freitag betrat Marcel Reich-Ranicki, Deutschlands bekanntester Literaturkritiker, zum ersten Mal seit dieser Zeit jene Universität, die heute den Namen Humboldt trägt. 69 Jahre waren seit dem Tag der Ablehnung vergangen. Nun kam er, um die Ehrendoktorwürde in Empfang zu nehmen.Die Ausrede des RektorsLangsam schritt der inzwischen 86-Jährige ins festlich dekorierte Auditorium Maximum, blickte lange über die Reihen der erschienenen Wissenschaftler, Senatoren, Minister, Abgeordneten, Studenten und Ehrengäste, von Imre Kertész bis Richard von Weizsäcker. Und er winkte lächelnd. Sein glücklich-entspanntes Gesicht zeigte, dass es durchaus so etwas wie späte Genugtuung gibt. Aber kann es auch Wiedergutmachung geben?Bernd Neumann, der deutsche Kulturstaatsminister, sprach feierlich von einem "großen Tag für die Kulturnation Deutschland und für alle Menschen deutscher Sprache". Er erinnerte an die Leiden, die Reich-Ranicki und seine Frau Teofila, die nicht mit dabei sein konnte, unter der Naziherrschaft erdulden mussten. Er würdigte die Leistungen des Kritikers für die deutsche Literatur. Immerhin ist es bereits der neunte Ehrendoktor, den Reich-Ranicki erhielt.Wie heikel und durchaus intim dieser Tag für ihn und die Humboldt-Universität war, spürte man von Anfang an. Behutsam führte der Universitäts-Präsident Christoph Markschies - der die Amtskette trug - seinen Gast zum Platz und dann aufs Podium. Der Kirchenhistoriker Markschies ist einer der Nachfolger jenes Rektors Willy Hoppe, eines brandenburgischen Landeshistorikers, zu dem Marceli Reich 1938 gegangen war, um nachzufragen, warum er abgelehnt worden sei. Zur Begründung hatte Hoppe herumlaviert, es seien keine freien Plätze da."Unendliche Wehmut und ungeheuere Ironie" - mit diesen Worten begann Markschies seine Rede. Auf dieses Motto des 1827 in Berlin gegründeten literarischen Vereins "Tunnel über der Spree" baute er seine emotionale Ansprache. Mit "unendlicher Wehmut" erinnerte er an das Berlin vor der Nazizeit, "die Stadt der Literatur, der Kultur, des Theaters", wie sie Reich-Ranicki in seinen Dankworten nennen wird. Mit "unendlicher Wehmut" dachte Markschies aber auch an die Universität, die sich "den deutschen Diktaturen so bedenkenlos, so umfassend" ausgeliefert habe. Es gebe keine Wiedergutmachung. "Nein, getilgt werden kann nichts von dem, was damals geschah, und vergessen werden darf erst recht nichts davon." Aber neben der Wehmut bedürfe es auch der Ironie, um feierliche Erstarrung zu vermeiden und sich stets der Bedrohung von Wahrheit und Freiheit bewusst zu bleiben.Ohne Groll und HassMichael Kämper-van den Boogaart, der Dekan der Philosophischen Fakultät II, begründete die Verleihung der Ehrendoktorwürde aus wissenschaftlicher Sicht. Reich-Ranicki habe nicht nur Großes für die Literaturkritik, sondern auch für die Germanistik geleistet.Als dem Kritiker schließlich die Urkunde überreicht wurde, deren lateinischen Text Christoph Markschies genüsslich in voller Länge vortrug, war dies der schönste Moment der Zeremonie. Der ergriffene und zugleich entspannte Reich-Ranicki improvisierte am Tisch sitzend einige Dankesworte. Nichts hat er verloren von seinem Temperament, wie man es aus dem "Literarischen Quartett" kennt. "Diese Veranstaltung ist ganz ungewöhnlich", rief er. Schon deshalb, weil er das erste Mal erlebt habe, dass ein Germanist, nämlich der lobredende Dekan, alle seine Bücher gelesen habe. "Das ist nicht zu glauben!" Zu Bernd Neumann wiederum bemerkte er, es sei sehr bezeichnend, dass sich sein Amt "Staatsminister für Kultur und Medien" nenne. Das heiße doch, Medien hätten nichts mit Kultur zu tun. Besonders berührend war, wie Reich-Ranicki seinem Freund, dem Literaturwissenschaftler Peter Wapnewski, für dessen Laudatio dankte. Einiges habe ihm sehr zu denken gegeben und er müsse es sich merken, etwa, dass die "Fehlbarkeit des leidenschaftlichen Subjektivismus" keine Bürde des Kritikers sei, sondern sein Privileg, seine Pflicht. Und er erklärte auch, warum er - was ihm immer vorgeworfen worden sei - über Literatur stets fern der Theorie geschrieben habe. Auch Kerr, Tucholsky, Polgar hätten das getan. Von denen habe er gelernt.Zum Schluss erzählte er davon, wie er nach dem Krieg nach Berlin zurückgekehrt sei und die alte Universität gesehen habe, ohne Groll und Hass. Und er habe gedacht: "Wo Millionen gemordet wurden, ist die Nichtzulassung zum Studium beinahe eine Lappalie". Und doch war gestern zu spüren, dass es allen gut tat, wie sich für den Kritiker der Kreis auf diese gute Weise schloss.------------------------------Foto: Marcel Reich-Ranicki mit dem HU-Präsidenten Christoph Markschies