Im Bundestag soll Kokain gefunden worden sein. Das behauptet zumindest das Sat 1-Magazin "Akte 2000". Reporter des Senders hatten auf Toiletten so genannte "Wischproben" entnommen. Darin fand ein Labor Spuren der Droge Kokain. Der Beitrag war am Dienstagabend ausgestrahlt worden. Am Mittwoch schaltete sich die Staatsanwaltschaft ein. "Wir haben den Bericht mit Interesse zur Kenntnis genommen und werden nun Beweismittel von Sat 1 erbitten", sagt Justizsprecherin Anja Teschner. Ob allerdings ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, stehe noch nicht fest.Der Fernsehsender hatte gezeigt, wie ein Reporter mit einem feuchten Tuch Toilettendeckel im Reichstag, im Abgeordnetenhaus und in der Börse abgewischt hatte. Das als leistungssteigernde Droge gehandelte Kokain wird oft auf Toiletten konsumiert. Das weiße Pulver wird in Linien gelegt und dann durch ein Röhrchen die Nase hochgezogen. Dafür benötigt man einen glatten Untergrund. Insgesamt 49 Proben aus Berlin brachten die Reporter zum Nürnberger Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung - mit dem Ergebnis, dass 43 Proben "positiv" ausfielen. In ihnen fanden die Wissenschaftler zwischen 0,079 und drei Mikrogramm Kokain. Für Institutsleiter Professor Fritz Sörgel steht fest, dass "die Spuren des Kokains nicht zufällig" ins Haus kamen und nicht "an den Schuhen eines Besuchers klebten". Dafür seien die gefundenen Kokainmengen zu groß, jenseits des "höchst empfindlichen Messbereichs", sagte er der "Berliner Zeitung".Im Bundestag, besonders bei der hausinternen Polizei, rief der Bericht nach Angaben eines Sprechers "Unglauben" hervor. "Wir müssen nun ernsthaft prüfen, ob an den Vorwürfen etwas dran ist", sagt Hans Hotter, Sprecher der Bundestagsverwaltung. Allerdings bereite diese Überprüfung große Schwierigkeiten. Denn die Proben stammen zwar von Toiletten der Politiker und Mitarbeiter der Verwaltung. Aber auch Besuchergruppen der Politiker nutzen die Klos.Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Christa Nickels, nannte den Bericht "fragwürdig und unseriös". Auch innerhalb der Verwaltung gebe es viele Fragen nach der Seriosität des Beitrags von Sat 1, sagt ein hoher Mitarbeiter. Die Toiletten werden nach Angaben der Verwaltung mindestens einmal, häufig auch zweimal am Tag gesäubert. Mitarbeiter fragen sich deshalb, wie man trotzdem Kokainspuren finden konnte. "Akte 2000"-Sprecherin Eva Bons weist Unterstellungen, man habe nicht richtig recherchiert, zurück: "Selbst wenn regelmäßig geputzt wird, sind offenbar noch Spuren des Kokains nachweisbar", sagt sie und fügt an: "Wir wollten nicht die Politiker im Bundestag oder im Abgeordnetenhaus an den Pranger stellen. Wir wollten nur zeigen, dass die Droge Kokain überall in der Gesellschaft vorhanden ist." Die Sprecherin verwies auch auf die negativen Proben. Wenn alle Proben positiv gewesen wären, hätte das eher die Seriosität der Reportage in Frage gestellt, meint sie.Professor Sörgel sprach von einer "populärwissenschaftlichen Untersuchung." Wolle man eine wissenschaftlich anerkannte Analyse erstellen, müssten weitere Tests folgen. Die Proben auf den Toiletten seien zwar nicht von seinen Mitarbeitern genommen worden. Aber dem Reporter habe man gezeigt, wie man die Probe mittels handelsüblicher Wischtücher ordnungsgemäß entnehmen müsse. Das 1989 gegründete Institut hatte für Sat 1 bereits im Fall des gedopten Läufers Dieter Baumann eine Urinprobe untersucht. Nach Sörgels Angaben hatte damals die ermittelnde Staatsanwaltschaft nach dem Fernsehbeitrag das Institut mit einer zweiten Urin-Analyse beauftragt. Vor einigen Wochen suchte Sörgels Institut für den privaten Fernsehsender in Wischproben nach Kokain, die auf dem Münchner Oktoberfest genommen worden waren - und wurde fündig.Die Berliner Polizei ist derzeit aber noch skeptisch, ob auf den Bundestagstoiletten tatsächlich Kokain genommen wurde. Denn die Drogenfahnder suchen mit anderen Methoden nach dem Stoff: Bei Drogenrazzien analysieren stets Chemiker vor Ort die gefundenen Proben, sagt ein erfahrener Ermittler der "Berliner Zeitung": "Eine Wischtüchertechnik kenne ich nicht. Sie hätte wohl auch vor Gericht keinen Bestand." Zudem glaube er nicht, dass man in ordentlich gereinigten Toiletten noch Kokainreste feststellen könne.Im Abgeordnetenhaus blieben Politiker und Verwaltung gelassen. Obwohl auch dort Proben genommen worden waren, von denen einige positiv getestet wurden. "Wir sind ein offenes Haus. Für die Grünen-Fraktion kann ich aber ausschließen, dass jemand von uns mit Kokain hantiert hat", sagt Grünen-Sprecher Matthias Tang. Die Sprecher der anderen Fraktionen äußerten sich ähnlich.Die Leiterin des Präsidentenbüros, Ulrike Steinmetz, sagt, es sei doch merkwürdig, dass ausgerechnet während der Daum-Affäre angeblich Kokain in Parlamenten gefunden werde.Analyse in zwei Stunden // Die Wischtücher, mit denen die Proben in Toiletten unter anderem im Abgeordnetenhaus und Reichstag genommen wurden, wurden zu Beginn der Analyse in eine Speziallösung getaucht. In der Flüssigkeit löst sich Kokain besonders gut.Um das Kokain festzustellen, wurde von dem Nürnberger Institut ein Massenspektrometer eingesetzt. Dabei wird ausgenutzt, dass Kokain, wie jeder andere Stoff auch, eine spezifische Molekularmasse hat. An dem Gerät wird eingegeben, nach welchem Stoff gefahndet wird. Selbst kleinste Mengen können auf diese Weise registriert werden.Die Analyse einer Probe dauert etwa zwei Stunden.49 Proben wurden untersucht. 43 dieser Proben wiesen Kokain-Spuren auf.Zur Kontrolle der Analysegeräte wurden auch unbenutzte Wischtücher untersucht, die kurz zuvor gekauft worden waren.Das Institut hat erst nach Abschluss der Untersuchungen erfahren, in welchen Gebäuden die Proben genommen worden waren."In den Proben haben wir eindeutig Spuren von Kokain gefunden. " Professor Fritz Sörgel, Pharmakologe