Die 21-jährige Studentin wollte nicht mehr daran denken. Doch die Erinnerung an die Festhaltetherapie holte sie immer wieder ein. Um damit zurecht zu kommen, vertraute sie sich der Berliner Psychoanalytikerin Ute Benz an. Diese kannte schon ähnliche Fälle. Bestürzt über die Berichte ihrer Patienten initiierte Ute Benz als Vorsitzende des Berliner Arbeitskreises für Beziehungsanalyse - eine als gemeinnütziger Verein anerkannte Initiative Münchener, Gießener und Berliner Psychotherapeuten - in der vergangenen Woche eine Tagung an der TU Berlin. "Gewalt gegen Kinder - Traumatisierung durch Therapie?" war der Titel der Veranstaltung. Ute Benz berichtete dort von einigen anonymisierten Fallbeispielen - auch von der jungen Studentin, die ihr erzählte, wie verzweifelt sie als Kind gewesen war. Zwölf Jahre war sie alt, als sich ihre Eltern für eine Festhaltetherapie entschieden. Stundenlang fixierten ihre Eltern sie auf dem Boden. Ein Elternteil legte sich auf sie, damit sie sich nicht mehr bewegen konnte. Sie schrie und wehrte sich. Die Eltern hielten sie weiter fest. Wenn sie durstig war, bekam sie nichts zu trinken. Auf die Toilette durfte sie auch nicht. Fluchtstrategien seien das, hatte der Arzt den Eltern erklärt. Nur nicht nachgeben. Also machten die Eltern weiter. Sie hörten erst auf, wenn sie sich fügte, sich berühren ließ und Blickkontakt hielt. "Ein Blick voller Unglück, der ihr erhalten blieb", sagte Ute Benz. Immer wieder hat die Familientherapeutin in ihrer Praxis in Berlin mit den Folgen einer Festhaltetherapie zu tun. "Das sind keine Einzelfälle", betont sie. Es bereite ihr Sorgen, dass sich jenseits der anerkannten Therapien in den letzten zwanzig Jahren die Festhaltetherapien über Bücher, Workshops und private Institute verbreiten konnten. Rasche Erfolge?Wenn Kinder aggressiv oder in irgendeiner Weise schwierig sind, bieten Festhaltetherapeuten den verzweifelten Eltern ein Verfahren an, das rasche Erfolge verspricht. Das Festhalten sei ganz natürlich, argumentieren sie. Jeder brauche Körperkontakt und von den Eltern ganz fest im Arm gehalten zu werden, könne nur gut sein. Die meisten Tagungsteilnehmer sahen das anders: "Wir müssen uns die Frage stellen, ob das eine raffiniert begründete Form von Gewalt gegen Kinder unter dem Deckmantel der Therapie ist", sagte Benz. Der Cottbuser Amtsgerichtsdirektor Wolfgang Rupieper, der über die juristischen Aspekte des Kinderschutzes referierte, bewertete derartiges Festhalten über längere Zeit als Nötigung und Freiheitsberaubung. "So etwas ist nur zulässig, wenn es eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse dazu gibt, dass das Festhalten dem Kindeswohl dient - eine Operation wäre ein solcher Fall", sagte er. Festhalten über längere Zeit sei Juristen außerdem als Beispiel für seelische Gewalt bei Kindesmissbrauch bekannt. Die bekannteste Verfechterin des Festhaltens ist Jirina Prekop. Ihren Büchern und ihrer Selbstdarstellung im Internet zufolge arbeitete die Kinderpsychologin zunächst in einer Stuttgarter Klinik und entwickelte zu Beginn der 80-er Jahre die Festhaltetherapie der Amerikanerin Martha Welch weiter. Prekop versteht die Therapie als Chance, Konflikte "von Herz zu Herz und von Galle zu Galle" auszutragen, indem sich Eltern und Kind über längere Zeit ganz fest im Arm hielten. Man dürfe verletzte Gefühle dabei ausweinen und herausschreien. Wenn alles Gift aus dem Bauch heraus sei, könne die Liebe wieder fließen. Am Ende der Festhaltesitzungen seien Eltern und Kinder ganz entspannt. Prekop empfiehlt das Festhalten bei fast allen Problemen, die Eltern in ratlose Sorge um ihr Kind stürzen können: von Depressionen und Ängsten über zwanghaftes Verhalten und Süchte bis hin zu Hyperaktivität und sogar Autismus. Unruhigen und aggressiven Kindern attestiert sie Herrschsucht. Wie kleine Tyrannen hätten sie die Macht in der Familie an sich gerissen. Durch das Festhalten sollen sie wieder entmachtet werden und die Eltern als die Stärkeren erleben. Das nütze besonders dem Kind, es könne nun wieder Vertrauen in den Halt der Eltern haben, argumentiert Prekop. Bei vielen Eltern trifft sie damit offenbar einen Nerv. Ihre in den achtziger Jahren verfassten Bücher wie "Der kleine Tyrann" und "Hättest Du mich festgehalten" sind bis heute Bestseller. Zusätzlich veranstaltet sie Workshops für Eltern, bildet Festhaltetherapeuten aus, ist Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung des Festhaltens und Beraterin zweier privater Institute in Deutschland und Österreich, die ihre Methode propagieren. "Wir wissen nicht, wie viele Kinder bereits eine Festhaltetherapie über sich ergehen lassen mussten. Wir wissen auch nicht, wie erfolgreich sie ist. Wir sehen aber die Langzeitfolgen in unseren Praxen", sagt die Familientherapeutin Ute Benz. "Daraus können wir nur schließen, dass die Festhaltetherapie gefährlich ist. Eltern stürzt sie in Schuldgefühle, bei den Kindern kann sie ein Trauma verursachen." Kinder im Schulalter reagierten verzweifelt auf das stundenlange Festhalten, Kinder bis zu fünf Jahren passten sich den Gegebenheiten an. Konfliktfähig und stark würden sie durch die Therapie, behauptet Prekop. Ute Benz widerspricht ihr. Ihrer Erfahrung nach führen derartige Therapien häufig zu Selbstwert- und Kontaktstörungen. "Die Kinder haben oft erhebliche Probleme mit Nähe und Distanz in ihren Freundschaften und Liebesbeziehungen. Einige versuchen sich anderer zu bemächtigen, andere sind unfähig Berührungen zu ertragen", berichtete BenzAuf der Tagung wurde auch über die Langzeitfolgen zwei weiterer Therapien diskutiert: Die Krankengymnastik nach Vojta und die körperbezogene Interaktionstherapie nach Fritz Jansen (KIT). Die Vojta-Therapie soll Haltungsfehler und Bewegungsstörungen verbessern. Sie wurde in den sechziger Jahren von dem tschechischen Neurologen Vaclav Vojta entwickelt. Er entdeckte, dass man die Haltung und Bewegung durch Druck auf festgelegte Punkte am Körper beeinflussen kann. Meist machen Eltern die Übungen zu Hause mit ihren Kindern. "Sie müssen die Kinder zum Teil in Positionen festhalten, die Schmerzen bereiten", sagte auf der Tagung Elke Nowotny vom Kinderschutzzentrum Berlin. Sie befürchtet dadurch psychische Schäden: "Kinder verunsichert es, wenn sie die Hände einer engen Bezugsperson mal als sehr drückend und mal als liebevoll erleben", sagte sie.Wolfram Müller von der Internationalen Vojta Gesellschaft in Siegen bestreitet das: "Mehrere Studien haben ergeben, dass unsere Therapie keine negativen Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung hat." Er räumte auf Anfrage allerdings ein, dass es keine Langzeitstudien zu diesem Thema gebe.Welche langfristigen Folgen die von dem Diplom-Psychologen Fritz Jansen entwickelte KIT hat, ist ebenfalls unklar. Das Verfahren, ebenfalls eine Festhaltetherapie, soll schwierigen Kindern helfen, körperliche Nähe wieder zu genießen. Angst vor Körperkontakt und großer Nähe werde von Vertretern dieser Therapierichtung wie eine technische Blockade beschrieben, die einfach behoben werden kann, kritisierten die Teilnehmer der Tagung. Das Festhalten bei KIT sei eine Gewaltszene zwischen Eltern und Kind. Die Folgen seien vermutlich ähnlich wie bei Prekop. Jansen, der auf der Tagung anwesend war, wies diese Thesen weit von sich. Es gehe den Veranstaltern offenbar nur um eine Verteufelung dieser Therapieformen und nicht um eine Fachdiskussion. "Ich habe lange Zeit mit den anerkannten verhaltenstherapeutischen Methoden gearbeitet und konnte so manchen Eltern und Kindern einfach nicht helfen", sagte er. Deshalb habe er KIT entwickelt.Psychiatrische Fachgesellschaften halten sich bisher mit einem Urteil über Festhaltetherapien zurück. "Solange es keine systematischen wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Festhaltetherapien gibt, können wir weder über die Wirksamkeit noch über die Nebenwirkungen objektive Aussagen machen", sagte Helmut Remschmidt, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Marburg. Eine Frage der Atmosphäre Der Kinderpsychiater Wilhelm Rotthaus aus Bergheim, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Familientherapie und systemische Praxis, findet vor allem die missbräuchliche Anwendung der Festhaltetherapien gefährlich. "Ein desorientiertes Kleinkind, das völlig außer sich ist, kann man durchaus eine Weile auf den Schoß nehmen und festhalten", sagte er. Eingebettet in ein umfassendes Therapiegeschehen und in einer liebevollen Atmosphäre könne das hilfreich sein. "Doch das kann nicht über Stunden stattfinden und auf keinen Fall in einer Art Kampfatmosphäre. Das finde ich äußerst bedenklich", sagte er. Der Berliner Arbeitskreis für Beziehungsanalyse will nun eine Studie initiieren, die die Langzeitfolgen der Festhaltetherapien dokumentiert und sucht dafür noch Kooperationspartner. Ute Benz hofft, dass sich viele Kollegen beteiligen: "Als Fachleute machen wir uns mitschuldig, wenn wir verschweigen, was wir sehen. Denn wir wissen, dass Gewalt immer eine Verletzung der kindlichen Psyche ist und für die Entwicklung des Kindes langfristige Folgen hat."------------------------------Hilfe für genervte Eltern // Wenn der Umgang mit Kindern sehr schwierig ist, empfehlen Experten, zunächst bei örtlichen Erziehungs- und Familienberatungsstellen Hilfe zu suchen.Ratgeber-Bücher aus dem Buchhandel seien nur zum Teil empfehlenswert. Skepsis sei vor allem angebracht, gegenüber Methoden, die einfache und schnelle Lösungen versprechen. (js.)In Berlin erteilt auch das Kinderschutzzentrum Rat. Es ist zu erreichen unter Telefon 0800-1110444. Und im Internet: www.Kinderschutz-Zentrum-Berlin.deEin Verzeichnis der Erziehungs- und Familienberatungsstellen in Berlin findet sich im Internet unter: www.efb-berlin.de