Nein, es war kein gewöhnliches Konzert, das Festwochenkonzert des Berliner Philharmonischen Orchesters unter seinem Chefdirigenten Claudio Abbado am Dienstag in der Philharmonie. Zum einen war es eines im Rahmen des Veranstaltungszyklus' "50 Jahre Frieden in Deutschland". Zum anderen wurde das Kernstück des Abends, Mahlers sechste Sinfonie in a-Moll, einem Mann gewidmet, den viele vielleicht schon vergessen haben: Leo Borchard.Der hatte die Musiker des Orchesters nach Ende des Zweiten Weltkrieges zusammengeführt und das erste Konzert im Titania-Palast dirigiert - ebenfalls vor fünfzig Jahren. Später kam Borchard tragisch zu Tode: Ein Besatzungssoldat erschoß ihn "irrtümlich". Als wollten sie dem Künstler - im Beisein von Borchards Ehefrau Maria - ein gewaltiges Denkmal setzen, legten die Philharmoniker, von Abbado energisch angetrieben, mit einer Verve los, die wohl niemanden im Publikum unberührt ließ. Es dröhnte, es rauschte, die Funken sprühten nur so. Martialisch beinahe mutete das an, überschäumend. Doch dabei vernachlässigte Abbado nicht die leisen, subtilen Zwischentöne dieser pessimistischen, manchmal heroischen Musik, die immer wieder das Tragische aufhellenden Hoffnungsschimmer. Wie auch im Scherzo, dessen parodistische Elemente feinsinnig und differenziert charakterisiert wurden.Der langsame Satz hätte wohl selbst Brahms ins Schwärmen gebracht, so "unendlich", atemlos strömte der Melodiefluß: ein Melodram mit filmischen Zügen, Wehklage und Idyll zugleich. Was viele nicht schaffen - Abbado bewältigte die enorme Länge des Finales, hielt den Spannungsbogen straff in der Hand. Phantastisch, wenngleich die 90 Minuten lange Aufführung Musikern wie Zuhörern einige Kondition abnötigte.Diese besaß auch Hansjörg Schellenberger als Solist des Oboenkonzertes von Richard Strauss. Feinsinnig spielte er seinen Part, der sich harmonisch in die dezente Begleitung des Orchesters einfügte. Die virtuosen Stellen meisterte der Solo-Oboist der Philharmoniker mit leichter Hand, stets suchte er nach abgerundeter Phrasierung. Einzig dynamisch blieb die Interpretation etwas zu moderat. Anhaltender Beifall für den sensiblen Musiker und "sein" Orchester. +++