Daniel hat schon als Kind einen Traum: Mit Musik die Herzen der Menschen öffnen. Er geigt auf Wettbewerben, wird Dirigent, arbeitet wie blöd, und mit Mitte vierzig klappt er nach einem Konzert zusammen. Der die Herzen öffnen wollte, erleidet einen Herzinfarkt. Er reist zurück in sein Heimatdorf in Schweden, lebt dort einsiedlerisch in der alten "Folkskola", bis er, erst beschwatzt von den skurrilen Dorfbewohnern, dann aus eigenem Antrieb, den dortigen Gemeindechor übernimmt.Es geht um die Macht der Musik - und wie in den meisten Filmen zu diesem Thema, muss man auch in "Wie im Himmel" in viele kindlich staunende Gesichter schauen, die wie geblendet vor dem neu eröffneten Wunderreich der Töne stehen, und in das eine des genial durchglühten und selbstverständlich etwas sonderbaren, weil durch den Direktkontakt mit den Dämonen geschlauchten Dirigenten. Und es kommt, wie es kommen muss: Der Chor wird immer größer, läuft dem Pfarrer seinen Rang als kulturellem Mittelpunkt des Dorfes ab; am Ende reist er zu einem Chorwettbewerb nach Innsbruck. Und Daniel fängt was mit der blonden Sopranistin an.Aber ihn auf diese Klischees zu reduzieren, hieße dann doch, den Film arg zu beschneiden. Denn das Idyll, in das Daniel sich zurückzieht, ist wahrlich nicht sonderlich gemütlich. Er begegnet einem alten Mitschüler wieder, der ihn schon als Kind verdroschen hat und der nun seine Frau verdrischt - Gabriella, die auch im Chor singt. Sobald ihm das Charisma Daniels (den er nicht erkennt) auffällt und auch, wie seine Frau dieser Ausstrahlung verfällt, will er ihr verbieten, weiter im Chor zu singen. Und auch im Pfarrhaus hängt der Haussegen bald schief: Der Pfarrer ist eifersüchtig auf seinen überqualifizierten Kantor, seine Frau jedoch fühlt sich durch den Chorgesang so weit ermuntert, dass sie ihrem Mann endlich ihre erotischen Bedürfnisse eingesteht, nach deren Erfüllung der jedoch sogleich zerknirscht zum Hausaltar robbt.Die Öffnung der Herzen erweist sich somit als gefährliches Geschäft. Mag der Chor auch dichter zusammenwachsen, die Dorfgemeinschaft ist in Auflösung begriffen. Dieser genaue Blick auf das soziale Gefüge ist die Stärke des Films, ob das nun die Risse in der Fassade der heilen Welt sind oder die außerordentlich realistische Darstellung eines Chors mit seinen ganz unterschiedlich gearteten Mitgliedern. Von der bigotten alten Jungfer bis zum sexuell vielseitigen Blondchen, vom herumgeschubsten Dickmops bis zum zynischen Geschäftemacher reicht das Spektrum dieser Gemeinschaft. Dahinter bleibt die Liebesgeschichte zwischen Daniel und Lena, der Sopranistin, an Originalität zurück. Sie verschwindet tendenziell hinter ihrer Funktion, nämlich darzustellen, wie Daniel, indem er die Menschen ändert, sich selbst verändert. Dabei gelingt Frida Hallgren ein anrührendes Porträt der zugleich offenherzigen wie melancholischen Lena; ihr Spiel wirkt vielschichtiger als das Michael Nyqvists, dessen Stärke im unbedingten expressiven Engagement liegt.Dem Regisseur Kay Pollack glückt nun nach fast zwanzig Jahren Pause ein intensiver Film: Der Anfang mit seinen Zusammenschnitten aus Daniels Kindheit und zerstörerischer Karriere und wie das mit einer langen Fahrt durch eine schwedische Winterlandschaft in die Erzählgegenwart mündet, ist so originell wie eindrucksvoll. Mit seiner Wendung zu den Menschen wirkt er danach nicht mehr ganz so originell, aber eindrucksvoll bleibt er bis zum Schluss.Wie im Himmel (Så som i himmelen) Schweden 2004. Regie Buch & Regie: Kay Pollack, Kamera: Harald Gunnar Paalgard; 125 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Schweden in Norwegerpullovern: Daniel (Michael Nyqvist) und Lena (Frida Hallgren) ist warm ums Herz.

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