Berlin - Die junge Frau lässt sich nicht beirren. „Ich fahre nach Hause“, sagt sie. Der Vater runzelt die Stirn. „In die elende Diaspora?“, fragt er. „Geht das nicht etwas zu weit, Deutschland Zuhause zu nennen?“ Er wiegt den Kopf, sein Blick schweift aus dem Fenster. Die Mutter, die neben ihrem Mann auf dem Sofa sitzt, schweigt. Sie muss auch nichts sagen, ihre hochgezogenen Augenbrauen machen jedes Wort überflüssig.

„Deutschland ist jetzt mein Zuhause“, wiederholt die Tochter. „Ich glaube, du definierst das nicht richtig“, beharrt der Vater, „Es ist kein Zuhause, es ist dein Wohnsitz.“ Da fragt die Mutter ihre Tochter: „Willst du dort bleiben?“ Die Antwort ist Schweigen.

Die Israelin Yael Reuveny ist die Tochter und die Szene Teil ihres Films „Schnee von gestern“. Es ist ein nachdenkliches und gleichzeitig sehr liebevolles Porträt ihrer Familie, das für den Wettbewerb des DOK Leipzig, des internationalen Dokumentarfilmfestivals, ausgewählt wurde und am Donnerstag dort Premiere hat. Im Frühjahr 2014 wird er hierzulande ins Kino kommen.

Genauer gesagt ist der Film eine Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Großmutter, einer Jüdin, die dem Morden im Zweiten Weltkrieg entkam – und deren Trauma die Familie bis in Yael Reuvenys Generation, der dritten nach dem Holocaust, gefangen hält.

Unausgesprochene Gebote

Es ist ein still weitergereichter Schmerz, der über Generationen am Leben erhalten wird und unausgesprochene Gebote schafft. Diese nicht zu hinterfragen, ist eins davon. Unbewusst hält der Schmerz die Familie gefangen in einem Kreis, den keiner zu durchbrechen wagt. Bis sich die Enkelin der Geschichte annahm.

Yael Reuveny, 33, sitzt in einem Café in der Prenzlauer Allee, nicht weit von ihrer Berliner Wohnung entfernt. Die schwarzen Haare sind am Hinterkopf zusammengesteckt, nur der nicht zu bändigende Pony fällt immer wieder ins Gesicht, wenn sie erzählt. 2005 kam sie nach Deutschland. In das Land, in das man keinen Fuß setzt. Das Land, das man nicht überfliegt. Das Land, dessen Produkte man nicht kauft. Sie hat sich den Geboten widersetzt, sie hinterfragt und am Ende für ungültig erklärt.

Aber zurück zur Geschichte der Großmutter, dem Ausgangspunkt des Films. Es ist die Geschichte von Michla und Feiv’ke Schwarz aus dem litauischen Vilnius, Schwester und Bruder, die als einzige ihrer großen Familie die Konzentrationslager überlebten, sich im Nachkriegschaos des Jahres 1945 im polnischen Lodz fast wiederfanden, nur um sich endgültig zu verlieren, im Glauben, der jeweils andere sei tot.

Feiv’ke Schwarz ging nach Ostdeutschland, zurück nach Schlieben in Brandenburg, wo er während des Krieges in einem KZ interniert gewesen war, legte seinen jiddischen Namen ab, wurde Peter, heiratete eine Deutsche aus dem Dorf, bekam Kinder und wurde Verkaufsstellenleiter der HO-Läden. 1987 starb er als Kommunist ohne Religionszugehörigkeit.

Im Glauben, auch das letzte Familienmitglied verloren zu haben, trug Michla ihre Trauer mit sich auf das Schiff, das sie nach Palästina brachte. Dort heiratete sie, gründete ebenfalls eine Familie und hieß fortan Michla Pariser. Sie starb 2001.

Yael Reuvenys Telefon wandert über die helle Tischplatte. Schon wieder macht das Gerät vibrierend auf sich aufmerksam. Eine Textnachricht aus Israel. In Tel Aviv, fast 3000 Kilometer entfernt, wird „Schnee von gestern“ erstmals in einem Kino gezeigt, nachdem er im September den Preis für den besten Dokumentarfilm auf dem Filmfestival in Haifa gewonnen hat.

Es ist Freitagnachmittag in Berlin. In Israel ist es der Tag vor Sabbat, der Beginn des Wochenendes. Die Kinder haben keine Schule, die Eltern arbeiten nur vormittags – ein idealer Tag für einen Kinobesuch. Gerade ist die Vorstellung von Yael Reuvenys Film in Tel Aviv vor ausverkauftem Haus zu Ende gegangen. „Der Saal ist in Tränen, die Menschen sehr bewegt“, liest die Regisseurin in Berlin auf dem Display ihres Handys.

Das Thema nimmt die Menschen mit, besonders in einem Land, in dem fast jeder Familienmitglieder verloren hat oder von Verwandten hört, wie sie dem Morden entkommen sind. In jeder Familie kennt man das Schweigen der ersten Generation, die über das Erlebte nicht reden kann, und die Sprachlosigkeit der zweiten, die nicht fragen durfte. Erst die Enkel sind in der Lage, einen neuen Blick zu wagen.

So wie Yael Reuveny. „Ich wollte nicht nach alten Nazis suchen, wollte keinen Holocaust-Film drehen, sondern etwas, das mich selbst überrascht“, sagt sie.

Alles beginnt mit einem Brief, den die Reuvenys 1995 im Briefkasten ihres Hauses in Petah Tikva nahe Tel Avivs finden. Als sie die mit blauem Kugelschreiber verfassten Zeilen lesen, entdecken sie einen Zweig ihrer Familie, von dem sie nichts ahnten. Der Absender heißt Uwe Schwarz und ist aus Cottbus. Der Sohn des tot glaubten Fei’vke.

Monatelang recherchieren Yael Reuveny, damals noch Schülerin, und ihre Mutter Esther Reuveny in Archiven und Bibliotheken. Sie wollen sicher sein, ob die Angaben des Fremden aus Deutschland der Wahrheit entsprechen. Erst als sie sicher waren, wagte Esther Reuveny, ihre Mutter damit zu konfrontieren.

Erzählungen vom Holocaust verschwanden in Deutschland

Michla Pariser fragte nur: „Er hat eine nichtjüdische Deutsche geheiratet?“ – „Ja.“ – „Dann will ich nichts wissen.“ So verlief dieser Dialog, erzählt die Enkelin. Was nicht sein darf, wird ignoriert. Das war die Überlebensregel der Großmutter.

Es sollte noch über zehn Jahre dauern, bis Yael Reuveny nach dem Tod der Großmutter den Faden der Geschichte wieder aufnahm. Sie hatte inzwischen ihr Studium an der Sam Spiegel Film and Television School in Jerusalem abgeschlossen und machte sich auf den Weg nach Deutschland.

„Zunächst war meine Großmutter überall, ihre Vergangenheit stand zwischen Berlin und mir, zwischen den Menschen und mir“, sagt Yael Reuveny. Aber langsam ließ sie das Geschehene los. Auch wenn sie sich noch immer Fragen stellt. „Ich weiß nicht, wie viel ich vergessen darf, wie viel ich die anderen Menschen vergessen lassen darf. Aber mein Leben wurde auf jeden Fall einfacher.“

Die Albträume, die sie in Israel verfolgten, Erzählungen vom Holocaust, die sich nachts mit düsterem Leben füllten, verschwanden in Deutschland. Warum? Yael Reuveny zuckt mit den Schultern. Vielleicht, weil sie jeden Tag erlebt, wie weit das Deutschland des Holocaust entfernt ist von dem der Gegenwart, in dem sie lebt.

Mit Uwe Schwarz, dem Mann, der Familie ist und dennoch zunächst ein Fremder, macht sie sich auf die Reise in die Vergangenheit, fährt zum Bahnhof in Lodz, zum Geburtshaus nach Vilnius und immer wieder nach Schlieben. Die beiden hangeln sich an den wenigen Spuren entlang, die der Krieg und die Überlebenden hinterlassen haben. Die Kamera ist immer dabei.

Immer wieder fliegt Yael Reuveny auch nach Israel, konfrontiert ihre Mutter mit den Ergebnissen ihrer Recherche. Es sind intensive Gespräche – schmerzhaft mitunter.

Neben ihrer Arbeit richtet sich die junge Frau ein in ihrem neuen Leben in Prenzlauer Berg, findet Freunde aus aller Welt, genießt dieses Leben, frei von der unterschwelligen Spannung, der man in Israel nicht entkommt, einem Land in permanentem Ausnahmezustand. „Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist, aber irgendwann war Deutschland mein Zuhause“, sagt Yael Reuveny, die inzwischen mit einem Deutschen liiert ist.

Nur mit der Sprache tut sie sich noch immer schwer. Sobald die Themen komplexer werden, schaltet sie um auf Englisch. Anfangs traf sie nur selten auf andere Israelis. Das ist inzwischen anders. Wenn sie die Kastanienallee entlangschlendert, hört sie häufig Hebräisch. Tatsächlich leben derzeit etwa 17.000 Israelis in Berlin, vor allem in Prenzlauer Berg. Die deutsche Hauptstadt ist ein Sehnsuchtsort für junge Juden aus Nahost geworden.

Das erzürnt wiederum Politiker in Jerusalem. Finanzminister Yair Lapid hat vor kurzem auf seiner Facebook-Seite erklärt, als Sohn von Holocaust-Überlebenden sei es für ihn unverständlich, „wenn Menschen den einzigen jüdischen Staat, den sie haben, in die Tonne treten, weil es einfacher ist, in Berlin zu leben“. Der deutsche Botschafter sah sich bemüßigt, die Wogen zu glätten und den Berlin-Boom als vorübergehendes Phänomen kleinzureden.

Der Traum von Israel

Doch Yael Reuvenys Generation beharrt auf ihrem Recht, unvoreingenommen sein zu können. Und ihr Leben ungeachtet der Vergangenheit gestalten zu dürfen, auch oder gerade in Deutschland, diesem verfluchten Stück Erde.

In Deutschland lernt Yael Reuveny dann auch ihren Cousin Stephan kennen, den Enkel von Peter Schwarz. Stephan kannte seinen Großvater kaum. Über seinem Bett in einem Berliner Studentenwohnheim steht ein schwarz-weißes Foto im Regal, aufgenommen nach der Befreiung im KZ Schlieben. Darauf ist Fei’vke mit anderen in der gestreiften Häftlingskleidung zu sehen, wie sie mit russischen Gewehren posieren. Es ist das einzige Bild, das er von seinem Großvater hat.

An der Wand darüber hängt die israelische Flagge. Stephan, im Osten Deutschlands aufgewachsen, studiert Jüdische Geschichte, lernt Hebräisch und arbeitet in der Großen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin. Er trägt sich mit dem Gedanken, zum Judentum zu konvertieren. In Jerusalem zu leben, wäre sein Traum.

Es ist, als ob die dritte Generation den Weg der Großeltern wieder aufgenommen hat – den Weg, der im Krieg unterbrochen wurde und den sie selbst nicht fortsetzen konnten.

Inzwischen haben auch Yael Reuvenys Eltern ihre Tochter in Deutschland besucht. Für die junge Frau war das eine wichtige Geste, vor allem von ihrer Mutter. „Es ist, als ob sich meine Mutter für mich entschieden hat, nicht für meine Großmutter.“

Eine Entscheidung für die Zukunft. Gegen die Vergangenheit.