Die Welle hat uns alles genommen, aber wir haben überlebt", sagt ein alter Mann auf einer thailändischen Insel. Die Pfahlhütten, die der Tsunami fortspülte, haben die Dörfler inzwischen in einer anderen Bucht neu aufgebaut. Dort suchen sie nach Muscheln, Seeigeln und Mangrovenwürmern. Einer der Männer zieht einen langen schleimigen Wurm aus dem Mangrovenholz, nimmt ihn genüsslich zwischen die Lippen und saugt ihn auf. Laute des Entsetzens ertönen im Saal.Die wenigsten Schüler, die sich an diesem Tag in der Berliner Akademie der Künste den Film "Meer" von Ebbo Demant ansehen, lässt das Geschehen kalt - auch abseits des Würmer-Ekels. Sie wissen: Das da vorn ist "echt", keine nachgespielte Fernsehdoku. Auch die zweite Reportage, aus der sie Ausschnitte sehen, "Die Spielwütigen" von Andres Veiel, löst hörbare Reaktionen aus. Der Film zeigt junge Menschen, die Schauspieler werden wollen. Sie sind aufgeregt, nervös, zugleich von unbedingter Spielwut ergriffen. Viele der jungen Zuschauer im bunkerartigen "Blackbox"-Saal der Akademie lassen sich davon berühren.Wenige Minuten später sitzen sie einige Etagen höher unterm Glasdach mit Ahornblattmuster dem Regisseur Andres Veiel gegenüber. Der blickt neugierig in etwa zwanzig noch etwas schüchterne Gesichter. Gleich soll er mit den Schülern reden - aber nicht über seine eigenen Filme, wie es bei solchen Treffen eigentlich üblich ist, sondern über ihre.Es war das erste Mal, dass die Akademie Filmemacher und etwa hundert Schüler aus verschiedenen Bundesländern zu einem Thementag "Die Kunst der Reportage" in ihr Haus am Pariser Platz einlud. Neben Veiel trafen sie Künstler wie Ebbo Demant, Nele Hertling oder Helke Misselwitz. Die Schüler brachten Filme, Texte, Fotoserien mit, die in Projekten der Akademie entstanden sind.Eines der Projekte heißt "100 Schüler - 10 Mitglieder". Hier nehmen Künstler den Nachwuchs mit in ihre Ateliers, Theater, Studios oder Schnitträume, um darüber zu reden, warum sie tun, was sie tun. "Wir haben keinen kunstpädagogischen Ansatz", sagt eine Sprecherin der Akademie. Es gehe vor allem um die Begegnung. Eine Mission scheint man dennoch zu verfolgen. So etwa mit dem zweiten Projekt, "Kunstwelten", einer Idee des Akademiepräsidenten Klaus Staeck. Künstler gehen hier seit 2006 in östliche Bundesländer, stellen Schülern ihre Arbeiten vor und leiten Werkstätten, auch zum Thema Reportage. Auf die Frage, was Klaus Staeck, selbst in Bitterfeld aufgewachsen, mit seiner Idee bezwecke, sagte dieser: "Auch wenn es verwegen klingt: Demokratie und Zivilgesellschaft in diesen Gegenden mit Kunst zu stärken. Es geht darum, die Annäherung an das Fremde, das Unbekannte als Bereicherung zu erfahren".Die Aktionen treffen aber nicht immer auf Gegenliebe, auch wenn die Akademie vor Ort mit Vereinen, Bildungszentralen und Kulturhäusern zusammenarbeitet. Eine Künstlerin erzählte, wie sie einmal hörte: "Da kommen die Kulturimperialisten aus Berlin."Auch wenn gewiss nicht nur im Osten Demokratie und Zivilgesellschaft gestärkt werden müssen, kamen die meisten Schüler, die Staeck am Freitag in seinem Hause begrüßte, aus dem Osten: aus Anklam, Bitterfeld, Leipzig, Potsdam und Wolfen. Dazu gesellten sich einige aus München und von einer Patenschule aus Berlin-Moabit. Darunter viele türkische Jugendliche. Von ihnen hingen an den Wänden beeindruckende kleine Fotoserien über einen Nachmittag ihres Lebens oder einen Ort, der ihnen wichtig ist: die Straße, der Hof, der Fußballplatz, der Kiezkinderladen. Mit den Bildern machten sie, betreut von Künstlern, ihren Alltag für andere sichtbar.Auch ganz im Sinne von Peter Lilienthal. Der 81-jährige Regisseur, der selbst viele Filmreportagen schuf, hatte die Idee zu diesem Treffen. Für ihn erfüllen Reportagen eine wichtige soziale Aufgabe. Sie fördern Verständnis, Begegnungen, den Abbau von Vorurteilen. Lilienthal wünschte sich eine "Kooperative" von Schülern, die mit Mitgliedern und Stipendiaten der Akademie an ihren Versuchen weiterarbeiten."Ich bin ein bisschen ins kalte Wasser geworfen, genau wie ihr", sagt Andres Veiel seiner Runde unterm Dach. Alles wirkt etwas improvisiert. Noch hat er keinen der Schülerfilme gesehen. Diese werden jetzt von der DVD vorgespielt. Und Veiel macht in wenigen Stunden das Beste aus der Begegnung.Die meisten Schüler in seiner Runde kommen aus Anklam, einer Stadt nicht allzu weit von jenem uckermärkischen Ort Potzlow, der 2005 durch Andres Veiels Dokumentarstück "Der Kick" Aufsehen erregte. Drei Jahre zuvor war hier ein Jugendlicher von anderen bestialisch ermordet worden. Veiels Stück handelt von Ausgrenzung, Hass, Schweigen und Hilflosigkeit im Ort, in dem das geschah. Was läge näher, als den etwa 16-jährigen Anklamern ein paar erzieherische Botschaften mit auf den Weg zu geben? Im Sinne der Zivilgesellschaft. Andres Veiel aber tut nichts dergleichen. Jedenfalls nicht vordergründig. Er sieht sich neugierig-konzentriert die kleinen Alltagsfilme unter dem Motto "Anklam und Ich" an, die in Anklam in einer Werkstatt mit der jungen Regisseurin Sophie Narr entstanden.Eric zum Beispiel filmte den Abend seiner jüngeren Schwester: wie sie nach Hause kommt, isst, die Mappe packt, malt, liest, das Haustier füttert, ins Bett geht, morgens aufsteht, zur Schule fährt. Ein scheinbar banaler Stoff. Doch Veiel lobt Eric, seine erstaunlich sichere, ungewöhnliche Kameraführung, die Ruhe und Geduld, mit der er das ganz normale Leben einfing. Schon hier beginnt für Veiel die Kunst der Reportage.Marie filmte ihren Exfreund, Martin seinen Kumpel Oli beim Computerdaddeln. Freundschaft, Familie, Krankheit, zerbrochene Liebe sind die Themen, aber auch der Alltag der Anklamer Straßenreiniger, Steinmetze oder Wasserschutzpolizei.Veiel lobt an diesem Tag viel. Vor allem, dass manche Porträts sehr persönlich, mutig seien. Er gibt Hinweise, bestärkt die Schüler in ihrer Neugier. Macht weiter! Schaut, was passiert! Banales gibt's nicht. "Jeder von euch lebt in einem Bereich, wo es spannend ist, Geschichten zu erzählen", sagt er.Viele der Schüler wirken am Ende lockerer, freier, erleichtert, ja sogar stolz. Was könnte solch eine Veranstaltung mehr bringen? Ermutigung hieß ein Wort, das an diesem Tage mehrfach fiel.------------------------------"Wenn wir in dieser Welt etwas ändern wollen, müssen wir erst einmal genauer hingucken." Andres Veiel, RegisseurFoto: Der Filmemacher Ebbo Demant mit Schülern aus Berlin-Moabit. Diese zeigen an den Wänden der Akademie kleine Fotoserien über ihren Alltag.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.