POTSDAM. Die Kritik lässt derzeit die Potsdamer Filmschauspielerin Nadja Uhl einmütig hoch leben. Schließlich spielt sie in Andreas Dresens neuem Film "Sommer vorm Balkon" so hinreißend die Altenpflegerin Nike. Da dreht sich alles um einen maroden Altbau im Prenzlauer Berg. Im wahren Leben indes will Nadja Uhl eine verfallene Villa retten, renovieren und darin leben. Es geht um die heruntergekommene Villa Gutmann in der Potsdamer Bertinistraße. Diesen verwunschenen Prachtbau hatte die Schauspielerin gemeinsam mit drei Freunden Ende Oktober 2005 von den Gutmann-Erben gekauft.Doch nun fordert die linksalternative Potsdamer Szene, dass wenigstens die architektonisch interessantesten Bereiche der Villa wieder für Besucher zugänglich gemacht werden. "Die Öffentlichkeit wird in Potsdam leider zusehends von Sehenswürdigkeiten ausgeschlossen", sagt Axel Kruschat, der für die Fraktion Die Andere im Stadtparlament sitzt. Kruschat forderte, wenigstens die einzigartige expressionistische Turnhalle der Villa und das historische Arabicum - ein in Damaskus angefertigter Raum ausgestattet mit Edelhölzern - wieder dem Publikum zugänglich zu machen. "Das sollte schon möglich sein, der Potsdamer Norden ist am Wasser sonst kaum noch erlebbar, weil Grundstücke von neuen Besitzern abgeschottet werden", sagte er und verwies darauf, dass die Hausbesetzer die Villa Gutmann bis zu deren Räumung im Jahre 1999 offen gehalten hatten.Die neuen Eigentümer, selbst eher unkonventionell und idealistischen Ideen durchaus zugetan, haben damit wohl nicht gerechnet. "Das ist kein öffentliches Haus", sagt Miteigentümer Olaf Elias, der hauptberuflich in Marwitz nördlich von Berlin einen Handel mit historischen Baustoffen betreibt. Denn der Einbau von Toiletten, Aufzügen und behindertengerechten Zugängen wäre zu kostspielig. "Nur bei Gelegenheit werden wir Öffentlichkeit herstellen - etwa mit einer Vortragsreihe im Arabicum", so Elias. Das sei aber nur etwas für Leute, die statt reiner Neugier tieferes inneres Interesse an dem Thema hätten.Neben Nadja Uhl und Olaf Elias ist auch Uhls Lebensgefährte Kay-Patrick Bockholdt, der mit seinem Verein "Maulwurf" und straffällig gewordenen Jugendlichen gerade das Potsdamer Varietee "Walhalla" saniert, Miteigentümer der Villa. Gleiches gilt für Elias Frau Hanin, früher in der Kreuzberger Hausbesetzerszene bekannt. Mit der Elektropunk-Band Atari Teenage Riot, die vor allem im Ausland hunderttausende Platten verkaufte, sorgte die schrille Sängerin im Zug der militanten Demo am 1. Mai 1999 in Berlin für Aufsehen.Doch die Zeiten ändern sich: Nun wollen die vier Eigentümer aus der Villa Gutmann mit viel Eigeninitiative ein Generationenhaus machen, wollen die Räume nach und nach renovieren. "Wir planen ein Haus für uns, für Großeltern und Kinder, aber auch für Schwester und Onkel", sagte Olaf Elias. Jeder habe seine eigenen Zimmer, aber es werde auch gemeinschaftlich genutzte Räume geben. Von einem "humanistisch-ideellen Projekt" spricht Bockholdt. Keine Luxussanierung soll es werden, doch wolle man die Villa mit Liebe zum Detail vor dem weiteren Verfall retten. Olaf Elias hat schöne Türen und andere Einrichtungen zur Hand. Alle Eigentümer wollen bei der Renovierung selbst tätig werden - auch Filmstar Nadja Uhl.Der Prachtbau im Landhausstil, der inzwischen ziemlich mitgenommen aussieht, hat inklusive Nebengebäuden fast 80 Zimmer. Nach der Wende wohnten Hausbesetzer in der lukrativen Immobilie, sicherten notdürftig das Dach. 1992 wurde die Villa an die Gutmann-Erben rückübertragen. Doch erst 1999 ließ der damalige Oberbürgermeister Matthias Platzeck das Haus räumen. Seitdem musste die Stadt für die Sicherung der denkmalgeschützten Villa aufkommen - und zahlte etwa 300 000 Euro. Die Gutmann-Erben konnten die Sicherungskosten angeblich nicht aufbringen, solange das Haus nicht verkauft war. Der Potsdamer Nobelmakler Claus-Thilo Kolster hatte die Villa lange für 1,5 Millionen Euro im Internet angeboten. "Der Kaufpreis lag in unserem Falle aber unter einer Million Euro", sagt Olaf Elias.Die Gutmann-Erben haben inzwischen ein Viertel der Sicherungskosten zurückerstattet. Ihnen sei wichtig gewesen, dass das Haus endlich in gute Hände kommt und erhalten wird, sagt Elias. Nun sind Nadja Uhl und ihre Freunde für die Zukunft einer Villa verantwortlich, und für ein Stück Potsdam.------------------------------Verfallende Pracht am JungfernseeVilla Gutmann: 1913 ließ der jüdische Bankier Herbert Gutmann, Sohn des Dresdner-Bank-Gründers Eugen Gutmann, die 80-Zimmer-Villa (2 638 Quadratmeter) am Potsdamer Jungfernsee erbauen.Sehenswürdigkeiten: Kleinodien sind das "Arabicum", ein in Damaskus angefertigtes Zimmer im türkischen Barock, eine expressionistische Turnhalle sowie ein Festsaal im Stil des Neobarocks.Schicksal: 1936 musste Gutmann vor den Nazis flüchten. Die Villa diente im 2. Weltkrieg als Lazarett, die DDR nutzte sie als Seniorenheim. Von 1991 bis 1999 besetzt, verfällt die Villa seither.Nadja Uhl: Die 33-Jährige spielte in "Das Wunder von Lengede" und "Die Stille nach dem Schuss".------------------------------Foto: Geister-Haus: Die seit 1999 leer stehende, denkmalgeschützte Villa Gutmann ist dringend sanierungsbedürftig.------------------------------Foto: Nadja Uhl feiert derzeit Erfolge mit dem Film "Sommer vorm Balkon".------------------------------Foto: Standesgemäßer Leibesertüchtigung diente die hauseigene Turnhalle, ein Kleinod im Stil des Expressionismus.