Keinem der Berliner Großkopfeten hat die deutsche Großindustrie so viel Wohltaten zu verdanken wie Heribert Zitzelsberger, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Dem Vater der rot-grünen Unternehmenssteuerreform verdanken die Konzerne nicht nur die letztjährige Senkung der Körperschaftsteuer auf einen international wettbewerbsfähigen Satz von 25 Prozent und die Aussicht, von 2004 an auch erheblich weniger Gewerbesteuer zu zahlen.Unvergessen ist der Börsenboom des Jahres 2000 als bekannt wurde, dass - dank Zitzelsberger - Kapitalgesellschaften von 2002 an ihre Beteiligungen steuerfrei verkaufen dürfen. Bewegung sollte auf diese Weise in die verkrustete Deutschland AG kommen, die riesigen Industrieportefeuilles der Großbanken zum Wohle der Anleger endlich entzerrt werden. Obwohl Bundeskanzler Gerhard Schröder seinerzeit von der großzügigen Spende überrascht worden war, schmeichelte dem Modernisierer natürlich der Jubel aus den Chefetagen und den damals noch jubilierenden Anlegern. Jetzt wurde ein weiterer Zitzelsberger-Coup wirksam, der den Konzernen Milliarden in die Kassen bringt - zu Lasten der maroden Haushalte von Ländern und Kommunen. Rund 3,2 Milliarden Mark Körperschaftsteuer musste, wie der "Stern" meldete, allein das Land Nordrhein-Westfalen bis Weihnachten an vier Großkonzerne für 2001 zurückzahlen. NRW-Finanzminister Peer Steinbrück, der im Jahre 2000 noch 5,9 Milliarden aus der Körperschaftsteuer verbuchen konnte, sprach von "gigantischen" Steuerausfällen: "Wir zahlen unterm Strich mehr als wir einnehmen."Lautstarker AnklägerEs mutet heute wie ein Treppenwitz an, dass es ausgerechnet Finanzminister Oskar Lafontaine war, der den 62-Jährigen früheren Steuerfachmann aus der Wirtschaft wieder an die Politik herangeführt hat. Zitzelsberger war seit 1987 Leiter der Steuerabteilung des Bayer-Konzerns. Eichels Vorgänger tritt heute als lautstarker Ankläger auf gegen eine ungerechte Steuerpolitik, bei der die Arbeitnehmer zu kurz kommen und Konzerne und Reiche sich sanieren. "Ich hätte diesen Mann heute längst entlassen", sagt Lafontaine heute.Damals hatte er den Steuerexperten von BDI und DIHT im Herbst 1998 in die Kommission zur Reform der Unternehmensbesteuerung geholt und wollte ihn sogar zum Chef der Steuerabteilung seines Hauses berufen. Doch Zitzelsberger war erst zum Wechsel bereit, als ihm Eichel nach Lafontaines Rücktritt den Job als Staatssekretär anbot. Der Sachverstand des Rechtsprofessors, der bereits von 1974 bis 1989, sowohl unter den SPD-Chefs Hans Apel und Hans Matthöfer als auch unter Theo Waigel (CSU) im Finanzministerium gearbeitet hatte, bevor er zu Bayer wechselte, ist weiter unbestritten. Doch inzwischen mehren sich, insbesondere unter Finanzministern der Länder, aber auch in den Kommunen die Stimmen, die diesen extraordinären Sachverstand verwünschen. Sie fühlen sich von dem Niederbayern über den Tisch gezogen. Und schlimmer noch: alles ist völlig legal.Für den Leverkusener Bayer-Konzern hat es sich gelohnt, seinen Steuerfachmann ins Bundesfinanzministerium ziehen gelassen zu haben. NRW-Finanzchef Peer Steinbrück musste zwischen 500 und 600 Millionen Mark an den Chemieriesen zurücküberweisen - Abschreibungen aus den Verlusten mit dem inzwischen verbotenen Cholesterin-Dämpfer Lipobay. Vodafone durfte seine Verluste aus der Mannesmann-Übernahme und dem Erwerb der teuren UMTS-Lizenzen so wertberichtigen, dass ebenfalls eine halbe Milliarde aus Düsseldorf fällig wurde.Die Deutsche Telekom hatte bereits im November satte 1,4 Milliarden Mark an Steuervorauszahlungen aus NRW wieder eingestrichen. Der Bonner Konzern hatte seine horrenden Kursverluste nach der Übernahme der US-Telefongesellschaft Sprint so geschickt einer Beteiligungsfirma zugewiesen, dass eine gewaltige Verlustzuweisung entstanden war. Und schließlich musste Steinbrück kurz vor Weihnachten an den Energieriesen RWE rund 800 Millionen abdrücken. Auch der Essener Konzern konnte erhebliche Verluste einer IT-Beteiligung geltend machen - und gleichzeitig für 2002 eine zweistellige Gewinnprognose abgeben. Zitzelsberger hatte diese Schleusen mehr oder weniger unbemerkt durch eine Änderung der so genannten Organschaft beim Steuerentlastungsgesetz geöffnet. Durch Begründung einer Organschaft zwischen Mutter- und Beteiligungsgesellschaft können im deutschen Steuerrecht die Schranken zwischen Kapitalgesellschaften aufgehoben werden. Beide Unternehmen können steuerlich als Einheit behandelt werden. Der Organträger kann also auch die Verluste der Beteiligungen übernehmen und kann Dividenden steuerfrei einnehmen.Nach dem alten Körperschaftsteuerrecht (Paragraf 14) konnte auf diesem Wege die Steuerpflicht allerdings nur vermieden werden, wenn die an der Organschaft beteiligten Gesellschaften finanziell, wirtschaftlich und organisatorisch eine Einheit bildeten. Zitzelsberger sorgte dafür, dass nach dem neuen Recht nur noch die finanzielle Eingliederung nötig ist, beispielsweise durch einen Ergebnisabführungsvertrag. Der legalen Manipulation, also der Einschaltung verlustbringender Beteiligungen allein zum Zweck der Steuervermeidung, war damit Tür und Tor geöffnet. Als das Gesetz zwischen Bund und Ländern beraten wurde, so erinnern sich Teilnehmer dieser Runden, sei Zitzelsberger von Ländervertretern auf Schlupflöcher im Gesetz aufmerksam gemacht worden. "So etwas macht ein deutsches Unternehmen nicht", habe der Staatssekretär geantwortet. Nächster CoupZitzelsberger hat schon den nächsten Coup vorbereitet: In der kommenden Legislatur sollen die Organschaftsregeln der Körperschaftsteuer auch auf die Gewerbesteuer übertragen werden. Dann wird es für die Kämmerer noch enger als bisher, denn Kapitalgesellschaften wie beispielsweise Telekom und Bayer, die ihre Erträge bei der Körperschaftsteuer heruntergerechnet haben, zahlen - wegen der unter Null heruntergerechneten Erträge - auch bisher schon keine Gewerbesteuer in Bonn und Leverkusen.WERNER SCHUERING Von Unternehmen geliebt, von Kommunen verwünscht: Heribert Zitzelsberger, der Vater der rot-grünen Unternehmensteuerreform.