Das Geld kommt bei Thilo Sarrazin im Alter von drei Jahren ins Spiel. Es war im Mai 1948 und der kleine Thilo fuhr mit der Straßenbahn ans andere Ende der Welt. Zumindest muss es sich so angefühlt haben, seine Familie zog damals von Recklinghausen nach Bochum. Die Möbel fuhren mit dem Wagen, die Familie folgte mit der Tram, wo die Menschen nur ein Thema hatten: die Einführung der Deutschen Mark einen Monat später. "Da habe ich das Wort Währungsreform aufgeschnappt", sagt Berlins heutiger Finanzsenator Sarrazin und knapp 50 Zuhörer lachen.Es ist Montagabend und Sarrazin berichtet in einer Austernbar im Hauptbahnhof von "Kindheitserinnerungen". So heißt eine Reihe des Deutschen Zentrums für Märchenkultur Märchenland. Prominente erzählen, was sie gelesen haben und wie sie früher waren. Da passt es, dass dem späteren Finanzsenator mit drei Jahren schon das Wort "Währungsreform" im Ohr blieb. Denn vor allem eines will Märchenland-Chefin Silke Fischer wissen: Wie Sarrazin zu den Zahlen kam.Es ist die Frage, die Fischer gleich am Anfang stellt, sie kommt im Laufe der knapp einstündigen Unterhaltung immer wieder darauf zurück. Ohne Erfolg. Sarrazin erzählt stattdessen von der Flucht seiner Mutter während des Zweiten Weltkriegs, wie er bei einem Zwischenstopp im Februar 1945 bei Verwandten in Gera geboren und auf der Geburtsurkunde aus Thilo "Tilo" wurde, weil gerade Bombenangriff war. Ein Versehen, das ihm erst kürzlich wieder Probleme bereitete. Er musste einen neuen Reisepass beantragten und sollte einen ohne "h" im Vornamen bekommen.Sarrazin plaudert auch sonst freimütig über seine Kindheitsjahre. Aus Gera kamen er und seine Mutter mit einem britischen Militärlaster nach Recklinghausen. Der Vater kam aus dem Krieg zurück, dem ersten Sohn folgten eine Tochter und noch zwei Söhne, und mit der Oma und dem Onkel und dem Dienstmädchen lebten irgendwann neun Personen in vier Zimmern. "Es waren andere Zeiten", sagt Sarrazin.Er habe seine Kindheit in kurzen Hosen und selbstgestrickten Socken bei Wind und Wetter auf der Straße verbracht, erzählt der SPD-Politiker. Oder in der öffentlichen Bibliothek, wo er jeden Tag las. Ob er in seine Mathe-Lehrerin verliebt war? Nein, er sei im Gegenteil sogar recht schlecht in Mathematik gewesen und musste eine Klasse wiederholen, erzählt Sarrazin. Auch sparsam war er nie, sagt Sarrazin, nur seine Mutter. Er selbst habe stets ein schwieriges Verhältnis zu Sparschweinen gehabt.Nach dem Vortrag wird Sarrazin dann noch gefragt, ob er sich als nüchterner Finanzfachmann lange zu einem so persönlichen Termin überwinden musste. "Ich interessiere mich ja für viel mehr als fiskalische Fragen", sagt Sarrazin. Damals als junger Mann habe er schlicht verstehen wollen, "wie die Welt funktioniert", sagt er. Volkswirtschaft erschien ihm dafür ein gutes Mittel zu sein. "So bin ich zu den Zahlen gekommen", sagt Thilo Sarrazin.------------------------------"Ich habe mein Sparschwein gehasst, weil das Geld weg war." Thilo Sarrazin------------------------------Foto: In der Schule keine Leuchte: Thilo Sarrazin erzählt aus seiner Kindheit.