BERLIN, 27. Februar. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer hat seine Konzeption von der Zukunft Europas grundlegend geändert. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung nahm Fischer erstmals Abschied vom Ziel eines Kerneuropas, das neben Deutschland und Frankreich nur wenige EU-Länder umfasst hätte. Der Grünen-Politiker setzt nun auf eine große und zugleich eng integrierte Gemeinschaft. Nur so könne Europa der Globalisierung und den Gefahren des Terrorismus begegnen, die das 21. Jahrhundert prägen würden. Mit Kerneuropa gehe das nicht, sagte Fischer: "Damit kann unser Kontinent die strategische Dimension nicht ausfüllen. " Noch im Jahr 2000 hatte Fischer in einer viel beachteten Rede in der Berliner Humboldt-Universität auf das Konzept einer Föderation der europäischen Kernstaaten gesetzt. Der Minister hatte damit europaweit eine Debatte über die Zukunft der Gemeinschaft angestoßen. "Ich würde die Humboldt-Rede heute in Teilen anders halten", sagte Fischer jetzt. "Ich bin zwar mehr denn je überzeugt, dass Europa mehr Integration und stärkere Institutionen braucht. Aber klein-europäische Vorstellungen teile ich nicht mehr. " Seit dem Ende des Kalten Krieges habe Europa eine strategische Dimension bekommen, führte der Minister aus. Die Konflikte in der Welt seien nur noch zu beherrschen, wenn man in "kontinentalen Größenordnungen" handeln könne. "Russland, China, Indien und natürlich die Vereinigten Staaten - die haben die notwendige Größe. Für uns Europäer stellt sich die Frage, ob wir eng genug zusammenwachsen können, um unser Gewicht geltend zu machen. In diesem Lichte muss man auch die Türkei-Diskussion sehen. " Der Grünen-Politiker räumte ein, er selber habe früher erhebliche Zweifel gegenüber der türkischen EU-Bewerbung gehabt. Seit den Anschlägen vom 11. September habe sich dies grundlegend verändert. Die Türkei, wenn sie den europäischen Standards entspreche, sei von größter Bedeutung für die strategische Dimension, die Europa gewonnen habe. Erst Anfang der Woche hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) der Türkei die Hilfe Deutschlands für ihre EU-Kandidatur versprochen. In der Union, aber auch in der übrigen EU, ist der Türkei-Beitritt umstritten.Fischer drängte auf die Verabschiedung der EU-Verfassung. Sie werde es ermöglichen, nicht nur die jetzt anstehende Erweiterung, sondern auch weitere Beitritte zu bewältigen. "Die Verfassung ist hervorragend. Sie ist flexibel, sie ist dynamisch, sie hat Entwicklungsmöglichkeiten", sagte Fischer über den von ihm selbst miterarbeiteten Entwurf. Im ersten Anlauf allerdings war die Verfassung an einem Machtstreit der europäischen Regierungschefs gescheitert.Politik Seite 5"Für Europäer stellt sich die Frage, ob wir eng genug zusammenwachsen können, um unser Gewicht geltend zu machen. "