Tablamu - Für den Geschmack der Freiheit ist Min Hung auf einen Baum geklettert. Der schmächtige, fast dürre junge Mann mit langen, schwarzen Haaren legt seine Hand auf die Rinde und erzählt: „Einen ganzen Nachmittag habe ich mit meinem Freund oben gehockt und Rambutan reingestopft.“ Die süße Frucht, verwandt mit Litschis, war das erste frische Obst, das er nach dreieinhalb Jahren zu essen bekam. Da wusste Min Hung, dass er wirklich frei ist. 42 Monate lang war der Birmane Gefangener an Bord eines thailändischen Fischkutters und musste wie ein Sklave schuften. 1 278 Tage, an denen Min Hung nicht ein einziges Mal Land zu sehen bekam.

Seine Leidenszeit begann mit einem Versprechen. 2009 lockte ihn ein Arbeitsvermittler mit einem angeblich tollen Jobangebot. Als Bauarbeiter sollte er im Monat 6000 Baht, etwa 150 Euro, erhalten. Dazu gebe es freie Kost und Logis, sagte der Thailänder. Min Hung schlug ein. Er kam nicht auf die Idee, dass er wegen seiner Vorkenntnisse zur See ein idealer Kandidat für Sklavenarbeit an Bord eines Fischkutters war. Er hatte schon früher als Hilfsarbeiter auf Fischkuttern gejobbt, die von der thailändischen Hafenstadt Ranong für ein bis zwei Monate in See stachen. Bis zu 600 Dollar erhalten Arbeitsvermittler für Birmanen mit Seekenntnissen, die sie auf ein Geisterboot – so werden nicht registrierte Fischkutter mit Sklaven an Bord genannt – locken.

Min Hung und fünf weitere Leidensgefährten mussten bald feststellen, dass sie in die Falle getappt waren. Denn der Kleinbus mit den Birmanen hielt nach einer Nachtfahrt nicht vor einer Baustelle, sondern an einem Pier für Fischkutter. „Zehn mit Pistolen bewaffnete Männer nahmen uns alles ab“, schildert Min Hung, „Telefon, Kleider, alles. Dann sperrten sie uns in einem Boot ein.“ Als Stunden später die Tür zum hölzernen Verlies geöffnet wurde, war nur noch Wasser zu sehen. Das Boot trug statt eines Namens nur die Nummer 29.

Geisterboote – wie auch registrierte legale Kutter – können jahrelang auf hoher See bleiben, weil sie von sogenannten Mutterschiffen versorgt werden, bei denen sie ihren Fang abliefern. Diese Schiffe haben Kühlanlagen zum Einfrieren der Fische an Bord, Bars und Discos – und Prostituierten für die thailändischen Seeleute.

Exekutionen auf hoher See

„Wir haben richtig auf diese Fahrten zum Mutterschiff gewartet“, erzählt Min Hung. „Wenn die Thailänder ihren Spaß hatten, konnten wir selbst gefangenen, getrockneten Fisch gegen T-Shirts und Hosen tauschen.“ Zudem boten die Treffen eine seltene Gelegenheit, mit den Besatzungen anderer Fischkutter zu plaudern. „Da waren Leute, die schon sieben oder zehn Jahre schufteten, nie Geld und nie Land gesehen hatten“, sagt Min Hung, „und dann waren da noch die Horrorgeschichten von Mord und Totschlag.“

Es sind Erzählungen über thailändische Kapitäne, die ihre birmanische Mannschaft am Bug aufreihten und der Reihe nach erschossen, um Lohnzahlungen zu sparen. Manche Mannschaften werden schwer misshandelt. Thailändische Polizisten berichten, dass täglich zwei bis drei Männerleichen im Meer gefunden werden. Häufig seien die Toten nicht ertrunken, sondern erschossen oder totgeprügelt worden.

Ein Maschinenschaden verhalf Min Hung schließlich zur Freiheit. Der Kutter verließ die Gewässer in Indonesien und steuerte den kleinen Hafen Tablamu an Thailands Andaman-Küste an. Min Hung und seine Kollege bettelten so lange, bis sie mit an Land gehen durfte. Der Kapitän strebte in ein Bierbar und spendierte in einem ungewohnten Anfall von Großzügigkeit 100 Baht, um Obst zu kaufen. Min Hung und sein Kollege tauchten sofort im Netzwerk birmanischer Wanderarbeiter unter – die Freiheit erleben die beiden nun in einem Versteck.

Seine Lippen zittern. Der 29-jährige Mann kann seine Wut kaum beherrschen. Abends in der Koje malte er sich vor dem Einschlafen die Rache aus, die er gerne nehmen würde. „Ich kann gar nicht beschreiben, was ich mit den Leuten machen möchte, die mir das angetan haben“, sagt Min Hung.

Vom Besitzer des Kutters kennt Min Hung lediglich den Namen „Kistana“. Versuche, den Schiffseigner zu identifizieren, sind fehlgeschlagen. Selbst wenn er ihn ausfindig machen könnte, hätte Min Hung vor einem thailändischen Gericht keine Chance. Als „illegaler Wanderarbeiter“ aus Birma würde er selbst im Gefängnis landen.

Ebenso schwierig ist es, Augenzeugen für die Sklaverei zu finden. Entlang der thailändischen Küste der Provinz Phang Nga gibt es zwar ein Netzwerk, das sich um birmanische Wanderarbeiter kümmert. Aber nur in Ausnahmefällen gelingt den Seeleuten wider Willen die Flucht. 200 000 bis 300 000 Menschen sind laut Schätzungen in der Fischereiindustrie des südostasiatischen Königreichs beschäftigt, die Thailand jährlich etwa sieben Milliarden US-Dollar einbringt.

Längst nicht alle beuten ihre Seeleute so gnadenlos aus, wie die Geisterboote. Doch laut einer Umfrage der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) unter Seeleuten in thailändischen Häfen gehören Prügel für die Crews zum Alltag. Außerdem klagen viele über Arbeitstage bis zu 18 Stunden. „Es gibt einen massiven Preisdruck“, sagt Supang Chantavanich, Leiterin des Asian Research Centre for Migration an der Chulalongkorn-Universität in der thailändischen Hauptstadt Bangkok, „das zwingt auch Thailands Fischfangflotten zum Sparen, wo es nur geht.“

Es ließe sich auch so sagen: Jeder billige Fisch auf deutschen Mittagstischen befeuert die Sklaverei auf den Weltmeeren. Das Problem ist längst erkannt und die ILO versucht seit einigen Jahren, Verbesserungen der Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Zudem häufen sich Hilferufe aus aller Welt. Denn manchem Sklaven aus Birma oder Kambodscha gelingt die Flucht vom Fischkutter nur in afrikanischen Orten wie Mauritius, Lagos in Nigeria oder dem Hafen Accra in Ghana. Manche Fischereisklaven schaffen es, in Malaysias Sarawak-Provinz zu fliehen – und landen dort prompt wieder in den Händen von Menschenhändlern, die sie zu Hungerlöhnen auf Ölpalmenplantagen vermitteln. Versuche der ILO, versklavten Seeleuten mit einer per Mobiltelefon erreichbaren Notrufnummer zu helfen, werden vereitelt, da ihnen die Apparate weggenommen werden.

Angst vor Rache

Zudem widersetzt sich zumindest in Thailand die Fischfangindustrie bislang erfolgreich Auflagen, die in der Fischverarbeitungs-Industrie langsam Einzug halten. Auch sie beschäftigte lange Wanderarbeiter zu Hungerlöhnen, musste sich aber nach Konsumentenprotesten umstellen. In der Fischerei fällt es schwer, spürbaren Druck auszuüben. Broker kaufen Makrelen, Sardinen und anderen Fisch auf und beliefern dann Verarbeitungsfabriken verschiedener Unternehmen. Wie die Lebensumstände auf den Fangbooten sind, fällt niemandem auf.

Wie es mit ihm weitergeht, kann Min Hung noch nicht sagen. Zur Familie in Birma hat er längst jeden Kontakt verloren. Zu den Verwandten in der thailändischen Hafenstadt Ranong, die von seinem Versteck in der Nähe Khao Lak gerade mal eine Stunde Autofahrt entfernt leben, traut er sich auch Wochen nach seiner Flucht noch nicht. „Der Kapitän und seine Leute wollen mich umbringen“, glaubt Min Hung. „Ich bin sicher, dass meine Verwandten überwacht werden. Denn der Vermittler weiß, wo sie wohnen und würde mich sofort verraten.“ So verbringt Mu Hing seine Tage in Freiheit als Anstreicher auf einer nahe gelegenen Baustelle für ein neues Hotel. Seine Bezahlung: 300 Baht (7,50 Euro), der gesetzlichen Tages-Mindestlohn.