Dem Poppublikum war Barbara Morgenstern bisher vor allem als solipsistische Soloorglerin bekannt; wie zumeist auf der Bühne, traf man sie auch auf ihrem Debütalbum "Vermona ET 6-1" (1998) ganz allein mit sich und ihrer tschechischen Orgel. Gemessen an diesen Frühformen ihrer Karriere, stellt Morgensterns neues Werk "Fjorden" einen dramatischen Fortschritt dar: in den Baujahren des gebrauchten Geräts ebenso wie in der Öffnung der Künstlerin aufs Soziale. Morgenstern musiziert jetzt mit Freunden: mit den Elektroniktüftlern Thomas Fehlmann, Robert Lippok und Stefan Betke, denen sie wesentliche Teile des Sounddesigns überlassen hat. Darum könnte "Fjorden" auch gut als Potpourri der in Berlin und Umgebung gebräuchlichsten Stör- und Fehlgeräusche fungieren: vom hochfrequenten Klirren, wie man es aus übersteuerten und geloopten Sequenzerrhythmen gewinnt, bis zu dem stumpfen Schaben, Schratzen und Kratzen sorglos benutzten Vinyls wird dem Hörer ein bunter Strauß mit unschönen Geräuschen überreicht. Was laut klingt, klingt leiseEinigermaßen ungewohnt - und, weil ein ungeahnt wirksames Komplement zu Morgensterns speziellem Gesangsstil, auch der interessanteste Aspekt des Albums - ist dabei die Art, in der die falschen Geräusche falsch abgemischt werden. "Fjorden" wird von einem dauernden Widerspruch zwischen den Volumina der gesampelten Klänge und deren Lautstärken im Mix beherrscht.Sehr laute Geräusche sind bevorzugt sehr leise abgemischt worden und sehr leise Geräusche sehr laut: Die pseudo-orchestralen Tuschs, die aus der alten ZTT-Schule bis in die gegenwärtige Berliner Elektronik hineinragen, hat man kurzerhand zu Bestandteilen des rhythmischen Grundgerüsts reduziert; das halllos schmatzende Plopp, das der Laptopkomponist durch kalkuliert unpräzisen Gebrauch der Cut- und Paste-Funktionen erschafft und das meist, wie es seine Natur ist, hart an der unteren Wahrnehmungsgrenze harrt , wird hingegen zum Leitsignal rhythmischer Breaks hochgerechnet.So wechselt der Hörer stets zwischen dem Eindruck, an einer hypernervös verfeinerten Wahrnehmung zu leiden, und dem Gefühl, sich im Hallraum einer bereits verblassenden Erinnerung zu befinden. Die schneidendsten Disharmonien wirken - besonders in den Mixen von Betke - wie sentimental süßlich dahingetupft; man hört sie wie eine Spur ihrer selbst, wie eine Erinnerung an einst erlittene Schmerzen.Und umgekehrtMorgenstern singt dazu in jenem leicht introvertierten, leicht drohend zickigen Gestus, wie man von ihn den alten Neue-Deutsche-Welle-Chanteusen kennt; an die Humpe-Schwestern denkt man beim Hören ebenso wie an die Malaria-Sängerin Gudrun Gut (welche ihrerseits heute das Monika-Enterprises-Label führt, auf dem Morgensterns Alben erscheinen). Doch anders als von den Vorbildern aus den Achtzigerjahren gewohnt, gestattet Morgenstern ihrer Stimme nie, in den Sprechgesang abzusinken. Bevor ihr der Melodiebogen bricht oder der kurze Atem endgültig schwindet, wird die Stimme stets wieder ins Melodiöse zurückgehoben.Dies wirkt nie dilettantisch, eher wie im Zwischenzustand zwischen Wach- und Traumdasein gesungen; als wäre noch die kleinste musikalische Regung unter großen Mühen ertrotzt. Morgensterns Gesang ist gewissermaßen hochbewusst halb bewusst, darin bietet er das beste Komplement zu den versüßend auf sich selbst zurückgeneigten Samples. Als werde hier einer Erinnerung nachgesungen, die keinen Gegenstand hat: "Ich lief sehr viel / Doch das Ziel / Kam nicht näher // Dann stand ich still / Und es fiel / Auf mich nieder." Plopp.Barbara Morgenstern: Fjorden (Monika Enterprises/Indigo)