Zwischen den Märchen aus 1001 Nacht und CNN ist es letztens zu einigen Unstimmigkeiten gekommen, die wahre Natur des Orients betreffend. Der Fernsehsender leugnet die Existenz fliegender Teppiche und beschreibt jene Weltengegend vor allem als Hort von Despotismus und Rückständigkeit. Das wunderreiche Erbe der Erzählkunst aber lebt weiter - etwa im Werk des jungen Regisseurs Bakhtiar Khudojnazarov, der auf die Schwerkraft pfeift und in seinem neuen Film "Luna Papa" Kühe, Dächer und eben Teppiche fliegen lässt. Der aus dem tadschikischen Duschanbe gebürtige Russe ruft zugleich einen Teil des Orients ins Gedächtnis, der wegen seiner Zugehörigkeit zur Sowjetunion im Westen lange wenig beachtet war. Die Geröllwüste Usbekistans ist die Heimat von Mamlakat und Nasreddin. Hier werden dem Geschwisterpaar jene Dinge widerfahren, die Khudojnazarov als fantastischen Realismus bezeichnet. Zunächst aber konfrontiert uns dieser fantastische Erzähler mit schlichten Realitäten. So ist Nasreddin seit seinem Einsatz im Afghanistankrieg der tragische Beweis dafür, dass Krieg blöd macht. Man könnte ihn als den Dorftrottel bezeichnen; er selbst behauptet völlig zu Recht, dass er in diesem geistverlassenen Kaff das Böse bekämpft. Meistens spielt er mit ausgebreiteten Armen Flugzeug und ahmt mit seinen Lippen Motorengeräusche nach. Eine schöne Rolle für Moritz Bleibtreu. Die aufgeweckte Mamlakat (Chulpan Khamatova) liebt ihren Bruder, will aber mehr vom Leben. Sie träumt von der Schauspielerei und leidet unter der Abgeschiedenheit ihres Dorfes. Tagesmärsche muss sie auf sich nehmen, um ins Theater von Samarkand zu gelangen. Hier, in finsterster Nacht, beginnt ihr wundersames Abenteuer. Im Unterholz begegnet sie einem Schauspieler. Sehen kann sie ihn nicht, aber er kennt angeblich einen Hollywoodstar namens "Tom Kris". Mamlakat ist hingerissen - und kurz darauf schwanger. Mamlakats Empfängnis gibt einen Vorgeschmack auf den überbordenden Bilderreichtum von "Luna Papa" - und dessen widerborstigen Sinn. Der Liebesakt mit dem Unbekannten wird zur exzessiv dramatisierten Rutschpartie zwischen Himmel und Erde, eine unwirkliche Talfahrt, deren Schönheit konterkariert wird von der Richtung des Unternehmens. Denn wieder zu Hause, wird Mamlakat die volle Verachtung der Dorfgemeinschaft zu spüren bekommen. Auch für diese Mechanismen findet Khudojnazarov kraftvolle Bilder, die man nicht vergisst, wenn im folgenden die Kuh fliegt. Es handelt sich dabei übrigens weniger um ein fantastisches als um ein tragikomisches Vorkommnis, das sogar seine rationale Erklärung findet. Ganz im Gegensatz zu dem fliegenden Dach, auf dem Mamlakat der aufgebrachten Menge entschwebt. Es wird immerhin von zwei kleinen Ventilatoren betrieben. Ironische Brechungen wie diese zeigen, was Khudojnazarov nicht will: sich zwischen den zwei Strategien des westlichen Konstrukts Orientalismus entscheiden zu müssen, zwischen wunderlicher Verklärung und Denunziation des Archaischen. Stattdessen münden seine spektakulären Zaubereien ins Absurde. Den naiven Blick wahrt Khudojnazarov durch eine ungewöhnliche Perspektive: Er erzählt aus der Sicht des ungeborenen Kindes. Groß ist dessen Erstaunen, als sich Mamlakat mit dem Bruder und dem erzürnten Vater auf die Suche nach dem Erzeuger macht. Jede Theatervorstellung im Umkreis wird von ihnen gestürmt. Sie begegnen der Mafia, einem illegalen Blutspendebus und einer schwer bewaffneten Panzerbrigade, deren Anführer sie kurzerhand kidnappen. Gefährlich nah am Klamauk ist "Luna Papa" gelegentlich, wenn etwa Mamlakat den Gynäkologenstuhl in der falschen Richtung besteigt und dabei jene großen Augen macht, mit denen Chulpan Khamatova schon "Tuvalu" bestritten hat. Während die kleine Familie durch die Wirrnisse zusammengeschweißt wird, entsteht, abseits aller Schablonen, ein Sittengemälde einer Region im Chaos, wo sich Mittelalter und Postmoderne die Hand reichen. Der Einzelne zählt hier wenig. Dass er es mit Liebe und Fan-tasie doch zu etwas Glück bringen kann, ist das reine Wunder. Luna Papa, Österreich/Deutschland/Russland/Schweiz/Frankreich 1999, 107 Minuten. Regie: Bakhtiar Khudojnazarov, Drehbuch: Irakli Kwirikadze, Darsteller: Chulpan Khamatova, Moritz Bleibtreu. Weitere Rezensionen zu aktuellen Kinostarts auf den Seiten 2 und 3 des Kulturkalenders.