Als im hektischen politischen Jahr 1990 ein schmaler Band des russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg (1891-1967) erschien, blieb das weitgehend unbemerkt. In der sonstigen "Normalität" des Lese-Landes wäre der 4. Band von Ehrenburgs Memoiren "Menschen Jahre Leben" als sensationell registriert worden. Das Erscheinen dieses brisanten Fragment-Nachtragsbandes im gleichen Jahr russisch in Moskau wie deutsch bei Volk&Welt war möglich geworden, weil die Tochter Irina Ehrenburg bereits 1988 das Manuskript an den Slawisten und Herausgeber der Ehrenburg-Ausgabe Ralf Schröder übergeben hatte. Von Ehrenburg im Jahr 1965 geschrieben, behandelt es die Zeit nach Stalins Tod, bietet aufschlussreiche Details über die widersprüchlichen Entstalinisierungsbemühungen Chrustschows, enthält beeindruckende Porträts von literarischen Zeitgenossen wie dem Schöpfer des "Drachen", Jewgenij Schwarz. Und vor allem das Kapitel über den seit Gymnasialzeiten befreundeten Nikolai Bucharin, der als "Liebling der Partei" zu den prominentesten Stalin-Opfern gehörte. Dies wie seine intensiven Reflexionen über sein Schreiben unter dem "Fluch des Schweigens" wie dessen Überwinden, über Zensur und Selbst-Zensur, sind auch heute noch genauso beklemmend zu lesen wie die überfälligen "Enthüllungen" über Stalin-Opfer wie Wsewolod Meyerhold und Isaak Babel. Spätestens seit dem Entstalinisierungsroman "Tauwetter" (1957) war Ehrenburg ein in der DDR geschätzter Autor. Also hoffte man, dass die 1961-66 erschienenen Memoiren "Menschen Jahre Leben" bald auch in der DDR herauskommen würden. Der Lebensweg des polyglotten Verfassers, der an den internationalen Brennpunkten des Weltgeschehens vor Ort gewesen war, seine Freundschaften mit den Vertretern der russischen und internationalen Avantgardekunst, von Picasso bis Neruda, nicht zuletzt seine journalistische Kriegsberichterstattung stellten ein Kompendium dar, wie es seinesgleichen suchte im 20. Jahrhundert zwischen Oktoberrevolution und XX. Parteitag der KPdSU. Der erste Anlauf erfolgte 1963, in der Übersetzung von Harry Burck und Fritz Mierau, herausgegeben von Nadeshda Ludwig. Das Verlagsgutachten von Volk&Welt resümierte, das ganze Werk sei durchdrungen "vom leidenschaftlichen Pathos eines großen Antifaschisten, eines Friedenskämpfers, der von dem ehrlichen Willen erfüllt ist, dem Sozialismus zu dienen." Als Folge der sowjetischen Diskussionen um die Ehrenburg-Memoiren begann sich jedoch in der DDR das Zensur-Karussell zu drehen. Zunächst verteidigte der zuständige HV-Leiter Bruno Haid die Herausgabe. Es handele sich um die "überzeugende Darstellung der Schwierigkeiten, Niederlagen und Erfolge eines parteilosen Intellektuellen auf dem Wege zu revolutionärer Gesinnung". Auch angesichts der antikommunistischen Kampagne in Westdeutschland gegen Ehrenburg als "Deutschenhasser" und seinen westdeutschen Verleger Kindler scheine es nicht geboten, von der Veröffentlichung in der DDR Abstand zu nehmen. Am 13. März 1963 jedoch gestand die Zensurbehörde ein, der "Subjektivismus Ehrenburgs" sei weit reichender, "als bisher von uns eingeschätzt". Der Verfasser gehe an der Entwicklung der Kunst des sozialistischen Realismus, der bestimmenden Kunstrichtung, vorbei; zu Gunsten subjektiver, missverständlicher und ungültiger Interpretation spätbürgerlicher Kunst- und Literaturerscheinungen. Das "Nein" fällt dann Kurt Hager in der Ideologischen Kommission. "Je mehr sich die Memoiren der Gegenwart nähern, umso mehr stoßen sie auf Widerspruch und Kritik in grundlegenden Fragen der Kulturpolitik und der Behandlung der Epoche des Stalinschen Personenkults." Während ein zweiter Versuch im Jahre 1964 scheiterte, wurde das Buch indes weltweit übersetzt. Wie Ehrenburg intern kommentierte, sah er die DDR in diesem Fall geradezu China Konkurrenz machen.Erst 1974 wurde im Rahmen der von Ralf Schröder konzipierten Werkausgabe erneut versucht, auch die Memoiren durchzubringen. Und diesmal gelang es dank seiner und der Lektorin Lola Debüser Beharrlichkeit tatsächlich. In der DDR wirkten 1978 die drei Bände als willkommene Informationsmöglichkeit und beeindruckendes Erlebnisbuch über die Geschichte von Personen des geistigen und künstlerischen Kosmos des 20. Jahrhunderts, das Personen-Register wies 3 000 Eintragungen auf.