Auf der winzigen Insel im Schloß-See schlagen die Erlen aus. Damals wuchsen um den Pavillon herum auch Birken. Deren schwarzweiße Stämme hat Käthe Kollwitz gern mit den Augen gesucht, seit die 77jährige im August '44 vom bombardierten Nordhausen her nach Moritzburg flüchtete. Der Rüdenhof, eine Anlage aus dem 18. Jahrhundert nahe dem Jagdschloß, war ihre letzte Zuflucht. Prinz Ernst Heinrich von Sachsen, Sammler ihrer Kunst, hatte die von den Nazis verfemte, in Berlin völlig ausgebombte und schon kranke Künstlerin hier untergebracht. Goethe ganz nah' So ganz anders, als in den großen dunklen Bürgerzimmern ihres 50 Jahre lang bewohnten Hauses in der Weißenburger Straße in Prenzlauer Berg hatte sie im alten Turmhaus zwei winzige, aber lichthelle Stuben. Und diesen Balkon mit dem Blick auf die Birken. War es mild, saß sie dort oben. War es kalt, begnügte sie sich mit dem Fensterausguck auf Schloß, See und Himmel. Sie zeichnet, radiert, bildhauert nicht mehr. Auch die letzte Tagebucheintragung liegt um Jahresfrist zurück: Goethe an Lavater, 1779: "Aber unsere partikularen Religionen wollen wir ungedudelt lassen. Ich bin aus der Wahrheit der fünf Sinne." Goethe fühlt sie sich lebenslang nahe. Wie einst der greise Dichter beschäftigt sie sich tagelang mit Wolken und Wind. "So bin ich dem Ablauf des Tages auf der Spur" notiert sie.Sie sei nicht verbittert gewesen, daß Augenlicht und Körperkraft zum Kunstmachen nicht mehr reichten, nur immer einsilbiger geworden, berichten Frauen, die ihr das Essen bringen, seit die Kollwitz ihre Enkeltöchter aus Angst vor den anrückenden Russen weggeschickt hat. Die betreuende Ärztin hat in ihr eine schweigende, depressive Patientin. Die Postbotin erntet ein paar Sätze mehr. Sie bringt die ersehnte Post von der Familie, den Freunden. Ab und zu ein Päckchen Kaffee.Der Moritzburger Pfarrer Seibt, der die Kollwitz ein paarmal besucht und ihr am 24. April 1944 die Grabrede halten wird, achtet die Verschlossenheit der berühmten Frau. Sie mußte '33 zusammen mit Heinrich Mann die Akademie verlassen, weil sie sich gegen Hitler gewandt hatte. Ab sofort war ihr Werk verfemt. Als Kollegen sich für sie einsetzen, wehrt sie ab: "Ich will und muß bei den Gemaßregelten stehen." Pfarrer Seibt achtet die Courage dieser mit christlichen wie sozialistischen Idealen aufgewachsenen Frau hoch. Es ist etwas Seltenes. Und für ihn hat ihre Schweigsamkeit große Weisheit. "Dieses Jahr muß die Wende bringen", sagt sie zu Neujahr '45. Aber was wird dann sein ? Bloß Mut Fünfzig Jahre sind vergangen. Die Wolken ziehen über dem Schloß-See dahin. Die Birken sind nicht mehr da, und die Leute, die im Rüdenhof wohnten, tot oder fortgezogen. Aber es gibt einen Freundeskreis Käthe Kollwitz e. V. und eine Stiftung. Und das Turmhaus samt Hof ist ab heute ihr Museum. Die meisten Kollwitz-Werke kommen aus der kleinen Gedenkausstellung, die seit 1950 im Schloß zu sehen war. Der Rundgang führt von den Arbeiten der jungen, suchenden Künstlerin bis zu ihrem reifen, durch wachsende Zweifel und tiefen Schmerz gegangenen Werk, dazu Fotos, Briefe. Der Ruf des Todes Fünf Zimmer, in denen bis vor Monaten noch Leute wohnten, wurden schlichte Ausstellungsräume, jeweils mit Lesepulten bestückt, darauf die Kollwitzschen Tagebücher. Da sie über ganz Persönliches nie groß sprach, sind sie es, die ihre intimsten Gedanken und ihr Werk geradezu exemplarisch einen. Dann kommt man in die zwei privaten Kollwitz-Räume, die seit 1988, als der Freundeskreis entstand, winziger Gedenkort waren. Vom hellen Balkonzimmer geht es ins verschattete Sterbezimmer - mit dem Fenster, an dem die greise Künstlerin oft stundenlang saß, ein paar Gipse, das alte Nachtschränkchen, das Reliefporträt von Goethe rechts an der Wand. Ein spätes Selbstporträt. Stille.Seit 1934 schon hatte Käthe Kollwitz an der Folge "Tod" gearbeitet. Das letzte Blatt heißt "Ruf des Todes", ist von 1942 und gilt ihr selbst. Immer hat sie um den Tod der ihr Nächsten gefürchtet. Wie sehr gelitten, als 1914 ihr 18jähriger Sohn Peter als Kriegsfreiwilliger in Flandern fällt, 1940 ihr Mann, der Arzt Karl Kollwitz, stirbt, 1942 auch noch der Enkel Peter an der Ostfront fällt. Der eigene Tod aber machte ihr keine Angst. So zeichnet sie sich als müde alte Frau. Mit geschlossenen Augen neigt sie sich Freund Hein entgegen.Einmal aber noch hat sie sich hochgerissen und erneut ein Werk zum Goethe-Satz "Saatfrüchte dürfen nicht vermahlen werden!" gezeichnet. Jenes Zitat hielt die zur Pazifistin Gewordene schon 1918 dem pathetischen Durchhalte-Aufruf Richard Dehmels an die deutsche Jugend entgegen. Und begann daraufhin mit dem Denkmal der trauernden Eltern für den Soldatenfriedhof Roggevelde. Meißelt die Figuren aus dem Stein, betäubt den Schmerz.Nachdenklichkeit füllt die oberen Räume an Käthe Kollwitz' letztem Aufenthaltsort, dem einzigen authentischen, denn das Geburtshaus in Königsberg und das Wohnhaus in Berlin wurden völlig zerstört. Unten, im Hof und im Erdgeschoß, wo die Farben bunter sind, werde Leben einziehen, kündigt Sabine Helbig, die Geschäftsführerin der Stiftung, an. Ganz im Sinne der Kollwitz, die oft so fröhlich, gesellig und sinnlich war, soll es eine Begegnungsstätte der Künste werden. Eigentlich ist Sabine Helbig erst durch eine alte Moritzburgerin auf die Spuren der Kollwitz gekommen: Die 70jährige schwerbehinderte Gisela Frei, jene Frau aus Moritzburg, der die Kollwitz-Forschung das Licht im Dunkel der letzten Lebensjahre zu danken hat. Es waren inoffizielle Forschungen, denn Gisela Frei war der SED nicht hold, ergo ein Nobody. Lediglich "mit einem Schriebs vom Bürgermeister", sie arbeite für die Ortschronik, konnte sie jene junge Bildhauerin ausfindig machen, die Käthe Kollwitz damals in Thüringen aufgenommen hatte, als Alte und Kinder aus Berlin evakuiert wurden. Magnolien und Efeu Schon das Schulmädchen Gisela Frei hatte Reproduktionen der Künstlerin gesammelt. "Aber die wenigsten wußten, daß sie hier war." Damals war jedes Haus vom Keller bis zum Dach vollgestopft mit Flüchtlingen aus dem Rheinland, aus dem Osten und dem zerstörten Dresden. Auf dem Gemeindeamt stand auf dem Totenschein lediglich der Name Käthe Kollwitz, geb. Schmidt, vermerkt, so gründlich hatte die NS-Feme gewirkt. Im Kirchenbuch aber ist zu lesen: Grafikerin, Bildhauerin, Professorin. Der Pfarrer, so Gisela Frei, habe etliches angestellt, um einen Sarg für die Tote zu bekommen. Holz war Mangelware, "Fremde" begrub man nur in Leinentüchern. Der Tischler rückte dann seinen letzten Sarg heraus. Und die weißen und roten Blüten der Magnolien und Efeu vom Rüdenhof waren der Schmuck."Später, als das Grab nur noch symbolisch in Moritzburg blieb, weil der Kollwitz-Sohn Hans eine Urnenbestattung in Berlin-Friedrichsfelde wünschte, übernahm ich die Grabpflege. Meine Nische", erzählt Gisela Frei. Aus der Nische heraus habe sie geforscht "wie eine Ameise oder ein Maulwurf". Alles hat sie aufgeschrieben, vieles veröffentlicht, etwa die in der DDR-Zeit lange verschwiegene Tatsache, daß ausgerechnet ein Wettiner der Verfemten Zuflucht gab. Und sie hat versucht, das einseitige Kollwitz-Bild zu DDR-Zeiten zu verrücken. Dieses Bild machte aus der genialen Zeichnerin des "Weberaufstandes", der Bauernkriegs-Folge, des Kriegszyklus', der Bilder von den Armen in der Kassenarztpraxis von Dr. Karl Kollwitz allein die "proletarische" Künstlerin. Ihr "Geworfensein" in die Zeit aber war für die Kollwitz ein schmerzlicher Weg - ohne Agitation. "Nie habe ich eine Arbeit kalt gemacht, sondern immer gewissermaßen mit meinem Blut. Das müssen die, die sie sehen, spüren", heißt es im Tagebuch. Ihr Credo: Am Anfang das Selbstbildnis mit dem Sohn, den sie noch als Opfer ins Feld ziehen ließ - und am Ende die Pieta-Plastik der Pazifistin. Dazwischen kam die "Mutter mit totem Kind". Für die Berliner Grafikerin Christine Perthen war 1979 die Begegnung gerade mit diesem Blatt prägend; einen ganzen Zyklus über das Leben der Kollwitz hat sie daraufhin radiert. Der gehört heute der Sammlung im Rüdenhof: "Ich begriff plötzlich, daß gültige Kunst nicht unbedingt durch Ölmalerei entstehen muß, wie ich damals als junge Akademie-Meisterschülerin glaubte, sondern gerade auch durch die radikale Reduktion auf Schwarz-Weiß", so Christine Perthen. Nicht zuletzt habe sie damals gesehen, was es heißt, der Künstler stehe in der Gnade, Schmerz, Freude, Angst, Trauer "aus sich herauszusetzen", wie die Kollwitz es nannte."Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in meiner Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind", hatte sie bekannt. Sich jedoch auch politischer Vereinnahmung widersetzt: "Ich habe als Künstlerin doch das Recht, aus allem den Gefühlsgehalt herauszuziehen, auf mich wirken zu lassen und nach außen zu stellen."Die idyllische Gedenkstätte in Moritzburg kann und will keine Konkurrenz etwa zu großen Werk-Schauen, wie sie ab heute auch im Kollwitz Museum Köln zum zeichnerischen uvre und im Berliner Kollwitz Museum zu erleben sind. Das Unnachahmliche der Kollwitz zeigt sich aber gerade hier: Aus tiefem Leid holte sie große Kunst. Das "Nein" der alten Frau Das schrieb sie noch 1942, schon gequält von Depressionen, an die Freundin Bonus-Jeep über ihre Zeichnung: "Diesmal gucken die Saatfrüchte der Mutter überall aus dem Mantel raus und wollen ausbrechen " Aber die alte, zusammenhaltende Frau sagt: "Nein! Ihr bleibt hier Wenn ihr groß seid, habt ihr euch auf das Leben einzustellen, nicht auf den Krieg." Dem Sohn Hans nennt die Künstlerin dieses Blatt als Testament und schreibt später dazu: "Aber es wird ein neues Ideal entstehen, es wird mit allem Krieg zu Ende sein Man wird hart dafür arbeiten müssen, aber man wird es erreichen. 16 Tage nach ihrem Tod ist jenes Datum, das die Welt in die Kalender schreibt: der 8. Mai 1945. +++