Am Donnerstag hat das Tschechische Zentrum zwei Ausstellungen eröffnet, die einander ergänzen. Die eine heißt "Sudety" und zeigt in Fotografien von Jaroslav Kucera (Jahrgang 1946) den aktuellen Verfall der Sudetenländer. Die Ausstellung "Drehscheibe Brünn" führt nach Brünn-Brno als Zufluchtsort deutscher und österreichischer Emigranten in den Jahren 1933 bis 1939. Sie erinnert an eine Zeit, in der die Tschechoslowakei in einem hochideologisierten, autoritären Europa eine Insel der Zivilität war.Die Autorin der Ausstellung, die bald achtzigjährige Brünnerin Dora Müllerova, will "eine kleine Rehabilitierung von Menschen deutscher Zunge" erreichen. Frau Müller ist die Tochter von Theodor Schuster, dem einstigen Landesvertreter der Deutschen Sozialdemokratischen Partei im Mährischen Landtag, heute engagiert sie sich im Deutschen Kulturverband. Vor dem Krieg wohnten in Brünn 200 000 Tschechen und 55 000 Deutsche, "einschließlich 10 000" Juden, wie Müllerova in ihren Eröffnungsworten bemerkte. Die Juden zählten in dieser Stadt, und nicht nur dort, bis zur nationalistischen Radikalisierung ganz selbstverständlich zu den Deutschen.Vor dem Einmarsch der Wehrmacht im März 1939 hatten in Brünn die Schriftsteller Will Schaber und Johannes R. Becher und Oskar Maria Graf Zuflucht und Hilfe gefunden, ebenso zum Beispiel der Journalist Fritz Nagel oder der Karikaturist Thomas Theodor Heine. Während sich in dieser Ausstellung eine Vorahnung auf die dann folgende mitteleuropäische Selbstzerstörung schon bemerkbar macht, beschäftigt sich die Fotofolge "Sudety" mit den Hinterlassenschaften. Wie fast überall in Europa sind die Vertreibungs- und Neubesiedlungsgebiete nach dem Furor "ethnischer Flurbereinigung" wirtschaftlich und kulturell nicht mehr geworden, was sie einmal gewesen sind. Schon die tschechische Ansiedlungspolitik der Jahre 1946 folgende zielte auf bestimmte Menschengruppen, die in die eher ärmlichen Dörfer der Sudetendeutschen verfrachtet wurden: Roma, Ungarn, 32 000 Wolgatschechen, die die Sowjetunion abgeschoben hatte, Asoziale. Gern richtete das goldene Prag dort auch Behindertenheime ein, Gefängnisse, Truppenübungsplätze und Deponien. Zwischen Eger und Teplitz-Schönau herrschen heute Armut und Verfall, Prostitution und das kleine Glück eines schwierigen Alltags. Das Land bedarf einer deutschen Hilfe, die jeden nationalistischen Anspruch hinter sich gelassen hat und an eine Offenheit anknüpft, wie sie vor 1914 bestanden und sich bis 1939, wenn auch mühsam, erhalten hatte.Flucht und Neubesiedlung // Drehscheibe Brünn. Die Ausstellung dokumentiert die Geborgenheit deutscher und österreichischer Emigranten in Brünn, die in den Jahren 1933 bis 1939 vor den austrofaschistischen und nationalsozialistischen Machthabern fliehen mussten. Sie fanden Aufnahme in einer Stadt, die noch zweisprachig organisiert war.Sudety. Die Fotos von Jaroslav Kucera zeigen die Zerstörung der Bauten und Landschaften und einen nicht immer einfachen Alltag in den einst deutsch besiedelten Sudetenländern.Geöffnet bis zum 20. Oktober, Mo bis Fr von 10 bis 18 Uhr im Tschechischen Zentrum, Leipziger Straße 60, Ecke Jerusalemer Straße.