Kos - Und dann hat es auch noch gebrannt, weil einer der Afrikaner beim Essenkochen nicht aufgepasst hat. Als wäre nicht alles schon schlimm genug. Der Rasen war ausgetrocknet, seit Wochen war kein Regentropfen gefallen. Der Mann aus Mali hatte mit Palmwedeln Feuer gemacht, und der Wind hatte die Glut überall verteilt. Die Wiese brannte lichterloh, einige Hütten gingen in Flammen auf, ein paar der mächtigen Palmen. Die Feuerwehr musste kommen und löschen, sonst wäre die ganze Gegend abgebrannt. Aber das Hotel steht noch.

Das war Dienstagabend. Das Hotel ist kein Hotel, es ist ein Slum. Früher hieß es Captain Elias, und die Leute nennen es immer noch so. 200 Gäste konnte es aufnehmen. Heute hausen hier 800 Flüchtlinge, vielleicht auch 1000, wer weiß das schon so genau auf Kos. Afghanen, Afrikaner, Pakistani. Sie haben sich selbst das Hotel aufgeteilt: links die Pakistani, rechts die Afrikaner. So kommt es nicht zum Krach.

Kein Strom, keine Toilette

Es gibt keinen Strom, kaum Fenster, kein Trinkwasser, keine Klos, keine Waschbecken, kein Mobiliar, keine Versorgung mit Lebensmitteln. Ein hellgrauer Betonklotz mit schäbigen Hütten drum herum, eilig gebaut aus Bambusstangen und Stofffetzen und Plastikmüll. Ein warmer Wind bläst durch die Palmen und lässt die Hütten knistern. Im Obergeschoss des Captain Elias hocken die Frauen mit den Kindern stumm auf dem Boden. Im Swimmingpool, der voller Müll liegt, versuchen zwei Männer unter einem Kochtopf ein Feuer in Gang zu kriegen.

In der Asche vor dem Hoteleingang steht Meno Wollou Hugues und wartet, dass irgendetwas passiert. Er kam am Abend, als alles brannte. Er sagt, er sei 25, aus Kamerun geflohen vor zwei Wochen. Er sei Lehrer gewesen, seine Schule sei von Boko-Haram-Terroristen gesprengt worden. „Booom“, sagt er. „School gone.“ Seine Frau und seine drei Kinder sind noch in Kamerun. Er will nach Deutschland, alle, die man hier fragt, wollen nach Deutschland.

Ein weißes Auto hält, Leute vom Roten Kreuz steigen aus, ein Engländer, eine Ungarin, eine Österreicherin. Sie sind zum ersten Mal hier. Der Engländer zuckt mit den Schultern, als Meno Wollou Hugues ihn fragt, was werden soll. Er weiß es auch nicht. Er will sich alles nur ansehen. Dann kommt ein Obsthändler mit seinem staubigen Pick-up, die Ladefläche voller Melonen und Tomaten. Der Wagen ist sofort umringt, Reden mit Händen und Füßen, am Ende ist er so gut wie alles los.

Kos ist ein Urlauberparadies, fünfzig mal zehn Kilometer, eine Insel in der Ägäis in Sichtweite der türkischen Küste. Kos-Stadt im Osten, Kefalos im Westen. Die Insel des Hippokrates, des Begründers der modernen Medizin, 2500 Jahre Geschichte, ein römisches Stadion, eine Synagoge, eine Moschee, Kirchen, der antike Marktplatz. Strände, so weit man gucken kann, moderne Hotelanlagen, 50.000 Betten, Restaurants, Cafés, Jachthäfen, Schnorcheln, Tauchen, Kreuzfahrten, Reiten, Wellness, 300 Tage Sonnenschein im Jahr. Wer heute nach Kos fährt, will abhängen, sich erholen, will Sonne.

Kleine Hintertür Europas

Kos ist aber auch die kleine Hintertür Europas. Jeden Tag kommen Flüchtlinge mit dem Schlauchboot aus der Türkei, mal hundert, mal dreihundert. Sie kommen frühmorgens vor Sonnenaufgang. Der Schleuser kassiert 1000 Euro pro Sitzplatz. Zwölf Kilometer übers Meer. Sie lassen die Boote liegen und gehen an Land. Sie kaufen sich kleine Igluzelte beim Händler neben dem Mini Market, 40 Euro das Stück, sie lassen sich nieder auf der Promenade unter Palmen, neben den Ausflugsseglern, neben den Sonnenschirmen. Sobald sie an Land sind, kommen Einheimische, schrauben die Außenbordmotoren ab, um sie später weiterzuverkaufen. Die Boote treiben im Wasser, bis der Bürgermeister sie wegbringen lässt. Etwas außerhalb gibt es einen ganzen Friedhof voller Schlauchboote, Motorboote, Holzkähne.

Es ist heiß, über 30 Grad. Rainer und Ulla sind an der Promenade unterwegs. Urlauber aus Aachen, sie kamen mit der Fähre, sie haben sogar ihre Räder aus Deutschland dabei, hintendran der Fahrradanhänger mit Jonas, drei Jahre alt. Seit einer Woche sind sie auf Kos, sie kommen vom Strand, waren mit dem Kleinen baden. Nun müssen sie anhalten, weil junge Männer aus Pakistan und Syrien auf der Promenade liegen. „Mann, ist das bitter“, sagt Rainer. „Aber was willste machen?“ Er blickt auf die dösenden jungen Männer vor ihm. Er ärgert sich nicht, dass er nicht weiterfahren kann. Er macht einen Bogen und wundert sich einen Moment lang laut darüber, wie es gerade zugeht auf der Welt. Urlauber und Flüchtlinge, Reichtum und Armut, auf Kos stoßen Welten aneinander, Europa auf das Elend Afrikas und Asiens ausgerechnet auf einer Insel des Pleitestaates Griechenland.

„Was willste machen“, sagt Rainer wieder. Nach Hause fahren gehe doch auch nicht. Und dann fällt ihm ein Satz ein, er lacht: „Kein Urlaub ist auch keine Lösung.“

Seit fünf Tagen auf der Insel

Auf einer Bank hockt Yamin, 18 Jahre alt, seit fünf Tagen auf der Insel. Er sagt, er stamme aus Syrien, aus Damaskus. Er sollte zur Armee eingezogen werden, da floh er. Er zeigt auf seinem Handy ein Bild von dem Schlauchboot mit dem er kam. „45 Personen“, sagt er. Das Boot wurde von den Wellen an die Hafenmauer gedrückt und aufgescheuert. Die grauschwarzen Reste liegen noch am Strand. Er will nach Deutschland. Er will studieren, sein Traum: Rechtsanwalt. Sein Bruder ist in der Türkei, will auch nach Kos, die Eltern sind noch in Syrien.

Es gibt tausend Yamins, die auf der Strandpromenade von Kos hocken, sich am Strand waschen, auf Hecken ihre Kleider zum Trocknen ablegen. Männer, Frauen, kleine Kinder. Sie wollen alle weiter. Keiner will auf Kos bleiben. Sie tragen Geldgürtel. Was sie zu essen brauchen, kaufen sie sich in den Läden oberhalb der Straße. Es gibt angeblich auch reiche Flüchtlinge aus Syrien, die sich nach der Überfahrt sofort ein Hotelzimmer nehmen und im Restaurant speisen. Es gibt alles.

Manchmal kommen Einheimische zur Promenade und bringen etwas vorbei, Lebensmittel, Spielzeug, Windeln. Niemand brüllt die Flüchtlinge an, niemand protestiert, keiner hält Protestplakate hoch, kein Mob, kein Geschrei, es laufen keine pöbelnden Nazis wie in Sachsen herum. Alles ist friedlich – und ja, ein bisschen surreal.

Als die Blue Star 2 am Horizont auftaucht, kommt Bewegung in die Menschen. Sie stopfen schnell ihre Sachen in Müllbeutel, werfen sie sich über die Schultern, überlegen, ob sie zum Anleger laufen sollen. Dann rennen einige los. Die Blue Star 2 ist eine gewaltige Autofähre nach Piräus. Piräus liegt auf dem Festland, dort wollen sie hin, weiter nach Mazedonien, dann nach Norden, viele am liebsten nach „Germania“. Wer von der Polizei registriert worden ist und seinen Stempel hat, wird mitgenommen, wenn er die Überfahrt bezahlen kann, 50 bis 75 Euro. Wer polizeilich nachgewiesen arm ist, zahlt einen Euro.

Die Menge trabt zum Anleger, wo bullige Soldaten der Küstenwache den Zugang kontrollieren. Syrer kommen problemlos mit, etwa hundert sind es an diesem Abend, schätzt der Soldat. Der Rest geht zurück. Vielleicht klappt es ja morgen.
Kos ist überfordert. Griechenland ist überfordert. „Es ist eine Schande“, sagt Bürgermeister Giorgos Kiritsis. Er meint das Captain Elias, er meint seine Regierung in Athen. Kiritsis mag die Regierung von Alexis Tsipras nicht, er sagt, sie tue nichts. Er sitzt im Rathaus. Von dort sieht man prächtige Yachten im Hafen, die Flüchtlinge sieht man nicht. Das Hotel gehöre der Piräus Bank, die Regierung in Athen sei zuständig. Er habe Protestbriefe geschrieben, aber Athen antworte nicht einmal. Europa müsse helfen, sagt er. In der Türkei warteten noch 2,5 Millionen weitere Flüchtlinge.

Kos hat kein Geld, Kos hat selbst genug Arme, 400 Essen verteilen Freiwillige jeden Tag. Es sind Hoteliers und Kirchenleute, die sich kümmern. Die Stadt hat neun Plastikklos aufstellen lassen. Für mehr war kein Geld da. Und nun sind hier 3000 Flüchtlinge, vielleicht auch mehr. Nicht alle lassen sich registrieren. „Wir schaffen das einfach nicht“, sagt Kiritsos.

Kein Geld, keine Politik. Die Stadt kümmert sich nicht, Griechenland kümmert sich nicht. Es gibt keine Organisation, keinen Plan, keine Unterbringung, niemand fühlt sich verantwortlich. Es gibt die Promenade und das Captain Elias. Und alle denken: Sie sollen schnell weiterziehen. Vor kurzem wurden Flüchtlinge im kleinen Stadion untergebracht. In brüllender Hitze. Als die ersten kollabierten, ließ man sie wieder raus. Es kam zu einem Wutausbruch, als vor einigen Tagen der rechtsextreme Verteidigungsminister auf der Insel war. Die Leute von Kos bewarfen ihn mit Tomaten und mit Flaschen, dann zog er wieder ab. Nichts hat sich geändert. Die Leute sind wütend auf ihre Politiker, nicht auf die Flüchtlinge. Die wollen ja auch nicht in Griechenland bleiben, die wollen nur weiter.

Die Welt ist in Aufruhr, aber sonst ist alles beinahe in bester Ordnung. In einem Café wartet Dina Svinou, sie ist die Präsidentin der Hoteliers von Kos. „Ich bin sehr optimistisch“, sagt sie. Flüchtlinge hin, Flüchtlinge her, vielleicht gibt es ja auch bald eine funktionierende Regierung in Athen. Und der Tourismus boomt. Momentan seien 80.000 Urlauber auf der Insel. Auch Tagestouristen, aber die meisten bleiben länger, oft hergebracht von Veranstaltern wie Alltours, der Journalisten zu dieser Reise eingeladen hat, um zu zeigen, was gerade los ist auf der Insel.

Weniger Russen, mehr Deutsche

Die Zahlen gingen in den vergangenen Monaten wieder rauf, nachdem es eine Delle gegeben hatte. Nicht wegen der Flüchtlinge, sagt Dinah Svinou, sondern weil die Russen wegen ihrer Probleme zu Hause blieben.

Stattdessen kamen mehr Deutsche, Engländer und Holländer. Sie glichen die Russenbeule locker aus. Sie kramt in ihren Gästelisten. Im Juli seien 7,83 Prozent mehr Deutsche hier gewesen, sagt sie. „Dank an alle Deutschen. Wir brauchen Urlauber, wir haben hier sonst nichts.“

Der kleine Mini Market an der Strandpromenade. Lebensmittel, Waschzeug, Wasser, Süßigkeiten, Sonnenbrillen. Vier junge Männer aus Pakistan haben sich eingedeckt für das Abendessen. Kekse, Brot, ein bisschen Obst, ein paar Wasserflaschen. Einer zahlt, dann gehen sie über die Straße zu ihren Minizelten, setzen sich, verteilen den Einkauf.

„Ja“, sagt die Kassiererin, „wir machen gute Geschäfte.“ Sie heißt Sylvia, arbeitet schon so lange in dem Market, dass sie es genau gar nicht sagen kann. Die Flüchtlinge kauften ein wie die Touristen, eigentlich sogar noch mehr, sagt sie. Im März sei es losgegangen, damals kamen die ersten Boote von drüben. Drüben, das ist Bodrum, das ist die Türkei. Man sieht das Nachbarland von ihrem Laden aus, ein Blick übers kabbelige Meer, die Küste, sogar Häuser sind erkennbar.

Dann sagt sie etwas, das wahrscheinlich erklärt, warum die Leute von Kos so entspannt bis desinteressiert auf die Flüchtlinge blicken: „Hier fängt es an“, sagt die Kassiererin, „hier bei uns. Und bei euch in Germania endet es.“