Riace - Wenn es Abend wird und die Hitze nachlässt, trifft sich auf dem Dorfplatz von Riace die Welt. Ein lauer Wind weht vom Ionischen Meer herauf, das unten in der Ferne blau leuchtet, hinter den Dächern der alten Steinhäuser und den ockerfarbenen Hügeln. Die Tische vor Alessios Bar und die Holzbänke an der Piazza füllen sich, weißhaarige alte Kalabresen sitzen neben Afrikanerinnen in bunten Gewändern mit Babys im Tragetuch, Kurden plaudern mit Albanern, Palästinenser mit Bangladeschern, Kinder verschiedener Hautfarben toben gemeinsam über den Platz. Man grüßt sich, nickt sich zu: „Ciao, Giuseppe“, „Buona sera, Osman“, „Abigail, wie geht es deinen Kleinen?“ „Hey Hamisa, alles klar?“

Wer einen Werbefilm für die Integration von Flüchtlingen drehen will, muss nach Riace kommen. Die Ortschaft in der süditalienischen Region Kalabrien ist ein Multikulti-Idyll. In der kleinen Grünanlage an der Piazza steht eine bunte afrikanische Skulptur, die den Titel „Speranza“ trägt, Hoffnung. Ein paar Schritte weiter zeigt ein Schild die Flaggen der mehr als 20 Nationen, aus denen die Menschen stammen, die hier mit den Einheimischen zusammenleben, von Afghanistan über Eritrea, Irak und Kamerun bis Serbien, Senegal und Togo. Am Ortseingang grüßt der Spruch: „Riace, Dorf des Willkommens“. Um den Ortsnamen sind Regenbogen-Farben gemalt.

Riace nimmt schon seit mehr als 15 Jahren gezielt und in großer Zahl Flüchtlinge auf. Es begann damit lange, bevor der Exodus von Nordafrika über das Mittelmeer einsetzte, bevor Hunderttausende in Europa Schutz, Arbeit und Lebensperspektiven suchten. Derzeit sind rund 300 Flüchtlinge und Asylbewerber im Dorf, zugeteilt vom italienischen Innenministerium. Statt wie andernorts in den Ghettos der Aufnahmelager und Heime zusammengepfercht zu werden, wohnen sie Tür an Tür mit den 1 300 Einheimischen, in Wohnungen und Häusern. Die Verteilung von Asylbewerbern in kleine Gemeinden Italiens, „accoglienza diffusa“ genannt, wird inzwischen von der Regierung in Rom propagiert. Denn sie ist kostengünstiger und fördert die soziale Einbindung. Riace hat vorgemacht, wie es geht.

Die praktische Utopie

„Wir können froh sein, dass die Ausländer gekommen sind“, sagt Luigi, einer der Alten aus dem Dorf, der auf einem Mäuerchen hockt und sich das abendliche Treiben auf der Piazza anschaut. „Vorher waren wir ja nur noch ein paar Hanseln. Die Jungen sind alle weg.“ Kalabrien ist eine der ärmsten Regionen Italiens. Industrie gibt es keine, früher lebten die Leute von der Landwirtschaft, mehr schlecht als recht. „Hier wächst ja nicht viel“, sagt Luigi und deutet auf die kargen Hänge rund ums Dorf, hinter dem die Berge des Aspromonte beginnen. „Man hatte Schafe, Ziegen, ein paar Olivenbäume.“

Neben den Serpentinen der sieben Kilometer langen Landstraße, die von der Küste hinauf nach Riace führt, stehen verfallene Bauernhäuser. Auch das mittelalterliche Dorf war in den Neunzigerjahren schon halb verlassen. Wie so viele Ortschaften Süditaliens drohte Riace auszusterben. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren ganze Familien in die USA, nach Kanada, Argentinien oder Australien emigriert. Nach dem Krieg zog es vor allem die Jungen auf Arbeitssuche nach Norditalien, Deutschland, Belgien oder in die Schweiz. Nicht einmal die Hälfte der einst 3 000 Einwohner war übrig, als 1998 die ersten Flüchtlinge ankamen.

Der hagere Barham, der neben Luigi auf dem Mäuerchen sitzt, war damals einer von ihnen. In einem Boot mit 200 weiteren kurdischen Flüchtlingen landete er an einem Julitag vor 17 Jahren am Strand von Riace Marina, dem kleinen Ortsteil am Meer. Es war der Dorflehrer Domenico Lucano, der dafür sorgte, dass die Kurden im Dorf bleiben konnten. Ungenutzten Wohnraum gab es ja genug. Lucano gründete mit Gleichgesinnten einen Verein, Citta Futura genannt – die Stadt der Zukunft. Seine Idee war, dass Flüchtlinge und Einheimische in Riace gemeinsam leben und arbeiten. Die Besitzer der leerstehenden Häuser wurden kontaktiert und günstige Nutzungsverträge geschlossen. „Wir haben sie dann nach und nach instand gesetzt, Italiener und Kurden gemeinsam“, erzählt Barham. Es war der Anfang des Modells Riace.

Domenico Lucano ist seit 2004 der Bürgermeister von Riace. Für seine Initiative, ein sterbendes Dorf mit Hilfe von Asylbewerbern wiederzubeleben, hat der heute 57-Jährige im Lauf der Jahre große mediale Aufmerksamkeit und einige Auszeichnungen bekommen. „Die wahre Utopie ist nicht der Mauerfall, sondern das, was in Riace erreicht wurde.“ So überschwänglich sprach der Regisseur Wim Wenders vor fünf Jahren über das Dorf, in dem er einen Kurzfilm über Bootsflüchtlinge gedreht hatte.

„Mimmo“, wie sie den Bürgermeister in Riace nennen, sympathisierte als junger Mann mit der linksautonomen Bewegung Lotta Continua, er gehört keiner Partei an. An seiner Bürotür im kleinen Rathaus hängt ein Zettel: „Der Bürgermeister empfängt immer“. Tatsächlich aber ist es ein schwieriges Unterfangen geworden, mit Domenico Lucano zu reden. Jetzt, da Europa verzweifelt nach praktischen Lösungen für die Flüchtlingskrise sucht und es andernorts Proteste und Anschläge auf Migrantenunterkünfte gibt, kommen fast täglich Journalisten ins Vorzeige-Dorf. Lucano findet, er habe Wichtigeres zu tun, als sie zu treffen.

Er schickt seinen Kommunalberater, einen Kettenraucher mit Nickelbrille, Halbglatze und der Partisanen-Hymne „Bella Ciao“ als Handy-Klingelmelodie. Antonio Petrolo erläutert zunächst die praktische Seite der Utopie. Der italienische Staat zahle 35 Euro täglich pro Asylbewerber an die Gemeinde, erklärt er. Das ist weniger als in den großen Auffanglagern, wo die Betreuung bis zu 50 Euro kostet. Die Gemeinde Riace gibt das Geld an Sozialvereine wie Citta Futura weiter. Sie begleiten die Flüchtlinge bei Behördengängen, geben juristische, medizinische und psychologische Hilfe, organisieren Italienischunterricht und andere Kurse. Die Asylbewerber selbst bekommen 250 Euro im Monat, um Essen zu kaufen, fürs Handy oder Zigaretten.

Das ist aber kein echtes Geld. Riace hat eine Parallelwährung, den „Bonus“. Auf den bunten Spielgeld-Scheinen prangen die Köpfe von Che Guevara, Bob Marley, Martin Luther King und Gandhi. Sie werden im Lebensmittelladen, in der Café-Bar, beim Bäcker, Friseur, von den Bauern, die auf der Piazza Tomaten und Melonen verkaufen und vom marokkanischen Billigklamotten-Händler akzeptiert. „Der Bonus ist ein Kredit, zur Überbrückung gedacht“, erklärt Antonio Petrolo, „es dauert nämlich oft acht Monate und länger, bis das Innenministerium das Geld für die Flüchtlinge endlich überweist.“ Die Geschäftsleute können die Scheine in regelmäßigen Abständen gegen Euro eintauschen.

Viel lieber als über Geld möchte Antonio Petrolo aber über Menschlichkeit sprechen. Die sei doch letztlich entscheidend. „Die Leute, die zu uns kommen, haben Schlimmes erlebt. Bei uns können sie sich aufgenommen fühlen und in den Alltag eingebunden. In einer Stadt wäre das so nicht möglich.“ Das alles laufe friedlich und harmonisch ab, größere Konflikte seien noch nicht vorgekommen.

Das heißt allerdings nicht, dass es keine Unzufriedenen gibt. Den Ausländern gebe der Staat Geld, aber Italiener gingen leer aus, hatte ein Mann geklagt, der am Morgen im kleinen Rathaus vor dem Büro des Bürgermeisters wartete. Er wollte „Mimmo“ um einen Job für seinen arbeitslosen 24-jährigen Sohn in einem der Flüchtlingsprojekte bitten. Der Bürgermeister war aber nicht aufgetaucht.

Natürlich meckerten einige aus dem Dorf, sagt Petrolo. „Aber die sind eine Minderheit, auf die keiner hört.“ Schließlich haben die Asylbewerber für Aufschwung gesorgt. Bevor sie kamen, gab es in Riace gar keine Geschäfte mehr. Inzwischen hat der Ort sogar eine Trattoria, weil im Sommer ab und an Touristen den Vorzeige-Ort anschauen und essen wollen. Selbst die kleine Schule wäre längst geschlossen, würden dort nicht heute Migrantenkinder neben wenigen kleinen Italienern sitzen. Und Citta Futura ist zum größten Arbeitgeber in Riace geworden, für etwa 70 junge Italiener, die in der Flüchtlingsbetreuung arbeiten, aber auch für Migranten.

In den verwinkelten Gässchen betreibt der Verein vier kleine Läden, in denen traditionelle Handarbeiten wie Töpfern, Weben und Sticken gepflegt werden. Je eine Kalabresin und eine Flüchtlingsfrau arbeiten zusammen. „Ich bringe ihr Spitzenklöppeln bei, sie hat mir gezeigt, wie in Äthiopien Körbe geflochten werden“, erklärt die 32 Jahre alte Hausfrau Angela über ihre Kollegin Katice. Auch die Straßenreinigung ist in Riace multikulturell. Ein Afrikaner, eine Tunesierin und ein Italiener erledigen sie gemeinsam, mit Hilfe eines Esels. Es entstehen gerade noch mehr solcher Projekte, sagt Antonio Petrolo. Rund um das Dorf sollen Terrassen angelegt werden, um Obst und Gemüse anzubauen.

Am Tropf der staatlichen Hilfe

Doch das grundlegende Problem kann damit nicht gelöst werden: Die Arbeit reicht einfach nicht für alle. Und obendrein ist das Modell Riace weit davon entfernt, sich selbst finanzieren zu können. Es hängt am Tropf der staatlichen Flüchtlingsgelder. Das ist die Schwachstelle der gelebten Utopie vom globalen Dorf und der Wiederbelebung entvölkerter Regionen mit Hilfe von Zuwanderern. Sie wird offenbar, sobald ein Asylbewerber anerkannt ist und aus den Betreuungsprogrammen ausscheidet, was in der Regel nach einem Jahr passiert. Dann zahlt der italienische Staat keinen Cent Unterstützung mehr. Die meisten Flüchtlinge müssen an diesem Punkt Riace verlassen, auch wenn sie noch so gut ins Dorfleben eingebunden waren. Sie können nicht mehr mietfrei wohnen, sie haben kein Einkommen und keine Chance, anderswo in der Gegend Arbeit zu finden. Genau wie so viele Kalabresen müssen sie weg, in die Städte, nach Norditalien oder Nordeuropa, auf der Suche nach Arbeit.

Der Somalier Osman, der eine Frau und sechs Kinder hat, war zumindest eine Zeit lang als Übersetzer für Citta Futura beschäftigt, nachdem die staatliche Hilfe auslief. Dann betreute er minderjährige Flüchtlinge. Jetzt, nach vier Jahren in Riace, gibt es keine Arbeit mehr für ihn. Weil die Familie ein sozialer Härtefall ist, darf sie weiter kostenlos in ihrem Häuschen wohnen. Überleben kann sie nur, weil Osmans Bruder aus Großbritannien und seine Schwägerin aus den USA Geld schicken.

Osman, der vor den Bürgerkriegen in Somalia floh, ist ein liebenswürdiger Mann, der hervorragend Italienisch, Arabisch und Englisch spricht. Aber wenn man ihn nach der Zukunft fragt, schwindet sein Lächeln. „Meine älteren Kinder gehen hier zur Schule, sie haben so viele Freunde, auch meine Frau und ich fühlen uns in Riace wohl. Aber welche Perspektive haben wir hier?“ Er zuckt mit den Schultern. Immerhin, der Bürgermeister hat ihm Hoffnungen gemacht. Bald könnten wieder minderjährige Flüchtlinge nach Riace kommen und Osman könnte wieder als Betreuer arbeiten. Zumindest für ein Jahr.