Es ist ein perfekter Abend am Hafen von Téboulba. Die letzten Strahlen der hinter den Bergen untergehenden Sonne lassen das Meer rosa-orange glitzern, am Horizont steht nur ein einziges Wölkchen. Eine leichte Brise weht. „Sieht schön aus, aber das Wetter ist trügerisch“, sagt Abdelbasette al-Janzeri, 45 Jahre alt, Kapitän eines Fischkutters. „Es kann von einer Stunde auf die andere umschlagen.“

Doch viele verlassen sich auf den Augenschein. Viel zu viele. Vor der Mole liegen ein halbes Dutzend Wracks. Offene Holzboote, zum Teil schon halb versunken: „Das sind Boote, mit denen Flüchtlinge aus Libyen losgefahren sind“, erklärt al-Janzeri. „Oft sind diese Boote so überfüllt, dass die Menschen stehen müssen, und Platz für Wasser und Essen gibt es auch kaum. Können Sie sich das vorstellen?“

Als Schlepper verdächtigt

Und wenn die Schlepper nicht genug Benzin mitnehmen oder das Wetter umschlägt, geraten die Flüchtlingskähne in Seenot. Immerhin haben diejenigen, die einmal in den Booten vor der Mole unterwegs waren, vermutlich überlebt, sagt al-Janzeri: „Sie wurden wahrscheinlich irgendwo vor Lampedusa von der italienischen Küstenwache aufgefischt und an Land gebracht.“

Die Küstenwache lasse dann die Boote einfach treiben. Weil sie für die Fischer aber eine Gefahr darstellten, sammelten sie sie ein, schleppten sie zum Hafen und setzen sie dort auf Grund. „Eigentlich sind das gute Boote, aber wir haben strenge Richtlinien. Es werden keine neuen Lizenzen für Fischerboote mehr vergeben, wir dürfen sie daher gar nicht benutzen“, erläutert al-Janzeri.

Die Wracks von Téboulba sind eine Art Mahnmal. Sie stehen dafür, dass immer mehr Menschen versuchen, das Mittelmeer in Richtung Norden, in Richtung Europa zu überqueren. 165.000 Flüchtlinge wurden 2014 allein in Italien registriert. Wie viele es schafften, unbemerkt an Land zu gehen, darüber kann man nur spekulieren. 2015 werden die Zahlen eher steigen als sinken.

Gottes Liebling

Al-Janzeri ist der wohl bekannteste Fischer von Téboulba. Das liegt nicht daran, dass sein Kutter „Habib Allah“, zu Deutsch: „Liebling Gottes“, das schönste und größte Schiff im Hafen wäre. Es hat vielmehr damit zu tun, dass al-Janzeri zu denen gehört, die nicht nur Fische fangen. Man nennt ihn auch den „Menschenfischer“.

Seinen bekanntesten Fang machte er 2007. Al-Janzeri fischte mit drei anderen Kuttern in der Nähe von Lampedusa, da stießen sie auf ein offenes Boot mit 44 Flüchtlingen aus Schwarzafrika. Sie fuhren näher heran, informierten über Funk die Küstenwache und wollten ihre Fangtour schon fortsetzen. Da erspähte al-Janzeri eine Schwangere und mehrere Kinder. Er hörte Hilferufe, und zwei Flüchtlinge gingen über Bord. Die italienische Küstenwache befahl ihm zwar, er solle sich nicht einmischen.

Doch das konnte al-Janzeri mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, die See war rau, und so nahm er die Flüchtlinge an Bord. Kurz darauf traf die italienische Marine ein. Nach langem Hin und Her gelangten die Flüchtlinge nach Lampedusa. Al-Janzeri und seine Kollegen allerdings landeten in einem italienischen Gefängnis. Es dauerte mehrere Monate, bis sie beweisen konnten, dass sie mit professioneller Menschenschlepperei nichts zu tun hatten.

Haft in Italien

Von dem Schock hat sich al-Janzeri nie wieder völlig erholt. Auf die Haft in Italien folgten Repressionen in Tunesien. Ihm wurde die Lizenz entzogen. Er musste sich als Matrose auf einem anderen Kutter verdingen, um seine Familie über Wasser zu halten. Erst 2011 wurde er von einem italienischen Gericht offiziell von allen Vorwürfen freigesprochen.

Kurz darauf gelang es ihm, einen Kredit für ein neues Boot zu bekommen. Die „Habib Allah“ ist zwar nur zwölf Meter lang und damit drei Meter kürzer als sein altes Schiff, er kann deshalb auch nicht so große Fänge transportieren wie früher, aber immerhin: Er ist wieder Kapitän, Herr über sich selbst.

„Das Meer ist für mich der einzige Ort, an dem ich mich wirklich wohlfühle“, sagt al-Janzeri. „Es ist die Freiheit. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb ich mich nicht wirklich für Politik interessiere. Ich freue mich, dass wir in Tunesien eine Revolution hatten und einen neuen Weg eingeschlagen haben. Aber wer nun regiert, und ob der eine wirklich besser ist als der andere? Vom Meer aus betrachtet, verliert das seine Bedeutung. Hier zählen andere Dinge. Menschlichkeit zum Beispiel. Solidarität.“

Für seine Rettungsaktion wurde al-Janzeri über Tunesien hinaus bekannt. Die Grünen-nahe Heinrich Böll-Stiftung und andere internationale Organisationen haben ihm Auszeichnungen verliehen. Auch heute noch hilft er Flüchtlingen in Seenot. Oft kommt er gerade noch rechtzeitig: Wenn schon das Wasser im Boot steht, die Wellen immer höher schlagen und der Proviant längst aufgebraucht ist. Er liest sie auf, und bringt sie an Land und übergibt sie der Küstenwache. In Tunesien. In Italien nie wieder.

Sich selbst überlassen

Die Flucht über das Mittelmeer ist gefährlich. Mindestens 3 500 Tote gab es 2014, und das sind nur die Fälle, die von Flüchtlingsorganisationen und Küstenwachen registriert wurden. Rund 90 Prozent der Flüchtlinge stechen derzeit von Libyen aus in See, doch auch die langen Strände von Ägypten werden zunehmend zum Sprungbrett nach Europa.

Italien als wichtigstes Zielland hat angesichts des Ansturms auf seine Küsten die EU zu Hilfe gerufen. Das italienische „Mare Nostrum“-Programm zur Rettung von Flüchtlingen auf See ist ausgelaufen und durch das EU-Programm „Triton“ ersetzt worden. Allerdings sollen die „Triton“-Schiffe Flüchtlinge nur noch dann bergen, wenn sie tatsächlich in akuter Lebensgefahr schweben, und die Fahrten sollen auf das Seegebiet in der Nähe der italienischen Seegrenzen beschränkt bleiben. Die Flüchtlinge, die mit ihren Booten so weit gar nicht erst kommen, werden sich selbst überlassen.