Jakarta - Der schlanke Afghane mit dem sorgfältig gestutzten Vollbart fährt mit beiden Händen hektisch durch seine Haare und greift nach einer Schachtel Zigaretten auf dem wackeligen Tisch in der verrauchten Bar im Süden von Jakarta. „Wenn ich über mein Glück, über unser Glück nachdenke“, sagt er, „erscheint alles so unwahrscheinlich.

Es klingt so unmöglich, dass es kaum wahr sein kann.“ 29 Jahre alt ist der Afghane Zahir Khalili (Name geändert). Seit zwei Jahren lebt er in Indonesiens Hauptstadt. Es ist kein schönes oder angenehmes Leben, aber weitaus besser als das Schicksal, dem er im Sommer 2012 nach einem Sturm auf hoher See vor der australischen Küste um Haaresbreite entging.

Der Fischkutter war samt Besatzung und etwa 100 Passagieren an Bord in Seenot geraten, wie es immer so schön offiziell heißt. Tatsächlich brach der hölzerne Kahn, der seine menschliche Fracht aus Indonesien an den australischen Grenzbehörden vorbeischmuggeln sollte, langsam auseinander und lief voll Wasser.

„Ich war der einzige an Bord, der Englisch beherrschte“, erzählt der Afghane. Deshalb konnte er die Gebrauchsanweisung des Satellitentelefons entschlüsseln, das die indonesischen Seeleute zur Sicherheit mitgebracht hatten, aber nicht bedienen konnten. In fließendem Englisch legte der Afghane dann auch der Besatzung eines australischen Küstenwachboots die missliche, lebensbedrohliche Lage dar.

Ignorierter Notruf

„Wir kommen“, so habe angeblich der australische Funker geantwortet, berichtet Khalili. Es werde aber etwa fünf Stunden dauern. Tatsächlich mussten die in Panik geratenen Menschen fast 18 Stunden um ihr Leben bangen, bevor Hilfe kam. Am Heck des Schiffs mit den Rettern wehte freilich nicht die australische Fahne, sondern die indonesische. „Ich bin sicher, dass wir uns nach dreitägiger Seereise längst in australischen Gewässern befanden“, sagt Zahir Khalili. Aber die Australier hätten die Hilfe verweigert.

Seit Jahren schwankt die Regierung Canberras bei ihrem Umgang mit asylsuchenden Ausländern, die sich für Tausende von US-Dollars in Indonesien, Indien oder Sri Lanka Seelenverkäufern anvertrauen. So werden die kleinen Boote genannt, die voller Asyl-Suchender in den hohen Wogen des pazifischen und Indischen Ozeans treiben. Mal sperrte Canberra sie auf Inselstaaten im Pazifik weg, mal durften sie an Land.

Der amtierende konservative Premierminister Tony Abbott schloss erst einmal die Öffentlichkeit von jeder Debatte über die Asylpolitik des Landes aus, um Kritik an seiner Abschiebepraxis zu vermeiden. Zudem warf er Rechtsstaatsprinzipien über Bord. 147 überwiegend aus Südasien stammende Flüchtlinge mussten wochenlang auf hoher See bleiben und dort warten, weil ihr Asylanspruch ohne Rechtsbeistand geprüft werden sollte.

Das Oberste Gericht musste schließlich einschreiten, damit sie an Land gelassen wurden. Wochen zuvor hatte Abbott kurzerhand mehrere Tamilen an die Behörden des autoritären Regimes von Präsident Mahinda Rajapkase in Sri Lanka ausgeliefert, obwohl einige von ihnen Repressalien fürchten mussten.