Rom - Sie haben sich die Münder zugenäht. Dreizehn junge Männer, vor Monaten gelandet auf der Insel Lampedusa. Sieben von ihnen haben es schon zum zweiten Mal getan: Mit einer Nadel haben sie sich das weiche, empfindsame Fleisch ober- und unterhalb der Lippen durchstochen, dann haben sie Stofffäden durch die blutenden Löcher gezogen. Wie verzweifelt muss man dafür sein? Nun liegen sie auf ihren schmalen Betten, die Münder geschwollen, die Augen gerötet, die Körper geschwächt. Fast eine Woche schon sind die dreizehn jungen Marokkaner im Hungerstreik.

Die Nachricht über die Aktion wurde international verbreitet, denn Italien steht wegen seines Umgangs mit illegalen Einwanderern in der Kritik. „Aus Protest gegen die schleppende Bearbeitung ihrer Fälle haben 13 Insassen eines italienischen Auffanglagers bei Rom zu drastischen Mitteln gegriffen“, meldeten deutsche Nachrichtenagenturen. In überfüllten Booten seien sie aus Libyen nach Lampedusa gekommen, nun prangerten sie ihre langfristige Unterbringung in dem Auffanglager an, in dem sie eigentlich nur kurze Zeit hätten bleiben sollen. Vor Weihnachten und dann erneut Ende Januar nähten sie sich die Münder zu und hörten auf zu essen.

Auf eine Genehmigung, das Lager zu besichtigen, muss man als Journalist mehrere Wochen warten. Als die Erlaubnis kommt, läuft schon der zweite Protest der Marokkaner im „Zentrum für Identifikation und Ausweisung“, abgekürzt CIE, am Stadtrand von Rom. Wie sich herausstellt, ist der Begriff Auffanglager völlig irreführend. Das CIE Ponte Galeria liegt kurz vor dem Flughafen Fiumicino, in einem wüsten Niemandsland, umgeben von hohen grauen Mauern. Drinnen patrouillieren Polizisten. In Deutschland würde man von einem Abschiebegefängnis sprechen.

An diesem Tag dürfen auch vier Parlamentarier der Kleinpartei „Linke, Ökologie, Freiheit“, Flüchtlingsaktivisten und ein Kamerateam die hungerstreikenden Marokkaner treffen. Der Weg führt durch viele Tore, Metallzäune und eine Art Käfigsystem unter freiem Himmel, in dem dunkelhäutige Männer in Jogginghosen und Plastiklatschen durch den Regen schlurfen oder teilnahmslos herumstehen.

Schließlich betritt der Besuchertrupp zögernd den kahlen Raum, in dem die Marokkaner auf ihren im Fliesenboden verschraubten Metallbetten liegen. Es ist stickig und dunkel. Da die Männer mit den zugenähten geschwollenen Lippen nicht reden können, treten zwei Landsleute als Sprecher auf. „Sehen Sie, das ist schlimmer als ein Gefängnis hier – sogar schlimmer als ein Konzentrationslager“, ruft der eine, Lassad nennt er sich, „es ist eine Hölle.“ Er deutet auf die schmutzigen Wände, die hinter den Betten gestapelten Klopapierrollen, die als Heizung dienende, verkohlte Klimaanlage. Seine Augen blitzen vor Wut. „Das sind gut ausgebildete junge Männer, keiner älter als dreißig, sie haben nie eine Straftat begangen. Sie wären ein Gewinn für Italien“, ruft er. „Aber sie werden eingesperrt wie Tiere und wissen nicht, was mit ihnen passiert.“ Die Männer in den Betten fangen an zu weinen, Lassad wird noch lauter. „Unsere einzige Schuld ist die, auf der falschen Seite des Mittelmeers geboren zu sein“, schreit er, „alle reden über Globalisierung. Aber stattdessen – Mauern, Mauern, wohin man blickt.“ Die Besucher schauen betroffen. Wie die jungen Marokkaner heißen und was sie zu der gefährlichen Bootsreise nach Italien getrieben hat, ist nicht zu erfahren. Nur, dass sie in Europa bleiben möchten und einige zu Verwandten nach Holland und Frankreich wollen.

Unter Beobachtung

Seit Anfang Oktober Hunderte Flüchtlinge vor Lampedusa ertranken, weil ihr Boot sank und keiner zu Hilfe kam, und seit ein Video zeigte, wie Insassen des überfüllten Flüchtlingslagers der Insel nackt mit Desinfektionsmittel abgespritzt wurden, steht Italien unter Beobachtung. Der Fall der 13 Marokkaner, die nur wenige Tage nach der Tragödie in Lampedusa landeten, schien auf den ersten Blick ein weiteres Beispiel für den unwürdigen Umgang mit Menschen, die das Mittelmeer überqueren in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch es stellt sich heraus, dass sie wohl in jedem anderen EU-Land ähnlich behandelt würden.

„Was sollen wir denn machen?“, fragt Silvia Agostini, die von der Präfektur abgestellte Polizei-Verantwortliche in Ponte Galeria. „Menschlich gesehen sind wir doch solidarisch. Aber wenn jemand nicht das Recht hat, in Italien zu bleiben, muss er gehen.“ Die Mittfünfzigerin sitzt in einem kargen Büro, das sie mit Kinder-Zeichnungen geschmückt hat. Die Marokkaner seien illegal eingereist, sagt sie, und hatten keine Dokumente. „Hätten sie sofort um Asyl gebeten, wären sie in ein Flüchtlingslager gekommen.“ Aber das taten sie nicht. So landeten sie in Ponte Galeria, wo man über das marokkanische Konsulat versucht, ihre Identität herauszufinden, was dauern kann. Denn wer abgeschoben werden soll, braucht gültige Papiere. „Das wird in anderen EU-Ländern auch so praktiziert“, betont die Polizistin.

Experten und Flüchtlingsaktivisten bestätigen das. Auch in Deutschland würden Ausländer in so einem Fall abgeschoben. Anders ist in Italien, dass die Abschiebehaft nicht Haft heißt. Und dass die Insassen des CIE offiziell „Festgehaltene“ oder gar „Gäste“ genannt werden.

Die Marokkaner, erzählt Silvia Agostini, seien erst im Abschiebelager auf die Idee gekommen, Asyl zu beantragen. Nun wird geprüft, ob sie Anspruch haben. Auch das dauert. „Klar ist, dass die Chancen für Marokkaner gering sind“, sagt Silvia Agostini. Leiser fügt sie hinzu: „Wir wissen doch alle, dass das Wirtschaftsflüchtlinge sind.“

So kommt es, dass die jungen Männer seit vier Monaten eingesperrt sind, obwohl ihnen außer illegaler Einreise nichts vorzuwerfen ist. Irgendwann hörten sie, dass 15 Landsleute, die mit ihnen im Boot nach Lampedusa saßen, entlassen wurden. „Warum die und nicht wir, fragen sie sich“, sagt ihr Sprecher Lassad, „sind wir Menschen der Klasse C?“ Der Grund ist wohl, dass die Landsleute nicht identifiziert werden konnten. Dann ordnet der Richter an, dass der Ausländer innerhalb von sieben Tagen Italien selbstständig zu verlassen hat – ohne Ausweis schwierig. So tauchen die Illegalen unter. Und der Staat hat sich des Problems entledigt. Etwa 60 Prozent der CIE-Insassen kommen frei. Bis sie in eine Kontrolle geraten und wieder in Gewahrsam landen. Die übrigen werden tatsächlich abgeschoben.

Quälende Ungewissheit

Ponte Galeria hat derzeit etwa 100 „Gäste“, fast alle sind Schwarzafrikaner und Araber aus dem Maghreb, ein Drittel Frauen. Gut 80 Prozent waren zuvor im Gefängnis wegen Drogen, Diebstahl, Gewalt. Sie sollen Italien verlassen. Aber auch sie haben keine Pässe. In der Regel bleiben sie vier bis sechs Monate im CIE, theoretisch könnten sie bis zu eineinhalb Jahre festgehalten werden. Es ist eine Art zweite Haft ohne Verurteilung.

Zu tun gibt es nichts in der Käfigwelt von Ponte Galeria. Handys sind der einzige Kontakt zur Außenwelt. Abends um zehn wird das Licht ausgemacht. Es gibt keine Schränke, keine Regale, keine Gardinen, keine Bücher. All das ist brennbar. Die angestaute Frustration und Wut sind zu groß und explodieren zuweilen. Dann zünden die „Gäste“ ihre Unterkünfte an und reißen Mauern ein. Dabei ist Ponte Galeria nicht das schlimmste Ausländerlager, wie der italienische Flüchtlingsrat bestätigt. Aber letztlich geht es nicht um schlechte Matratzen und schmutzige Wände. Was die Insassen quält, ist die Ungewissheit. Die Angst, nach allen Strapazen mit leeren Händen nach Hause zu den Familien geschickt zu werden, die Wut und Enttäuschung, dass Italien und Europa sie nicht haben wollen.

Vier Psychologen arbeiten in Ponte Galeria. Mit jedem Ankömmling wird ein Gespräch geführt, sagen sie. „Wir wollen helfen, sich mit der Enttäuschung auseinanderzusetzen, die entsteht, wenn ein Lebensplan scheitert.“ Die Enttäuschung ist meist zu groß, auch bei den dreizehn jungen Marokkanern. Inzwischen haben sie ihren zweiten Protest beendet und warten resigniert ab. „Sie sind stolz, dass sie keine Gewalt angewendet haben“, sagt ihr Sprecher Adil. „Sie tun nur sich selbst weh.“