Auf den ersten Blick sehen die Zäune unüberwindbar aus. Zwölf Kilometer lang ziehen sie sich in Dreierreihe rund um Melilla. Sie sind bis zu sieben Meter hoch, bestückt mit Wachtürmen, Sensoren und Kameras, davor patrouilliert die Guardia Civil.

Doch so sehr sich die spanische Nordafrikaexklave auch einigelt: Immer wieder gelingt es Gruppen junger Männer, von der marokkanischen auf die spanische Seite hinüberzuklettern. Zuletzt am frühen Dienstagmorgen. Da stürmten rund 200 Schwarzafrikaner gemeinsam auf einen Abschnitt der Grenzanlagen im Nordwesten der Stadt zu. Etwa 50 von ihnen schafften es, sie zu überwinden.

Bollwerk schreckt nicht mehr ab

Die 80 000-Einwohner-Stadt Melilla, die seit rund 500 Jahren zu Spanien gehört, ist es gewohnt, Anziehungspunkt afrikanischer Migranten zu sein. Doch weil sich Europa die Afrikaner vom Leibe halten will, stehen die Zäune da. Erst anderthalb Meter hoch, seit 1999 drei Meter hoch. Im Sommer 2005 überkletterten ihn Hunderte Schwarzafrikaner mit selbstgebauten Leitern, es gab Tote und Verletzte. „Da musste man eine Lösung finden“, erzählt ein Guardia-Civil-Beamter, „und die Lösung war der dreifache Zaun.“

Der neue, sieben Meter hohe Dreifachzaun blieb jahrelang ein abschreckendes Bollwerk. Doch seit dem vergangenen Jahr lassen sich die Migranten auch von dem nicht mehr abhalten. Alle paar Wochen tun sich ein paar Hundert von ihnen zusammen und wagen den Ansturm, viele von ihnen erfolgreich.

Per Fähre nach Spanien

Das Aufnahmelager in Melilla ist überfüllt. Ausgelegt ist es für 480 Menschen, seit Dienstag sind dort rund 850 untergebracht. Die spanische Armee hat Zelte und Liegen für sie bereitgestellt. Die Männer und einige Frauen müssen damit rechnen, bis zu zwei Jahre in diesem Lager zu verbringen. Sie dürfen sich frei in Melilla bewegen, doch ihr Ziel ist es, aufs spanische Festland oder in ein anderes europäisches Land zu kommen.

Das Ziel der spanischen Behörden wiederum ist es, sie in ihre Heimatländer abzuschieben. Doch weil mit vielen Ländern keine Rücknahmeabkommen bestehen, werden die meisten Migranten irgendwann per Fähre nach Spanien herübergebracht, wo sie sich, mit einem Ausweisungsbescheid in der Tasche, als Illegale durchzuschlagen versuchen.

Posttraumatisches Stresssyndrom

„Wenn sie in Melilla ankommen, haben sie eine große Etappe ihrer Reise abgeschlossen“, berichtet Enrique Roldán vom Roten Kreuz in Melilla. „Die Ankunft ist wahrscheinlich positiv für sie, aber dann kommen Symptome eines möglichen posttraumatischen Stresssyndroms zum Vorschein. Sie haben eine furchtbare und harte Reise hinter sich. Sie leiden unter Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Angstanfällen, Depression. Sie haben ihre Familie zurückgelassen. Vielleicht ist jemand aus der Gruppe nicht durchgekommen.Die Menschen im Lager kommen aus fast allen Ländern Afrikas, besonders viele aus Kamerun, dem Kongo, Algerien, Nigeria und Guinea. Meistens waren sie jahrelang unterwegs, bis sie vor den Zäunen Melillas landeten.