Belgrad/Sid - Es wird kalt, vor allem in den Nächten. Sie wollen weiter, nur schnell weiter. Für die Flüchtlinge auf ihrem langen Weg nach Deutschland ist Serbien so etwas wie eine Autobahn. Aber danach? Wie lange sind die Grenzen noch offen? Die Nachrichten aus Slowenien machen Angst.

Die Helfer in der Sammelstelle von Principovac sind eingespielt, jeder Handgriff sitzt, sodass keiner der Flüchtlinge in der Schlange lange warten muss. Für jeden steht eine Plastiktüte bereit mit etwas Brot, einer Fischbüchse, einem Apfel. Ein Stück Seife für die Dusche gibt es extra. Auch Sanitäter und eine Psychologin sind in der Nähe, doch für die meisten Flüchtlinge sind die Steckdosen das Wichtigste.

Vor einer guten Stunde ist eine Gruppe von Syrern und Irakern in dem früheren Kindersanatorium an der serbisch-kroatischen Grenze mitten im Nirgendwo angekommen – und lange wird sie nicht bleiben. „Nur so lange wie es braucht, die Handys wieder aufzuladen“, erklärt Sava Rakic. Der 48-Jährige leitet seit einigen Wochen diese Transitstation auf der Balkanroute, die mit 350 Betten und elf Notzelten ausgerüstet ist, und er erlebt diesen Ablauf an manchen Tagen sogar mehrmals.

„Deutschland ist großartig“

Die Menschen essen etwas, manche werden vom Schlaf übermannt, dann kommt von irgendwoher plötzlich ein Anruf und das aus der Not geborene Reisekollektiv setzt sich wieder in Bewegung. „Die sind über alle Grenzen hinweg augenscheinlich sehr gut vernetzt“, sagt Rakic.

Die Menschen sind auf der Flucht, aber niemand irrt ziellos umher. Nicht in Serbien. Eile scheint geboten, denn Ungarn hat seine Südgrenze weiter abgeriegelt, nach den serbischen sind auch die kroatischen Übergänge blockiert. Auch Ahmed Al-Saidi hat sein Handy an der Steckdose ständig im Blick, was gar nicht so einfach ist, weil seine drei Kinder Karima, Abdallah und Mustafa in dem verwinkelten Bau oder auf dem Spielplatz vor der Tür überall herumwuseln.

Zum ersten Mal seit Wochen können sie wieder herumtollen, erzählt der Vater in leidlichem Englisch. „Es ist schon ein gutes Gefühl, es fast geschafft zu haben und nicht mehr ständig in Angst zu leben“, sagt Al-Saidi. Für die Wochen dauernde Flucht aus dem Irak über die Türkei, die griechische Insel Kos und Mazedonien habe er alles hergeben müssen, was er besaß: mehr als 2000 Dollar pro Kopf der Familie.

Er habe früher zum Sicherheitsdienst eines Vize-Regierungschefs gehört, sagt Al-Saidi. Damals, als Saddam Hussein und die Sunniten noch die Machtpositionen in Bagdad innehatten. Jetzt, unter den Schiiten, sei es für ihn und seine Familie als Sunniten zu gefährlich geworden. Deshalb seien sie aufgebrochen.

Deutschland sei sein Ziel, weil dort schon seit drei Jahren ein Cousin in Frankfurt am Main lebe. „Er sagt, es ist großartig dort“, schwärmt Al-Saidi. Wenn man sich so in dem Lager an der Grenze umhört, dann hat angeblich jeder einen nahen Verwandten, der schon seit Jahren in Deutschland lebt und der nur Gutes von dort berichtet. Vier von fünf Flüchtlingen auf der Balkanroute wollen nach Deutschland, die anderen nach Schweden.

„In Serbien will niemand bleiben“, versichert Ivan Miskovic vom serbischen Flüchtlingskommissariat. 220.000 Menschen seien in diesem Jahr bereits von Mazedonien über die Südgrenze bei Presevo gekommen. Gerade einmal 600 von ihnen hätten in Serbien einen Asylantrag gestellt, 16 von ihnen sei das Aufenthaltsrecht bewilligt worden.

Dabei hat gerade Serbien große, leidvolle Erfahrungen. Als Jugoslawien zerfiel, musste das Land mehr als 600.000 Flüchtlinge und Vertriebene – Serben aus Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und zuletzt dem Kosovo – aufnehmen. Kaum ist das nach zwei Jahrzehnten leidlich gelungen, muss sich das Land jetzt dieser neuen Herausforderung stellen. Dabei helfen die alten Strukturen des Flüchtlingskommissariats schon sehr, sagt Miskovic. Die Aufnahmezentren aus den 90er-Jahren seien ja nicht verschwunden.

Der Transit kostet 35 Euro

Gebraucht werden sie derzeit allerdings kaum. Die Flüchtlinge nehmen Serbien praktisch gar nicht mehr wahr. Ihnen wird in Presevo auf einem Papier ihre Einreise bestätigt. Nach den Fluchtgründen fragt niemand. Dann warten auch schon Busse, zumeist von privaten Reiseunternehmen, die – völlig überfrachtet – die Menschen nach Norden an die Grenze bringen. 35 Euro kostet der Transit quer durch Serbien. Kaum einer der Flüchtlinge verbringt inzwischen mehr als 48 Stunden in dem Land. Die serbischen Behörden nennen es eine „weiche Passage“.

Viel mehr können sie tatsächlich kaum tun, denn das Balkanland steckt auch ohne die Flüchtlinge in Schwierigkeiten. Regierungschef Aleksandar Vucic behauptet in Belgrad im Gespräch mit deutschen Journalisten zwar stolz, dass er eine Stabilisierung erreicht habe.

Doch nach Jahren stetigen wirtschaftlichen Niedergangs ist 2015 erstmals wieder mit einem ganz bescheidenen Wachstums zu rechnen. Die Staatsverschuldung wächst langsamer, aber sie wächst, und die Arbeitslosigkeit beträgt immer noch 19 Prozent, doch sie lag einmal bei 26 Prozent. Serbien kämpft mit einer weiteren Fluchtbewegung: junge Leute mit guter Qualifikation verlassen das Land in Scharen, um in Westeuropa eine Bezahlung zu erhalten, die ihnen angemessen erscheint.

Doch Premier Vucic versichert, was die Flüchtlinge angeht: „Serbien ist bereit, größere Verpflichtungen zu übernehmen.“ Sein Land handle entsprechend den Werten der Europäischen Union, obwohl es ihr nicht angehörige. Ohne das Wort Ungarn in den Mund zu nehmen, fügt er hinzu: In seinem Land hätten die Sicherheitsorgane keine einizige Tränengas-Patrone gegen Flüchtlinge abgefeuert. Stattdessen habe er persönlich Bundeskanzlerin Angela Merkel angeboten, auch Serbien sei bereit so genannte Hotspots einzurichten – Zentren, in denen die Flüchtlinge bleiben, bis über ihre Asylanträge entschieden ist. „Serbien ist ein Partner, der liefern wird“, versichert Vucic. Er macht aber auch kaum einen Hehl daraus, was er dafür will: die Mitgliedschaft in der EU.

Nach 72 Stunden sind sie Kriminelle

Nikola Kovacevic vom Belgrader Zentrum für Menschenrechte kommentiert die Einlassungen des Regierungschefs sarkastisch: „Ja, die Regierung tut was für die Flüchtlinge. Sie schleust sie so schnell es nur geht durchs Land.“ Das Argument, sie wollten gar nicht bleiben, werde als Allzweckwaffe verwendet. In Belgrad habe man sehen können, wie die kriminellen Schlepper arbeiten. Sie verhandelten dort in aller Öffentlichkeit mit den Hilfesuchenden um den Preis für den Weitertransport, und die Polizei unterbinde das nicht.

Tatsächlich kann man diese Szenen inzwischen nicht mehr beobachten. Am Belgrader Busbahnhof und am Bahnhof, wo monatelang eine Zeltstadt stand, hat sich die Lage entspannt. Nur wenige Flüchtlinge machen in der serbischen Hauptstadt Station. Sie haben keine Zeit: Werden sie 72 Stunden nach ihrer Einreise aufgegriffen, gelten sie als Kriminelle und ihnen drohen Haftstrafen, erklärt Kovacevic.

Die Gruppe in Principovac bricht auf. Wohin? Sie würden den offiziellen Grenzübergang nach Kroatien in Sid benutzen, ein paar Kilometer südlich vom Lager, behauptet Miskovic, der offizielle Vertreter des Belgrader Flüchtlingskommissariats. Rakic, der Mann vor Ort, lächelt nur wissend und blickt auf ein nicht abgeerntetes Maisfeld. Rakic ist in Gedanken schon bei der nächsten Gruppe. Die Plastiktüten müssen gefüllt werden. Ein wenig Brot, eine Fischbüchse, ein Apfel. Seife extra.