Budapest/Bicske - Sechs Jahre hat Azatullah Sidiqi in Afghanistan für die US-Streitkräfte als Dolmetscher gearbeitet, jetzt steht der 26-Jährige am Budapester Ostbahnhof – ohne Papiere, ohne Gepäck und mit nur noch 25 Euro in der Tasche. „Wenn ich gewusst hätte, dass es so weit kommt, wäre ich gar nicht erst aufgebrochen“, sagt er, entnervt, nach vier Tagen und Nächten am Bahnhof der ungarischen Hauptstadt. Alle seine Habseligkeiten, auch der nagelneue Schlafsack, seien gestohlen worden.

Den Zug, der gerade in Richtung Sopron abgefahren ist, zur österreichischen Grenze, hat Sidiqi verpasst. Er wäre auch nicht weit gekommen: Eine halbe Stunde später und 37 Kilometer weiter in Bicske hält die ungarische Polizei diesen Zug an und fordert die Flüchtlinge auf, den Zug zu verlassen. Offenbar gab es einen vorher nicht veröffentlichten Plan, die Flüchtlinge in ein Flüchtlingslager zu bringen. Denn in Bicske stehen 20 Busse und Dolmetscher bereit.

„No camp, no camp“

Die Flüchtlinge wehrten sich aber laut ungarischen Medienberichten gegen den Transport ins Lager. „No camp, no camp“, hätten die Menschen gerufen, die mehrheitlich aus Kriegsgebieten im islamischen Raum geflohen waren. Die Polizei soll die aufgebrachte Menge dann wieder auf den Bahnsteig zurückgedrängt haben.

Bis zum frühen Morgen hatte die Polizei den Budapester Ostbahnhof für Flüchtlinge gesperrt, die seit Tagen zu Tausenden in der Umgebung kampierten. Dann gaben die Ordnungshüter die Zugänge überraschend frei. Zugleich wurden alle direkten Zugverbindungen nach Westeuropa gestoppt.

Die Flüchtlinge, von denen viele kaum eine Fremdsprache beherrschen, waren völlig ratlos. „Wo ist Sopron?“, fragte der 25-jährige Khalil aus Afghanistan. Der Agronom will zusammen mit vier Freunden nach Deutschland. Tickets nach München haben sie. Aber ist das der richtige Zug? „Warum einigen sich die EU-Staaten nicht auf eine Flüchtlingspolitik?“, klagte er.

Entsetzen über das Elend

Völlig ratlos hockt auch die siebenköpfige Familie Jalili aus dem afghanischen Kazni auf dem inzwischen zugemüllten Bahnsteig. Einsteigen wollen sie nicht, denn die sechsjährige Tochter würde das Gedränge nicht aushalten, sagt ihre 15-jährige Schwester Nasrin. Der Zug war schon Stunden vor der immer wieder verzögerten Abfahrt voll mit Flüchtlingen.

Auch nach der Öffnung des Bahnhofs kampierten mehr als tausend Flüchtlinge neben dem Gebäude und im geräumigen Zwischengeschoss, das zur U-Bahn führt. „Warum machen sie das bloß mit den Leuten?“, sagte eine junge Ungarin, die neben den Bahngleisen Kaffee und Brötchen verkauft. Ihr Geschäft sei wegen des Flüchtlingschaos am Bahnhof eingebrochen. Aber nicht das bewegt sie jetzt: „Ich bin einfach nur entsetzt über all dies Elend.“ (dpa)