Holot - Sand und Geröll, so weit das Auge reicht. Man braucht Spürsinn, um das Internierungslager für afrikanische Flüchtlinge tief im israelischen Negev überhaupt zu finden. Mitten in der Wüste erstrecken sich lange Reihen flacher Baracken. Einige sind gelb und rot abgesetzt. An dem uniformen Bild ändert das nur wenig. Der triste Eindruck überwiegt, auch wenn die neuen Wellblechdächer silbern blitzen.

Der zweifach eingezäunte und mit Stacheldrahtrollen gesicherte Komplex namens Holot ist erst seit Dezember in Betrieb. Aber in wenigen Wochen ist das Lager schon in Verruf geraten. Zumindest unter den 53.000 Afrikanern, die in Tel Aviv und anderen israelischen Städten untergekommen sind, sowie ihren Unterstützern. Denn Holot ist konzipiert als Endstation vor der Abschiebung. Wer hier landet, kommt kaum mehr weg, es sei denn zurück, irgendwohin nach Afrika, womöglich gar in die Militärdiktatur Eritrea oder in den bürgerkriegsgeplagten Sudan.

Kälte in den Baracken

Eine Abordnung der israelischen Organisation „Ärzte für Menschenrechte“ hat sich an diesem Morgen auf den langen Weg von Jerusalem und Tel Aviv in den Negev gemacht, um sich vor Ort zu informieren. In Windeseile werden Matten draußen auf dem Pflaster ausgerollt, Medikamentenboxen aufgestellt und Tüten mit Äpfeln und Orangen ausgepackt. Die Helfer sind es gewöhnt, in improvisierten Behandlungsräumen Patienten zu versorgen. Sie alle haben schon in der „Offenen Klinik“ in Jaffa gearbeitet, wo Flüchtlinge und andere Menschen ohne Versicherung sich untersuchen und behandeln lassen können.

Aber diese Aktion hier findet unter freiem Himmel statt, an einem windigen, regnerischen Wintertag. Bibbernd stehen die Lagerinsassen alsbald Schlange. Viele der meist jungen Männer tragen dünne Kapuzenjacken und haben nicht mehr als Flip-Flops an den nackten Füßen. Alle klagen über die Kälte in den Baracken, über fehlende warme Decken, über schlimmen Husten. Die Ärzte schauen sich jeden Einzelnen an, verabreichen Medizin.

Am Gittertor entsteht Aufregung. Die Wärter haben einigen Flüchtlingen bei der Eingangskontrolle die ausgeteilten Grippemittel wieder abgenommen. Man wolle nicht verantwortlich gemacht werden, sollten die Afrikaner das Zeug nicht vertragen, heißt es zur Begründung. Erst auf den hartnäckigen Einspruch der Menschenrechtsdoktoren hin werden die konfiszierten, zumeist nicht einmal verschreibungspflichtigen Medikamente wieder freigegeben. Zumal der Lagerarzt, wie zu hören ist, sich eher selten blicken lässt.

Im Unterschied zu anderen Auffanglagern ist Holot ein offenes Gefängnis. Der Begriff ist ein Widerspruch in sich, doch er trifft die Sache ziemlich genau. Die Versorgung ist minimal. Dreimal täglich ist Appell. Um 22 Uhr wird das Gelände bis zum nächsten Morgen abgeschlossen. Verstöße gegen die rigiden Vorschriften werden geahndet, im wiederholten Falle mit Haft in Saharonim, dem geschlossenen Gefängnis, in das Israel schon länger Flüchtlinge – im offiziellen Sprachgebrauch „illegale Eindringlinge“ genannt – einsperrt.

Amon aus Eritrea kennt beide Anstalten. Und er behauptet, dass Holot kein bisschen besser ist als Saharonim, wo er zwei Jahre lang einsaß. Vor einem Monat hat man ihn ins offene Gefängnis gebracht. Jetzt darf er tagsüber hinaus, aber ringsum ist Wüste. „Das Schlimmste ist, dass ich nichts planen kann“, sagt er. Dieses Gefühl, keine Zukunft zu haben. „Wohin sollen wir gehen? Wie lange müssen wir hier bleiben?“, fragt er bitter.

Die israelische Regierung hat darauf nur eine Antwort: Nimm die Rückkehrhilfe von 3 500 Dollar und begib dich außer Landes. Aber das ist für Amon unmöglich. In seinem Heimatland Eritrea erwarten ihn, der es nach sieben Jahren Armeedienst nicht mehr aushielt und desertiert ist, Verfolgung und Folter. Außerdem sind da noch seine Frau und die achtjährige Tochter, mit denen er 2008 über den ägyptischen Sinai nach Israel geflohen ist. Die beiden leben noch in den heruntergekommenen Quartieren im Süden von Tel Aviv. Dort hatte sich Amon mit einem Job in einer Essenausgabestelle vier Jahre durchgeschlagen. Bis ihn die Polizei bei einem lautstarken Streit festnahm.

Israel bemüht sich seit Jahren, die Flüchtlinge aus Afrika loszuwerden. Es ist der einzige Staat mit westlichem Lebensstandard in dieser Region, der über den Landweg vom afrikanischen Kontinent aus zu erreichen ist – und Israel fürchtet, von Armutsmigranten überrollt zu werden. Tatsächlich schaffen es jedoch nur noch ganz wenige der Flüchtlinge, den Sperrzaun zu überwinden, den Israel inzwischen an der ägyptischen Grenze hochgezogen hat. Zudem haben von den 64 000 Afrikanern, die seit 2006 über die grüne Grenze ins Land kamen, bereits mehr als 10 000 Israel wieder verlassen, wie aus Zahlen des Außenamtes in Jerusalem hervorgeht.

Duldung nur für einen Monat

Sofern sie aus Eritrea und Sudan stammen, genießen die „illegalen Eindringlinge“ eine Duldung, die monatsweise verlängert wird. Als Unterzeichnerstaat der UN-Flüchtlingskonvention respektiert auch Israel die Schutzklausel, niemanden zwangsweise in diese Länder abzuschieben. Allerdings hat das Innenministerium anders als viele europäische Staaten so gut wie keinen Eritreer oder Sudanesen als Asylbewerber anerkannt. Nur eine kleine Minderheit hat überhaupt Anträge gestellt.

Das eigentliche Problem ist das sogenannte Anti-Infiltrationsgesetz, das eine Verhaftung von „Eindringlingen“ schon bei geringfügigen Vergehen erlaubt. In Saharonim können sie bis zu zwei Jahre und in Holot unbegrenzt festgehalten werden.

Abertausende Flüchtlinge sind jüngst dagegen auf die Straße gegangen. Viele, die in Restaurants und Hotels als Küchen- und Putzhilfen schlecht bezahlte Arbeiten verrichten, traten in den Streik. Premier Benjamin Netanjahu zeigte sich zwar unbeeindruckt. „All die Proteste werden nichts nützen“, sagte er und beharrte darauf, alle „Eindringlinge“ auszuweisen.

Doch die disziplinierte Art und Weise, in der Flüchtlinge ihre Massendemonstrationen auf dem Kikar-Platz in Tel Aviv und vor der Knesset, dem Parlament in Jerusalem organisierten, hat ihnen landesweit Sympathien eingebracht. Kaum waren die Kundgebungen beendet, rückten afrikanische Ordner mit Kehrbesen und Müllbeuteln zum Saubermachen an. Israelische Zeitungskommentatoren erinnern nun daran, dass die eigenen Eltern auf der Flucht vor Nazis sich oftmals als „Illegale“ durchschlagen mussten. Gerade als Staat der Juden sollte man mehr Verständnis haben und die Asylgründe individuell prüfen, statt die afrikanischen Flüchtlinge pauschal als demografische Gefahr hinzustellen.

Von diesen ersten Erfolgen, die die Stimmung in der Bevölkerung verändert haben, berichten die „Ärzte für Menschenrechte“ auch den Flüchtlingen in Holot. Die blicken skeptisch. Einige ihrer Freunde sind bereits eingesperrt worden, weil sie sich im Dezember an einem Protestmarsch in Jerusalem beteiligt und dafür das Lager für mehr als 48 Stunden verlassen hatten.

Yousef, ein 26-jähriger Sudanese, hat Angst, dass ihn das gleiche Schicksal ereilt. Am Vortag sei er nachmittags im Bus nach Beer Scheva gefahren, erzählt er, aber am Abend zu spät zum Appell erschienen. Der Aufseher habe gedroht, jetzt müsse er zurück in die Haftanstalt Saharonim. „Das hier ist kein Leben“, sagt Yousef resigniert. Nur sehe er keine Alternative: „Mein Heimatdorf Wadi Saleh wurde vor Jahren dem Erdboden gleichgemacht. Dort gibt es keine Menschenseele mehr.“