SCHÖNHAGEN. Wilhelm Voigt - der Hauptmann von Köpenick - und andere Hochstapler waren relativ harmlos. Sie brachten nur ein paar Leute um ihr Geld und ihr Vertrauen. Es gab auch Fälle, in denen sich Laien als Chefärzte ausgaben und Patienten behandelten - schlimm genug. Besonders gemeingefährlich agierte aber ein Flugschüler auf dem Flugplatz Schönhagen (Teltow-Fläming). Die Hochstapelei des 65-Jährigen führte zwar "nur" zur Kollision zweier Flugzeuge am Boden - ohne Verletzte. Doch sie hätte leicht auch als tödliche Katastrophe enden können.Der Vorfall ereignete sich bereits im November. Bekannt wurde er aber erst jetzt, weil der Bürgerverein Schönhagen Anzeige erstattete, nachdem Flugsicherheitsinspektor Jens Eisenreich über den Fall in einer Fachzeitschrift berichtet hatte.Der Möchtegern-Pilot hatte 52 Flugstunden absolviert, ohne dass ihm sein Lehrer einen Soloflug erlaubte - die meisten Schüler fliegen nach 15 Stunden allein. Als dem offenbar gut betuchten Mann aus dem Berliner Umland die Flugstunden zu viel wurden, griff er wie einst Wilhelm Voigt zum Uniform-Trick. Auf ein weißes Hemd pappte er goldgestreifte Piloten-Schulterstücke. Er kaufte sich - für mehrere Hunderttausend Euro - gleich zwei Flugzeuge und verteilte Visitenkarten, die ihn gar als Gründer einer Airline auswiesen. Eines Tages stieg er in Schönhagen in einen seiner einmotorigen Viersitzer, um zwei Passagiere nach Hamburg zum fliegen. Glücklicherweise hob er nicht ab, denn nachdem er das Triebwerk gestartet hatte, rammte er mit Vollgas eine andere Maschine."Ein unglaublicher Fall", sagt Sicherheitsinspektor Eisenreich, der den Fall für die Versicherung untersuchte. "Ähnliches habe ich bundesweit noch nicht gehört." Für ihn ist wichtig, dass das Personal auf kleinen Flugplätzen besonders aufmerksam ist, um Probleme schnell zu erkennen. Denn Piloten müssen dem Tower nur bekannt geben, wohin sie fliegen wollen - es gibt keine so strenge Flugüberwachung wie auf großen Flughäfen. "Das Personal soll lieber einmal öfter höflich nachfragen, als dass etwas schief läuft", sagt er. Schönhagen sei aber ein vorbildlicher Flugplatz. "Da hat niemand absichtlich weggeschaut."Renate Thomas vom Bürgerverein, in dem vor allem vom Fluglärm genervte Zuzügler aktiv sind, sieht das anders. "Der Vorfall zeigt, dass der Flugplatz ein Sicherheitsrisiko ist. Offenbar geht es dort drunter und drüber und ein Hochstapler wird geduldet, wenn er betucht ist und ein Flugzeug kauft", sagt sie. Da der Fall "vertuscht" worden sei, habe der Verein Anzeige erstattet."Wir haben damals gleich die Polizei geholt", sagt Flugplatz-Chef Klaus-Jürgen Schwahn. Den Hochstapler kenne er nicht, der habe Flugstunden bei einem Mieter des Platzes genommen und bei einem anderen sein Flugzeug untergestellt. "Er durfte sich sein Flugzeug rausfahren lassen. Aber er hat gelogen und behauptet, sein Fluglehrer komme noch", sagt Schwahn. Dann habe der Mann den Motor angelassen, ohne den Tower zu informieren. "Einige Sekunden später krachte es schon", sagt er. "Der Flugleiter konnte nur noch die Polizei rufen und verhindern, dass der Mann die Passagiere mit seinem zweiten Flugzeug ab Schönefeld fliegt." Der Täter habe mit krimineller Energie gehandelt und ausgenutzt, dass man ihn als Flugschüler kannte. "Ein Unbekannter wäre bei uns nie an ein Flugzeug gekommen", beteuert Schwahn. Das sei nicht erst seit dem 11. September 2001 so."Die Sache ging von uns gleich an die Staatsanwaltschaft", sagt Joachim Leyerle, im Landesamt für Verkehr zuständig für Luftfahrt. "Ein Ermittlungsverfahren wegen Gefährdung des Luftverkehrs läuft", sagt Staatsanwalt Benedikt Welfens.Dem dreisten Hochstapler drohen nun maximal fünf Jahre Haft.------------------------------"Ein unglaublicher Fall. Ähnliches habe ich bundesweit noch nicht gehört."J. Eisenreich, Sicherheitsinspektor------------------------------Foto: Mit 47 000 Flugbewegungen pro Jahr gilt Schönhagen als meist angeflogener Verkehrslandeplatz Ostdeutschlands.

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