Berlin - Sie kennen das wahrscheinlich, an jeder Ecke in Berlin gibt es einen kleinen Italiener, doch nur bei wenigen kann man wirklich gut und bei den wenigsten kann man wirklich wie in Italien essen. Und das ist wirklich schade, denn seit den 60er-Jahren gibt es ja bei uns in Deutschland (mit den Gastarbeitern fing das im Westen an) eine riesige italienischstämmige Volksgruppe und in den vergangenen Jahrzehnten ist ja der Italiener zum zweiten Wohnzimmer der Deutschen geworden. Nur wie das so ist bei deutschen Wohnzimmern, sie sind im Durchschnitt nicht besonders geschmackvoll eingerichtet.

Für den „kleinen Italiener“ in Berlin gilt das in erhöhtem Maße. Aber wir wären keine gute Food-Redaktion bei der Berliner Zeitung am Wochenende, wenn wir uns nicht für Sie, lieber Leser, die schwierige Aufgabe auferlegen würden, die besten Italiener der Stadt zu finden. Und weil Italien regional so verschieden ist, suchen wir für Sie auch nicht „den Besten“, sondern nur die Besten. Und wir fangen mit unserer Aufgabe in dieser Woche in Charlottenburg an. Warum? Weil es dort wirklich scheußliche „Italiener“ gibt. Einer davon ist etwa das Mondo Pazzo in der Schlüterstraße. Hier gibt es eine generische italo-deutsche Küche, die für geliftete Immobilienmakler zubereitet wird. Wir sagen pfui!

Einen Italiener, den wir allerdings wirklich hervorragend finden und der für uns das Zeug zum unbedingten Stammitaliener hat, ist die kleine Trattoria Da Antonio auf der Bismarckstraße direkt gegenüber dem Sex-Shop LSD. Und wir können Ihnen sagen, das Essen und die Stimmung in dem kleinen sardischen Zwei-Personen-Betrieb ist wirklich ungeschlagen. Es geht schon damit los, dass die freundliche rothaarige Wirtin Magdalena (sie bedient und ihr Mann Antonio steht in der Küche) uns im neuen Jahr gleich mal die Neujahrsangst vorm Bodyshaming nimmt. Ihr gehe es doch genauso wie uns, mischt sie sich freundlich in unser Tischgespräch ein und hält sich dabei den Bauch: „Ich esse zu viel und viel zu gerne. Für mich ist das das Schönste der Welt.“

Jesko zu Dohna
Was auf dem (Meeres-)Boden liegt, darf man nicht aufheben? Gilt nur nicht für Seezunge.

Bedingungslose sardische Produktküche

Und wer so was sagt, der muss eben wissen, was wunderbar schmeckt. Und so werden in der kleinen Trattoria auch herrlichste Speisen auf handbemalten sardischen Steinguttellern serviert. Fangen wir beim Brot an, es ist natürlich selbst gebacken und hat eine so wunderbar krachende Kruste und das Öl kommt aus Kreta statt aus Italien, weil Magdalena sagt, es ist eben das beste der Welt.

Und bei der Qualität der Zutaten überlassen die beiden auch nichts dem Zufall. Die Antipasti sind natürlich alle hausgemacht. Auf der Platte liegen kleine Reh-Kabanossi, die kommen von einem Freund aus Mecklenburg. Zwar auch nicht Italien, aber sie schmecken umwerfend. Genauso wie der rohe sardische Ziegenschinken von der Verwandtschaft.

Und die Pasta? Da geht es weiter mit hervorragenden Zutaten und noch besserer frischer Zubereitung. Die schwarzen Linguine mit Scampi enthalten auch wirklich Kaisergranat aus dem Mittelmeer statt billiger Garnelen wie beim Mondo Pazzo. Die Trüffel für die Spaghetti sind frisch und aus Italien. Man kann wählen zwischen schwarzem Trüffel und echtem weißen. Beides schmeckt so, wie es schmecken soll.

Bestellen Sie unbedingt die Seezunge mit Parmesan

Besonders zu empfehlen sind die Tortelacci mit Ossobucco in einem würzigen Soffritto. Gefüllt sind die großen Teigkissen mit über Tagen weich geschmorter Kalbshesse. Unser Highlight ist aber die gebackene und mit Parmesan und Butter verfeinerte ganze große Seezunge für unschlagbare 33 Euro für zwei Personen. Die leichte zitronige Note und der Parmesan sorgen für Umami und Frische. Und auch da alles korrekt. Meistens ist Seezunge ja so eine Sache. Denn in vielen Restaurants wird der Gast ja mit billigeren Rotzungen abgespeist.

Ob es sich um eine echte Seezunge handelt, erkennt man leicht: Ist das Fleisch blütenweiß, statt mit kleinen dunklen Blutgefäßen durchzogen (siehe Bild), handelt es sich um die minderwertige Fälschung. Ich mache mir oft einen Spaß, wenn mich ein Wirt veräppeln möchte und lasse den Fisch zurückgehen. Das war dann oft der letzte Besuch. Bei Da Antonio würde Magdalena niemals auf die Idee kommen, eine Fälschung zu servieren. Sie hat schließlich Ehre! 

Abschließen können Sie Ihren wunderbaren Abend dann mit einem Espresso, erstklassigem Grappa, einem Mirto (sardischer Likör aus Myrrhe) und einem frischen Tiramisu mit Orangen und Orangenlikör. Das schmeckt so frisch wie der Sommerurlaub an der Costa Smeralda – und das auch im grimmig grauen Berliner Winter. Na, wie klingt das? Für uns nach einem guten Start ins neue Jahr!

Bewertung: 5 von 5!

Trattoria Da Antonio, Bismarckstraße 60, 10627 Berlin, Donnerstag bis Dienstag 17 bis 23 Uhr. Unbedingt reservieren!

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.