Direkt gegenüber der chinesischen Botschaft an der Jannowitzbrücke gibt es ja das chinesische Restaurant Ming Dynastie. Und viele Passanten glauben daran, dass dies hier ob der geografischen Nähe zum Tarnkappenbomber, so sieht die silbrig glänzende Botschaft aus, das beste chinesische Restaurant Berlins ist. Nur, das stimmt nicht. Wir haben nämlich bei einer hochrangigen Botschaftsmitarbeiterin nachgefragt, welche guten China-Restaurants es in der Hauptstadt gibt.

Die Antwort per Mail: „Es stimmt, dass es ein China-Restaurant an der Jannowitzbrücke gibt, direkt gegenüber unserer Botschaft, das Ming Dynastie heißt.“ Wer sich ein bisschen mit chinesischer Kommunikation auskennt, der versteht die vielsagende Höflichkeit sofort. Dieses Restaurant ist nicht der Rede wert, geschweige denn kulinarisch empfehlenswert. Also lassen wir erst mal die Finger davon. Aber was ist mit dem gleichnamigen Schwester-Restaurant am Kurfürstendamm? Das bekommt von uns eine Chance.

Oliver Weinlein
Große Klappe, aber nichts dahinter: Ob die Speisen genauso schmeckten, als Peter Maffay hier gegessen hat?

Erst einmal zum Namen: Die Ming-Dynastie herrschte von 1368 bis 1644 über das Kaiserreich China. 301 Jahre später, im Rumänien der Nachkriegszeit, wurde Peter Maffay geboren. Maffay und Ming verbindet auf den ersten Blick nichts, doch kommen sie beide, Maffay und das Kaiserreich China, im Nicht-Ort der City West zusammen: dem Europa-Center zwischen Tauentzienstraße und Kurfürstendamm.

Kurfürstendamm und Europa-Center, definitiv eine Reise wert

Bereits beim Betreten der Ming Dynastie über die verrostete Außentreppe glaubt man mit dem Aufstieg eine Reise in eine vergangene Zeit zu begehen. Zurück in eine Zeit der Trennung, des Kalten Krieges und der Design-Fehlgeburten der 80er-Jahre. Eine Dekade, in der Berlin für vieles bekannt war, aber nicht für seinen guten Geschmack.

Peter Maffay jedoch ist zumindest in kulinarischer Hinsicht anderer Meinung. „Peking-Ente wie in Peking“, soll es hier geben, schreibt der Schlagerstar auf der Homepage. Wer bereits das Land der Mitte bereist hat, weiß, dass architektonische Todsünden und gutes Essen sich oftmals komplementär ergänzen. Dass dies meistens ein gutes Zeichen ist, kann man beim New Ocean in Alt-Mariendorf beobachten. Heruntergekommen, hässlich und weit ab vom Schuss ist das kleine Ladenlokal. Und dennoch: Hier gibt es für uns das beste chinesische Essen der Hauptstadt. Wenn Sie dort noch nicht waren, los geht’s!

Aber zurück zum Europa-Center: Erwartungsfroh nehmen wir also an einem Tisch auf der Balustrade Platz und staunen: Die Aussicht, die sich hier auf das Innere des Europa-Centers bietet, ist denkwürdig. Die 13 Meter hohe Wasseruhr im Zentrum, konzipiert von Bernard Gitton, „fließende Zeit“, flankiert von absonderlichen Stahlkonstruktionen, Aufgängen und Ladenfluchten. Ein leises Plätschern ertönt aus dem Nirgendwo, hier und da vereinzelt Besucher, mäandernd, getaucht in kaltes Licht. Ein Ort wie aus der Zeit gefallen, melancholisch, dystopisch, großartig!

Oliver Weinlein
Ein Tsingtao-Bier ist natürlich Pflicht. Funfact: Die Brauerei wurde von deutschen Kolonialisten gegründet. Und das Bier schmeckt!

Das Liebespaar-Menü für 2 Personen

Derart postapokalyptisch geprimt kann es bei der Bestellung nur eine Wahl geben. Wir entscheiden uns für das „Liebespaar-Menü“ (69,80 Euro für 2 Personen), denn die Liebe überdauert ja bekanntermaßen alles. Diese Regel gilt in Europa genauso wie in China, dem selbst ernannten „Nabel der Welt“ („Reich der Mitte“ ist natürlich eine falsche Übersetzung!)

Als Entrée wird Wan-Tan-Suppe gereicht, die schmeckt solide, hat man aber anderswo schon raffinierter und würziger bekommen, da ist noch Luft nach oben. Das Problem: Nun ist aber dort, wo noch Luft nach oben ist, zumeist auch noch Luft nach unten. Eine leidvolle Erfahrung, glauben Sie mir, denn jeder der nachfolgenden Gänge ist bestenfalls fade. Zwischenfazit: Nicht alle China-Restaurants sind wirklich empfehlenswert in  Berlin!

Die kalte Platte macht ihrem Namen alle Ehre. Eiskalte Edamame und Innereien, geschmacklos und uninspiriert. Immerhin schmeckt der Rettich nach Rettich: Rettung! Die Großgarnelen sind genauso matschig und wässrig wie das Gemüsebeiwerk. Das Rindfleisch nach Bauernart, laut Karte maximaler Schärfegrad, ist so spicy wie Kartoffelbrei. Die gebackene Ente in Pfannkuchen mit Hoisin-Soße nach Beijing-Art schmeckt pappig und der Nachtisch, die gebackenen Taro-Rollen noch pappiger.

Wan-Tan-Suppe, Garnelen und Peking-Ente – alles schmeckt fad

Nach dem Essen sind mein Begleiter und ich uns einig: Das „Liebespaar-Menü“ ist eine Prüfung. Wer nach dem Verzehr noch liebt, der kann sich frei nach Schiller ewig binden!

Zurück aber zu Peter Maffay. Es steht zu bezweifeln, dass dieser Mann jemals persönlich in Peking war, denn bei meinem letzten Besuch dort hat die Ente wahrlich anders und ungleich besser geschmeckt als hier im Europa-Center. Vielleicht hat er auch nach Tabaluga den Verstand verloren. Oder, in dubio pro reo, er hat die Ming Dynastie Jannowitzbrücke statt am Kurfürstendamm besucht und dort ist alles anders.

Vielleicht haben wir die kryptischen Worte unserer Botschaftsangestellten auch komplett falsch verstanden. Das Restaurant Ming Dynastie gegenüber der Botschaft bekommt jedenfalls auch nächste Woche noch eine Chance von uns. Denn Peter Maffay ist ja auch nicht irgendwer.

Bewertung: 2 von 5 Punkten!

Ming Dynastie West Berlin, Tauentzienstraße 9–12, 10789 Berlin, täglich 12 bis 22 Uhr.

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