Bleibt mir weg mit eurer Kürbissuppe: Warum ich Kürbisse nicht mehr sehen kann

Jeden Herbst ist es das Gleiche: Alles ruft zum „lustigen“ Grimassenschnitzen und ständig wird einem Kürbissuppe vorgesetzt. Schluss damit!

Nicht lustig: Wenn Kürbisse ein Gesicht bekommen, ist der Spaß vorbei.
Nicht lustig: Wenn Kürbisse ein Gesicht bekommen, ist der Spaß vorbei.dpa

Die Kürbisprosa kennt, besonders in einschlägigen Food- und Lifestyle-Magazinen sowie unter Veggie-Influencer:innen, keine schwärmerischen Grenzen. Wer den Kürbis bisher unterschätzt habe, der werde sein orangefarbenes Wunder erleben, heißt es da. Man dichtet den Kürbis zum Superfood hoch, verweist auf viele Vitamine und wenig Kalorien, aber auch auf seine Wirksamkeit als Entzündungshemmer. Es folgen die unvermeidlichen „zehn besten Kürbisrezepte: So haben Sie das Superfood noch nie gegessen!“

Unter den Hashtags #pumpkin, #pumpkinrecipes und #pumpkinsoup sammeln sich hunderttausende Instagram-Beiträge. Die Trendsetterin Cathy Hummels posierte kürzlich mit zwei breitrunden Hokkaido-Kürbissen oben ohne in der Küche, als würde sich sogleich auf dem Herd eine Geschmacksexplosion ereignen, ein sexy Ereignis, ein amouröses Abenteuer.

Natürlich ist das alles gelogen und führt komplett in die Irre. Niemand, der je im Herbst durch die Lande gefahren und vor wirklich jedem Bauernhaus, jeder Scheune, jedem Hofladen Kürbisdeko mit frechen Grinsegesichtern gesehen hat, käme auf die Idee, den Kürbis für unterschätzt zu halten. Das Gegenteil ist der Fall: Die vom Schweinefutter zum Gourmet-Food aufgestiegene Frucht ist überbewertet und omnipräsent.

Auf einem bekannten Erlebnishof im Süden von Berlin türmen sich gerade über 100.000 Kürbisse bis unter den märkischen Himmel. Landauf, landab gibt es Wiegemeisterschaften mit ekligem Riesengemüse. Superfood? Bei einem 600-Kilo-Exemplar kann einem der Appetit gänzlich vergehen! Entzündungshemmer? Da gibt’s doch bestimmt was von Ratiopharm! Vitamine? Dafür können Sie genauso gut in einen Apfel beißen oder Kartoffeln essen. Kartoffeln enthalten haufenweise Vitamine! B1, B2 und C – da können Sie Ihr gelbes Wunder erleben!

Bis es in den Augen brennt: Kürbisfolklore auf dem Spargelhof in Klaistow (Potsdam-Mittelmark).
Bis es in den Augen brennt: Kürbisfolklore auf dem Spargelhof in Klaistow (Potsdam-Mittelmark).Imago

Von den „zehn besten Kürbisrezepten“ kennen die meisten Leute ohnehin nur eines, und das wird dann gekocht, bis es allen zu den Ohren rauskommt. Was in den Neunzigern das Chili con Carne war, ist heute die Kürbissuppe. Ein unvermeidlicher Party- und WG-Hit, ein Ausweis, dass man ja „richtig gut“ kochen könne. Kürbissuppe schmeckt ganz toll, man muss sie nur zuzubereiten wissen, höre ich schon die Food-Influencer flöten. Dann kippen sie haufenweise Curry, Orangensaft, Ingwer, Gemüsebrühe und Kokosmilch in den Topf, damit die pürierte Pampe überhaupt irgendeinen Geschmack annimmt. Am Ende schmeckt sie immer gleich. 

Bald ist wieder Halloween, das dämlichste Fest des Jahres

Doch der Kürbiswahnsinn endet nicht an der Hofladentüre oder am Suppentopf. Wer was auf sich hält, der greift jetzt zu Löffel, Messer und Textmarker und schnitzt lustige Gruselgrimassen in den Kürbis. Schließlich ist bald Halloween, das dämlichste Fest des Jahres, und außerdem will man es sich doch zu Hause „schön machen“, jetzt wo die Tage kürzer werden. Auch viele Kitas rufen alljährlich zum Schnitzen auf und man fühlt sich schlecht, wenn man die Fratzengalerie nicht mit einem besonders kunstvollen Gebilde versieht.

Also schnitzt man sich die Finger blutig, flucht über die harte Schale und über an den falschen Stellen herausbrechende Zahnlücken, erniedrigt sich mit dem Anschauen von YouTube-Tutorials für „kinderleichtes Kürbisschnitzen“. Und wofür das Ganze? Spätestens nach ein paar Tagen und dem ersten Regenguss fällt auch das spektakulärste Gruselgesicht in sich zusammen und übrig bleibt eine feuchte, schimmlige Schrumpelmasse, in der ein Teelicht müde flackert.

Wird Zeit, dass der Spuk vorbei ist. Ich jedenfalls plädiere dafür, wirklich unterschätztem Obst und Gemüse eine Chance zu geben. Wo bleiben die Schwarzwurzel-Influencer? Wo die hammermäßigen Quitten-Rezepte? Das wäre doch mal was. Kürbissuppe, das kann doch nun wirklich jeder.