Café Pala: Griechische Utopie am Neuköllner Hermannplatz

Im Hof des Parkhauses von Karstadt am Hermannplatz befindet sich eine Oase, die einen so manche Trübnis vergessen lässt. Und kann man dort auch noch gut essen.

Grüne Insel im grauen Neukölln: das Café Pala im Parkhaus-Hof des Kaufhauses Karstadt am Hermannplatz. Hier ein Bild aus dem vergangenen Sommer. 
Grüne Insel im grauen Neukölln: das Café Pala im Parkhaus-Hof des Kaufhauses Karstadt am Hermannplatz. Hier ein Bild aus dem vergangenen Sommer. Stavros Katsivas / Pala Cafe

Das, was einmal das größte und modernste Warenhaus Europas war, ist heute eine triste Angelegenheit. Ich spreche von Karstadt am Hermannplatz, das nun Galeria heißt und der Signa Holding GmbH gehört. Gut, vom einst bedeutendsten Bau der Frühmoderne war nach dem Krieg nicht mehr viel übrig. Der größte Teil wurde in den 50ern und 70ern mit viel Beton wieder aufgebaut und sieht heute trotz etlicher Renovierungen trostloser aus als je zuvor.

Ich war lange nicht mehr hier und will mich eigentlich nur wegbeamen: Nach Griechenland, an einen Tisch unterm Olivenbaum. Zu warmen, sonnigen Aromen von Zitrusfrüchten, zu mit Kräutern und Reis gefüllter Paprika. Derartige Assoziationen könnten an diesem Ort eigentlich nicht ferner sein. Und doch – es ist wirklich kaum zu glauben – existiert so eine kleine griechische Insel mitten in diesem Kaufhauskomplex: Im Innenhof, in dem eine Neuköllner Sozialgenossenschaft einen Ort namens Pala geschaffen hat.

Utopie am Hermannplatz

Pala heißt auch die fiktive Insel aus Aldous Huxleys letztem Roman „Eiland“. Sie ist das Gegenstück zu Huxleys weltberühmtem Klassiker „Schöne Neue Welt“, diesem düsteren, kalten Gesellschaftsentwurf, der oft mit George Orwells „1984“ verglichen wird.

Einer ebensolchen Utopie folgt das Pala am Hermannplatz. Seit dem Frühjahr 2021 hat die Sozialgenossenschaft neben einer Fahrradwerkstatt im Innenhof auch ein wunderbares griechisches Café eröffnet: Eine Oase in einem lichtdurchfluteten Container, außen herum mit einem Holzdeck umbaut und Olivenbäumchen und Gräsern umstellt.

Innen ist das Café Pala mit Holzboden und Teppichen ausgestattet. Man sitzt auf DIY-Bänken an DIY-Tischen und muss achtgeben, dass sich die vielen Pflanzenschlingen nicht in den Haaren verfangen. Von der Makramee-Blumenampel übers Häkeldeckchen als Tassenuntersatz bis hin zum Walnuss-Honig-Cheesecake ist hier als selbst gemacht.

In Huxleys Roman erinnern sich die Menschen gegenseitig mit einem täglichen Begrüßungsritual an die verkümmerten Werte Mitgefühl und Achtsamkeit – dieser Geist scheint auch im Café Pala zu herrschen. Hier ist alles freundlich und zugewandt. Die Betonfassade, das hässliche Parkdeck, die Autos im Hof verschwinden hier einfach, überdeckt von Pflanzen, Wärme und Herzlichkeit.

Ich bestelle am Tresen, hinter dem zwei Freunde jener Frau arbeiten, die das Pala gegründet hat, wie sie mir auf englisch erzählen. Nina Raftopoulo heißt sie. Sie ist Projektleiterin bei der Karuna Sozialgenossenschaft, welche die Hoffläche von der Signa Holding anmietet und die auch eine Straßenzeitung für junge Menschen in Not herausgibt, den Karuna Kompass.

Den gibt es hier zu kaufen und natürlich auch die übliche Auswahl an Getränken, vom Espresso über Cappuccino bis zum Flat White, sowie verschiedene Teesorten und frisch gepresste Säfte. Nicht ganz so gewöhnlich ist die Auswahl an griechischen Frühstücks- und Mittagsgerichten, alle vegetarisch. Greek Brunch nennen sie es hier, weil das Pala Café täglich außer Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet ist.

Kuluri Fava mit gerösteten Kirschtomaten. 
Kuluri Fava mit gerösteten Kirschtomaten. Stavros Katsivas / Pala Cafe

Liebevolle Details

Damit die Erwartungen in die richtige Richtung gehen: Alle Speisen werden hier mit viel Liebe gemacht. In der kleinen Küche stehen jedoch keine Köche, sondern gute, engagierte Menschen, die inzwischen wissen, wie man ein Favabohnenmus zubereitet, beim Kreuzberger Trendbäcker La Maison eingekauftes Sauerteigbrot mit ebenso gut eingekauftem Feta und Avocados belegt und das Ei dazu nicht gerinnen lässt.

Der griechische Joghurt ist eine gute Wahl zu Beginn: dicker, fetthaltiger Joghurt, mit Honig beträufelt und mit Walnüssen, Blaubeeren und Bananen zum stärkenden Start in den Tag gedacht.

Die Details auf den jeweiligen Tellern sind dabei so liebevoll wie die bei der Einrichtung. Etwa werden die Sauerteigbrotscheiben, die zur gefüllten Tomate und Paprika serviert werden, zuvor in Olivenöl angeröstet und noch warm mit Oregano und Meersalz serviert. Gemista heißt das Gericht, das in Griechenland in fast jeder Taverne des Landes angeboten wird und übersetzt beschreibt, was gemacht wird: „gefüllt“.

In zuvor ausgehöhlte Tomaten und Paprika werden das entfernte Fruchtfleisch und glasig angeschwitzte Zwiebeln zusammen mit Reis und Kräutern gefüllt und dann gebacken. Im Pala ist die Füllung leider etwas zu trocken geraten, auch muss ich nachsalzen. Ich mag jedoch den süßen Ton von mitgeschmorten Rosinen, wohl auch etwas Zucker, und die sommerlichen Noten von Majoran.

Perfektes Paar: Griechischer Joghurt und Auberginen.
Perfektes Paar: Griechischer Joghurt und Auberginen.Stavros Katsivas / Pala Cafe

Der Salat am Teller ist mit den Mittelmeeraromen abgestimmt. Es ist eine abgespeckte Version eines Griechischen Salats: Grüne Blätter und Gurke, die mit einer Scheibe von ölbeträufeltem Feta, Zitrone, Salz, Pfeffer und getrocknetem Oregano gewürzt und angerichtet sind.

Als nächstes probiere ich Spanakopita, das dem türkischen Börek mit Spinat ähnelt und im Grunde in den meisten Mittelmeeranrainern vom Balkan über Griechenland bis in den Libanon in der einen oder anderen Form existiert. Das sehr großzügig bemessene Stück Spinatkuchen ist hier maximal knusprig. Sein Boden und Deckel bestehen aus Filoteig, der noch etwas dünner als Blätterteig ist. Jedes Blättchen wird einzeln mit einer Milch- Öl-Mischung bepinselt und aufeinander geschichtet, bevor man in der Mitte eine Spinat-Ricotta-Fetakäse-Mischung verteilt. Dadurch wirkt das Spanakopita trotz seines Fettgehalts luftig und leicht, neben den typischen Kräutern fehlen auch Knoblauch und schwarzer Sesam nicht.

Spätestens jetzt ist mein trauriger Kaufhausbesuch nur noch eine ferne Erinnerung. Eigentlich wollte ich noch den Walnusskuchen probieren, aber ich bin voll. Im Frühjahr komme ich sicher wieder, dann um auf der Terrasse oder dem begrünten Dach des Containers zu sitzen. Ich habe gelesen: Zur warmen Jahreszeit gab es dort regelmäßig Yogasessions, manchmal auch Livemusik und Stand-Up-Comedy. Wer sagt denn, dass eine Utopie nicht wahr werden kann?


Brunchgerichte 7–12 Euro, Kaffee-/Teespezialitäten 2,50–4,50 Euro, Kuchen 4,20 Euro

Café Pala. Hasenheide 4–5 im Parkhaus-Innenhof, 10967 Berlin. Mo–Sa 11–18 Uhr, https://pala-berlin.depalacafe.berlin@gmail.com