Wir Deutschen lieben Lachs. Klar, denn Lachs ist gesund. Er enthält viel Protein und, zum Beispiel, viele gesundheitsfördernde Omega-3-Fettsäuren. Und kein anderer Fisch ist so einfach zuzubereiten wie eine schöne rosafarbene Lachstranche. Ob nun frisch vom Fischhändler oder als Tiefkühlware von Lidl oder Aldi: Man kann Lachs braten, in Alufolie dämpfen oder roh essen. Je nach kulinarischem Anspruch ist das Ganze entweder kinderleicht oder etwas anspruchsvoller, aber wirklich versemmeln kann man die Zubereitung nicht.

Schließlich hat Lachs einen so hohen Fettanteil, dass er erst sehr spät wirklich zäh wird. Und das Beste: Lachs ist verhältnismäßig bis sehr billig, fast jeder kann ihn sich leisten. Wer mehr zahlen will, kauft Wildlachs. Wer weniger ausgeben will, kann sich eine Scheibe Zuchtlachs aus Norwegens Fjorden gönnen inklusive der Vorstellung unberührter Natur. Lachs ist also kein Luxus, sondern pure Mittelklasse. Und Mittelklasse lieben wir sparsamen Deutschen ja schließlich. Das belegen auch die Zahlen: Laut des Fischinformationszentrums kaufen die Deutschen ihren Fisch zu 48 Prozent beim Discounter, zu 40 Prozent im Supermarkt und nur zu fünf Prozent beim Fischfachhändler.

Es sind auch diese Eigenschaften, die den Atlantischen Lachs, so heißt der Fisch, um den es hier geht, zoologisch, zum beliebtesten Speisefisch der Deutschen machen. Unter allen Arten, die in Deutschland verzehrt werden, war der Lachs mit einem Marktanteil von 18,8 Prozent zuletzt unangefochtener Spitzenreiter. Ein Champion, den laut einer Umfrage von MSC 30 Prozent der Befragten in Deutschland als ihren absoluten „Lieblingsfisch“ angeben.

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Eine Lachszucht vor atemberaubender Natur: Der Tod lauert unter Wasser.

Lachs liegt neben Dorade, Wolfsbarsch in der Auslage

Unsere Großeltern kannten einen solchen Überfluss noch gar nicht. Vor hundert Jahren war der Konsum von Lachs noch völlig unüblich in Deutschland. Dass auf jedem Markt in ganz Europa – übrigens auch an der spanischen Küste – selbstverständlich Lachsfilet neben Dorade und Wolfsbarsch in der Auslage liegt, ist eine ziemlich neue Entwicklung. Der Rhein – in dem es heute eigentlich gar keine Lachse mehr gibt – galt zwar vor Hunderten Jahren als lachsreichster Fluss Europas, aber unsere Großeltern aßen Karpfen, in der Alpenregion Forelle, Stichlinge und andere Süßwasserfische. Meistens gab es gar keinen Fisch, höchstens mal an Feiertagen. Fisch war früher (Fleisch übrigens auch) ein absolutes Luxusprodukt.

Wenn man heute den Suchbegriff Lachs bei Google eingibt und auf „News“ klickt, dann bekommt man ein ganz gutes Bild davon, dass sich das vollkommen geändert hat. Die Mehrzahl der Einträge sind Rezeptvorschläge von Bild der Frau, dem Low-Budget-Portal Chefkoch oder Essen & Trinken. Meist werden dafür nur industriell verarbeitete Lachsfilettranchen benötigt, keine ganzen Fische. Es sind günstige Rezepte in prallen Farben, die gesund aussehen. Und für die man nicht zum Bioladen oder ins Feinkostgeschäft laufen muss, sondern nur zum Netto oder Penny-Markt.

Dass solch ein Trend seine bösen Schattenseiten hat, ist spätestens seit ein paar Jahren bewiesen. Es gibt Dokumentationen darüber, welch verheerende Auswirkungen die Massentierhaltung generell auf Umwelt und Klima hat. Die Berichte über die Machenschaften in den Schlachthäusern von Clemens Tönnies, begaste Schweine in Aufzügen, rumänische Vertragsarbeiter, die jährlich mehr als 50 Millionen Mastschweine im Akkord am Fließband schlachten und zerlegen, all das hat dazu geführt, dass von 1999 bis 2020 unser Pro-Kopf-Verbrauch von Schweinefleisch von 55 auf 45 Kilogramm gesunken ist, auch wenn mehr in Deutschland geschlachtete Schweine im Ausland gegessen werden. Die Deutschen aber haben sich auf den Weg gemacht, Schweinefleisch langsam vom Teller zu verbannen. Der Grund: Wir ekeln uns immer mehr.

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Keine Idylle, sondern seelenlose Fließbandarbeit. 1,4 Millionen Tonnen Zuchtlachs stammen allein aus norwegischen Gewässern.

Die Deutschen kaufen bei Lidl, Penny, Aldi und Netto ein

„Bravo“, könnte man sagen, allerdings langen wir beim Lachs immer mehr zu. Innerhalb von nur zehn Jahren stieg der Konsum bundesweit um 25 Prozent. Insgesamt essen wir inzwischen jährlich knapp 15 Kilogramm Fisch. Laut der FAO sind es weltweit mit 20,5 Kilogramm durchschnittlich zwar noch mehr, aber beides ist eine enorme Menge im Vergleich zum durchschnittlichen Fischkonsum von neun Kilogramm von 1961. Auch weil damals drei statt heute 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt lebten. Können so viele Fischesser den Planeten zerstören?

Solche Zahlen lassen niemanden kalt, dafür muss man kein Mathematiker sein. Zwar gibt es ähnliche kritische Berichte wie zur Schweinemast auch über die Lachszucht, aber trotzdem scheint das die Gier nicht zu stoppen. Googelt man nun „Schweinefleisch“ statt „Lachs“, erhält man eben kaum Rezeptvorschläge, sondern fast nur kritische Artikel über Haltungsbedingungen als Suchergebnisse.

Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass sich die Lachszucht – aus der der Großteil der Fische stammt, die wir essen – unterhalb der Meeresoberfläche abspielt. In eine Schweinemastanlage kann man eine Kamera einschleusen, aber ob in einer Lachszucht alles mit rechten Dingen zugeht, es den Fischen gut geht und ob das den Planeten zerstört, kann man schwer dokumentieren. Auch weil das marine Ökosystem so komplex ist. Und: Zuchtfisch hat immer noch einen moralischen Bonuspunkt in unseren Köpfen, schließlich werden dafür keine Meere überfischt, oder?

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Alle lieben Lachs: auch der britische Premier Boris Johnson.

Die Norweger haben modernen Zuchtlachs erfunden

Dabei ist die moderne Lachszucht, wie sie die Norweger erfunden haben und weltweit immer profitabler betreiben, eine schmutzige und mindestens genauso eklige Angelegenheit für die Natur und das Klima, ähnlich schlimm also wie die Schweinemast in Rheda-Wiedenbrück.

Aber der Reihe nach: Seit den 1950er-Jahren hat der Fischfang sich weltweit revolutioniert. Mit einer imposanten Geschwindigkeit hatten wir seitdem Jahr für Jahr mehr Fisch aus den Weltmeeren geholt und dabei rücksichtslos einige Fischbestände nahezu vernichtet. Vorbei war es lange mit dem romantischen Fischfang und den kleinen bunten Fischerbooten, die morgens aus einem kleinen Mittelmeerhafen auslaufen.

Schnell drehte sich alles um Fangquoten, Hoheitsgewässer und die Sicherung von Fischbeständen, um den Schutz diverser Industrien und den Erhalt des Ökosystems Meer. Und natürlich ums große Geld, denn in Europa und den USA herrschte natürlich konstantes Wirtschaftswachstum und immer mehr Menschen konnten sich Fleisch, Fisch, ein Reihenhaus und ein Auto leisten. Und so bleiben für unseren Fischappetit gewaltige Trawler heute monatelang auf hoher See. So weit draußen, dass sie kein Staat wirklich kontrollieren kann.

Die Meere sind leer gefischt

In den Bäuchen der Stahlkolosse wird alles industriell verarbeitet. Akkurat wird alles blut- und grätenfrei für den Einzelhandel präpariert. Diese enormen Stahl-Viecher sind im Grunde genommen gigantische Vernichtungsmaschinen, die so penibel wie möglich die Meere leer fischen, weit ab vom „echten Leben“. Die Folge war eine gnadenlose Überfischung der Meere, die bis heute anhält. Die EU und andere Länder versuchen zwar mit Schutzzonen und Fangquoten diese Entwicklung ökologisch abzufedern, aber dass das nicht reichen würde, war schon vor Jahrzehnten klar. Was also tun?

Zum Glück gab es in den 80er-Jahren ein paar „weiße Ritter“, Menschen und Unternehmen, die sich den entscheidenden Thematiken anzunehmen schienen. Womit wir zurück zum Lachs kommen. Um unseren Hunger zu stillen, entstand nämlich in den vergangenen Jahren eine Milliardenindustrie, die Fisch produzierte und zumindest auf dem Papier die weltweiten Fischbestände schonte. Die Pioniere dieser Aquakultur, die Norweger, bauten die ersten Fischfarmen in die Fjorde und belieferten fortan die ganze Welt mit dem rosa Fisch.

Heute ist die Lachszucht die zweitgrößte Exportindustrie des Landes. Nach der Mineralölindustrie. Das Land hat sogar eine staatliche Aquakulturstrategie. Mowi, der größte Lachsproduzent der Welt, macht heute rund 4,3 Milliarden Euro Umsatz jährlich und hat sich allein in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdoppelt. Der Aktienkurs von Mowi vervierfachte sich allein seit 2015. Tendenz steigend.

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Wie gut geht es den Fischen? Viel Platz haben die Lachse jedenfalls nicht.

Lachszucht in Norwegen ist wie Tönnies’ Schweinezucht

Die Lachszucht ist also eine gewaltige Maschinerie und man darf zu Recht – wie bei Tönnies’ Schweineimperium – fragen, ob alles in Ordnung ist, zumal die Norweger in Klima- und Naturschutzfragen ja eigentlich als größte Blender Europas gelten. Schöne Landschaften, Fjorde und der höchste Anteil von Elektroautos pro Kopf und alles wird aus den Einnahmen des Abbaus fossiler Brennstoffe und aus der Lachszucht finanziert, während wir beim Namen Norwegen erst an Holmenkollen, Rentiere und Mette-Marit denken. So geht gute PR.

Zuchtfisch gibt es mittlerweile europaweit. Ob es nun Wolfsbarsch ist, Steinbutt oder eben Lachs, spielt kaum mehr eine Rolle. Einige Arten wollen sich nicht bändigen lassen, aber quasi alles Meeresgetier findet inzwischen aus industriellen Farmen seinen Weg auf unsere Teller. Geschmacklose Garnelen, vollgepumpt mit Medikamenten, und eben auch der Lachs. Dieser wird in gewaltigen Anlagen weltweit gezüchtet. In Norwegen. Chile. Nordamerika. Und fast immer, nicht nur beim Lachs, sind die Norweger federführend.

Norwegen ist weltweit der größte Lachs-Produzent. 90 Prozent des Lachses in Deutschland kommt von norwegischen Unternehmen. Es gibt bereits über 1000 Farmen allein in Norwegen. Die Fische werden dort in gewaltigen Brutstationen gezüchtet. Das Ganze sieht aus wie eine Mischung aus Hightech und Science-Fiction. Die angebrüteten Eier kommen übrigens aus Deutschland oder England, zwei Firmen aus diesen Ländern kontrollieren quasi den weltweiten Genpool von Zuchtlachs. Und da fangen die Probleme schon an, denn die Fische entkommen regelmäßig aus den Farmen und pflanzen sich mit ihren wilden Verwandten fort. Diese Mischlinge sind dann weniger gerüstet, um die harten Herausforderungen der Natur zu meistern.

Lachszucht: Schlecht für die Natur, schlecht fürs Klima

Und sie gefährden die natürliche Biodiversität. Doch noch mehr Gefahr geht von den gewaltigen Zuchtanlagen selbst aus. Die auf engen Raum zusammengepferchten Lachse sind Quell vielerlei Krankheiten und Parasiten, welche durch die enormen Ausscheidungen das komplizierte Ökosystem der malerischen Flussläufe verpesten.

Natürliche Lachse verbinden marine Systeme mit dem Festland. Sie werden am Oberlauf von Flüssen geboren, leben den Großteil ihres Lebens im Meer und kommen dann zur Fortpflanzung zurück in ihre Heimatflüsse. Dort dienen sie als Futter für wilde Tiere. Nach der Fortpflanzung dienen ihre Kadaver (die Tiere sterben nach den Strapazen) als Quelle von vielen Mineralstoffen, die sie aus dem Meer fast direkt auf das Festland transportieren.

Allein dieses System gefährdet die Farmen, das ist sogar wissenschaftlich bewiesen. Die wilden Lachse müssen auf ihrer Reise an Unmengen von Farmen vorbei. Diese verpesten das Wasser dermaßen, dass wilde Lachse bereits weltweit bedroht sind. Vor allem die Lachslaus, der gefährlichste Parasit der Fische, vermehrt sich in den riesigen Wadennetzen der Farmen und tötet die wilden Lachse und sorgt dafür, dass die Flüsse inzwischen wie leer gefegt sind. Und die Wenigsten scheint dies zu interessieren. Dabei sorgt die abgestorbene Biomasse der Farmen für eine Art Todeszone in den Flüssen, dort gibt es dann keine Nahrung mehr für die wilden Lachse und es wimmelt nur so von Parasiten und Krankheitserregern. Zuchtlachse übertragen so viele Krankheitserreger und Parasiten, dass man sie polemisch als Ratten der Meere bezeichnen kann.

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Fischfutter: Zwar weniger Fischmehl, dafür mehr vegetarische Bestandteile. Und das ist nicht nur gut.

Farbstoff, Chemie und andere Substanzen: Lachs ist belastet

Die Unternehmen begegnen diesem Problem meist einfach mit viel Chemie. Teilweise mit Produkten, die auf dem Land bereits verboten sind. Etwa wird dem Futter das schädliche Pflanzenschutzmittel Ethoxyquin beigemischt, um es haltbarer zu machen. Inzwischen wird dieses für den Ackerbau verbotene und als krebserregend geltende Gift im Fleisch vieler Fische in hohen Konzentrationen gefunden. Die Behörden allerdings tun wenig bis gar nichts dagegen. Auch weil die Forschung zum Thema Lachszucht meist von den Betreibergesellschaften selbst finanziert wird.

Und auch sonst wird viel getrickst und viel Greenwashing betrieben. Zuchtlachse wachsen um ein Vielfaches schneller als ihre wilden Artgenossen. Das führt zu einer ganz anderen Zusammensetzung der wichtigen Inhaltsstoffe des Fleisches. So wäre die Farbe des Fleisches eines Zuchtlachses ohne die Zugabe von Farbstoff grau bis weiß. Warum? Weil das rote Fleisch daher kommt, dass sich Lachse in der Natur von Krebstierchen ernähren, was ihr Fleisch dann rötlich werden lässt.

In den Farmen wird den Tieren ganz stumpf ein Färbemittel zugesetzt. Es wird also nicht nur ganz einfach eine vollkommen unnatürliche Ernährung benutzt, sondern gleich noch künstlich gefärbt, um uns vorzumachen, wir essen gesunden Lachs aus einer sauberen europäischen Landschaft. All die Chemikalien, Färbe- und Futtermittel werden einfach in die natürlichen Gewässer gepumpt. Und auch nahe gelegene riesige Fischverarbeitungsbetriebe pumpen ihren Abfall und vor allem das Blut vom Schlachten direkt in unsere natürlichen Flussläufe. Ein absoluter Horror, ein echtes Armageddon. Auch weil wir gar nicht so genau wissen, was ökologisch deswegen unter Wasser passiert und welche Organismen noch darunter leiden.

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Alles nur Farbstoff: Bei der Lachszucht wird getrickst, was das Zeug hält. Die Norweger sind ganz schlimme Finger.

Omega-3-Gehalt sinkt, Lachs wird immer ungesünder

Und dass der Verzehr von Lachs aus Aquakultur die Überfischung unserer Meere schont, ist natürlich ein Irrglaube, den Marketing und PR über Jahre in unseren Köpfen hinterlassen haben. Denn: Lachse sind Raubfische. Das heißt: Sie ernähren sich von anderen Fischen und Tieren. Und so werden dem Futter Fischmehl und -öl beigemischt. Jetzt werden Sie einwenden, dass sich das doch verbessert hat und man weniger der tierischen Bestandteile verfüttert. Und ja, es stimmt: Fischmehl und -öl kommen nur noch auf durchschnittlich 21 Prozent oder weniger Futteranteil.

Das Problem ist nur: Der Speisefisch wird seiner Haupteigenschaft beraubt, nämlich der Omega-3-Fettsäure. Denn je weniger tierische Bestandteile im Futter, desto weniger der gesunden Öle enthalten die vegetarisch aufgezogenen Fische. Das Pflanzenmaterial im Fischfutter enthält dann mehr Omega-6-Fettsäuren. Von denen nehmen Menschen aber sowieso schon sehr viel auf. Zu viel Omega-6 und zu wenig Omega-3 im Fisch ist ungesund, auch da das die positive Wirkung von Omega-3 blockiert.

Und vegetarisches Futter hat noch andere Probleme: Denn das Fett verdirbt schneller. Es oxidiert und das ist auch wieder ungesund. Um das zu verhindern, wird das Futter der Lachse mit Antioxidantien haltbar gemacht. Eins davon ist das oben beschriebene Ethoxyquin. Auf der Zutatenliste oder auf der Verpackung taucht die Chemikalie nicht auf. Auch erfährt der Kunde natürlich nichts. Alles also eine ganz schöne Mogelpackung.

Moderner Zuchtlachs ist eine Mogelpackung und Greenwashing

Wir Konsumenten bekommen aber letztlich wunderbar portionierten und hygienisch verarbeiteten Lachs. Ein küchenfertiges Produkt, das sich nahezu jeder leisten kann. Vom Entstehungsprozess bekommen wir also denkbar wenig mit. Eindeutig werden hier wieder ökonomische Aspekte über alles andere gestellt. Und wie sieht es dann mit der ökologischen und klimatechnischen Bilanz aus, wenn man alle Aspekte in die Gleichung einrechnen würde?

Vielleicht würde das Ergebnis der Rechnung so schlecht ausfallen, dass man den Konsum nicht rechtfertigen und mit dem Flug mit einem Privatjet vergleichen könnte. Denn ähnlich wie für die Aufzucht wirklich klimaschädlicher Rinder wird jetzt für die Aufzucht von Lachs auch Soja, Sorghum und anderes Getreide aus Südamerika herangekarrt, für dessen Anbau zum Teil tropischer Regenwald gerodet werden muss. Der Klimakiller Nummer eins.

Eine schwedische NGO errechnete, dass allein für die Luftfracht von Lachs in die vier wichtigsten asiatischen Exportländer ein Klimagasausstoß zwischen 5,3 und 6,3 Kilogramm CO₂ pro einem Kilo Lachs entsteht. Das ist summiert so viel Klimagasausstoß, wie eine Million Benzin-Pkw im gleichen Zeitraum ausstoßen.

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Er darf noch das Original genießen: Wir müssen uns mit der Mogelpackung begnügen.

In der Zukunft: Aquakultur schlägt Fischfang

Puh, da geht es also schon los. Das Schöne ist nur, und das spielt den Norwegern in die Karten, der Mensch ist ein Verdrängungskünstler. Jeder von uns kennt schließlich den bekloppten Öko-Nachbarn, der einen anschnauzt, dass Auto stehen zu lassen, um dann mit dem Charterflieger dreimal im Jahr zum Yoga-Retreat nach Bali zu fliegen. Die Zahlen jedenfalls stehen auf Wachstum: 2009 wurden weltweit mit einem Marktanteil von 45 Prozent insgesamt 55 Millionen Tonnen Fisch aus Aquakultur produziert, 2030 werden es schon knapp 94 Millionen Tonnen sein (62 Prozent).

In den vergangenen Jahren ist der Konsum von Lachs in Deutschland noch angestiegen, obwohl wir nicht mehr Fisch essen. Wir substituieren also innerhalb der „Produktkategorie Fisch“, wie es im Einzelhandel heißt. Und das ist auch logisch, denn das Angebot macht, zumindest teilweise, der Handel. Zwar treffen im Supermarkt Nachfrage und Angebot zusammen und die Regale offerieren, was wir verlangen.

Dennoch werden wir Konsumenten häufiger, als wir es wahrhaben wollen, durch Aktionen und Billigangebote und schlicht und ergreifend einen „unschlagbaren Preis“ verleitet. Dahinter stehen oft ein geschickter (günstiger) Einkauf oder einfach ein Überangebot auf dem Markt, was große Handelshäuser und Erzeuger irgendwie loswerden, also zu Geld machen wollen. Schön verpackt, gut vermarktet oder günstig angeboten, bekommen wir das „Angebot“ dann serviert und fallen auch noch darauf herein. Eigentlich doch erbärmlich!

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Echter wilder Atlantischer Wildlachs wird aussterben, wenn kein Umdenken eintritt.

Der totalitäre Anspruch der Klimaschützer ist keine Lösung

Die Fischzüchter wissen alle um diese Probleme, die ihr Wirtschaftszweig mit sich bringt, und setzen inzwischen teilweise auf geschlossene Systeme oder Offshore-Anlagen weit draußen im Meer. In Norwegen hat etwa gerade die weltgrößte dieser Offshore-Anlagen ihren Betrieb aufgenommen. Dort werden 1,5 Millionen Lachse aufgezogen. Und auch geschlossene Kreislaufanlagen werden immer beliebter.

Die Ausscheidungen der Tiere sollen so nicht mehr in den Flussmündungen Schaden anrichten, sondern etwa in Biogasanlagen Strom erzeugen. Nur ist die Branche noch jung und viele Effekte sind unerforscht, ob sie weiter für stabiles Angebot für die weltweit steigende Nachfrage sorgen kann, ist noch nicht sicher. Auch weil die Kosten für den Betrieb solcher Anlagen bisher noch viel höher sind.

Und was jetzt? Hilft uns nur noch der Verzicht auf Fisch generell? Die Einschränkung? Oder werden sich in ein paar Jahren wieder – wie vor 100 Jahren – nur die ganz Reichen Fisch, Fleisch und ein Auto (dann einen Tesla) leisten können? Das würde viele unserer gesellschaftlichen Errungenschaften, deren Grundstein im Wirtschaftswunder gelegt wurden, zerstören. Denn dass alle alles essen können und es sich leisten können, ist pure Demokratisierung der Massen. Denn prall gefüllte Kaufhäuser und Versandhandelskataloge sorgten auch für ein Zusammenwachsen der Massen in unserer Gesellschaft. Der Arbeiter und der Unternehmer, alle konnten sich ein Auto und den Braten leisten, alles boomte.

Die Generation Z: Die neuen Feudalherren

Das, was wir heute als „Convenience-Fraß“ abtun, war damals eine Errungenschaft. Eine ganze Generation sieht das heute noch so und blickt mit lauter Unverständnis auf die Generation Z, die ihnen alles verbieten will. Naturschutz ist toll, das finden auch die „Alten“, aber was ist falsch an vollen Kühlschränken und billigen Lebensmitteln? Warum sind Unternehmer wie die Norweger oder Tönnies auf einmal die Buhmänner, deren unternehmerische Entscheidungen vor 15 Jahren von Politikern und Wissenschaftlern noch als innovativ betrachtet wurden? Sie haben Lebensmittel doch bezahlbar gemacht, sorgten für sozialen Aufstieg, waren Vorbilder?

Dass ein Umdenken notwendig ist, das liegt auf der Hand. Angela Merkel forderte ja selbst ein Jahrzehnt der Nachhaltigkeit, als Akt der Generationengerechtigkeit. Und das ist vollkommen richtig, denn bei all dem Wohlstand, der erwirtschaftet wurde, haben wir viele Faktoren übersehen. Unsere satte Gesellschaft hat damit angefangen, sich dieser Thematiken endlich anzunehmen. Und es muss dringend eine Debatte stattfinden, wie wir leben möchten und können. Leben wir so obszön weiter, wird unsere Gesellschaft zusammenbrechen. Wohlstand muss schon erwirtschaftet werden, aber eben nicht um jeden Preis. Wir sägen quasi an dem Ast, auf dem wir sitzen. Langfristig wird es der Baum, in diesem Fall also unsere Erde, überleben. Aber wir werden abstürzen.

Die junge, wohlhabende, urbane Bevölkerung Berlins, die in Deutschland die Hoheit über die Klimadebatte hat, will uns einen totalitären Verzicht oder die Rückbesinnung auf echte, nachhaltige Produkte predigen. Aber wer soll sich den Wildlachs aus Schottland, das Demeter-Ei vom Bauern oder perfekt gereiften Parmesan leisten? Die Forderungen einiger Politiker bezüglich unserer Ernährung werden in der breiten Masse aufgenommen, wie Marie-Antoinettes Forderung, das Volk solle doch Brioche essen, wenn es nicht genug Brot gibt.

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Zurück zu den Wurzeln? Wir sind inzwischen so viele Menschen auf der Erde, die wilden Lachsbestände reichen nicht aus, uns alle zu ernähren.

Es wird schlimmer als vor 100 Jahren

Fischfang und Lachszucht könnten wir einfach verbieten, dann erholten sich die natürlichen Bestände bestimmt zügig. Jedoch wäre Lachs dann wieder ein Luxusprodukt und nur den Schönen und Reichen der Forbes-Liste vorbehalten. Denn die wilden Bestände des Lachses sind auch in ihrer vollen Blüte kein Vergleich zu den Mengen, die die Zuchtbetriebe produzieren. Wir könnten es uns bei der gestiegenen Weltbevölkerung noch nicht einmal zu den Feiertagen leisten. Es wäre also schlimmer als vor 100 Jahren. Wollen wir das? Zum Wohle kommender Generationen bleibt uns wohl keine andere Wahl. Außer, es fallen uns wie immer in der Geschichte ein paar neue Innovationen ein. Aber die gehen dann wie immer in der Geschichte zulasten von anderen Dingen.

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