Berlin - In der Paris Bar in der Kantstraße isst man zwar nicht besonders gut, aber das Restaurant ist immer noch eine Institution. Hier hängt und trifft sich die Kunst der Stadt. Martin Kippenberger war Stammgast. Wenn auch in die Jahre gekommen, ist die Paris Bar eine organisch gewachsene Legende. Für einen anderen Ort der Stadt, das Borchardt in der Französischen Straße, gilt das hingegen nicht. Denn das sterile Restaurant – der Lieblingsplatz der Politiker und C-Promis wie Wilson Gonzales Ochsenknecht – ist nichts Gewachsenes, sondern der gescheiterte In-vitro-Versuch, nach der Wende an die glorreiche Vorkriegsvergangenheit des Lokals anzuknüpfen.

Deswegen verzeiht man dem Wirt hier auch weniger als in der Paris Bar. Das Schnitzel etwa, das mit Abstand beliebteste Gericht im Borchardt, schmeckt nicht nach Wien, sondern wechselt den Aggregatzustand der Panade beim Erkalten innerhalb von Sekunden von knusprig in den Zustand eines alten Waschlappens. Man kann nur hoffen, dass etwa Johnny Depp, George Clooney oder Matt Damon, um nur einige internationale Gäste des Lokals zu nennen, gar nicht so genau wussten, wie so ein Schnitzel eigentlich schmecken soll. Ich frage mich sowieso, wie sich der Ort – das Borchardt ist gefühlt im Jahr 1999 stehen geblieben – so lange als go-to place halten kann.

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Denn die Weinkarte ist für mich die schlechteste der Republik – zumindest relativ zum Selbstverständnis dieser Institution. Eine gute Weinkarte muss für mich drei Qualitäten haben: Einzigartigkeit, Spektrum, Werthaltigkeit. Eine Karte ist einzigartig, wenn man den einen oder anderen Schatz finden kann – Produzenten, die man nirgendwo kriegt oder die sehr schwer zu finden sind: wie Henri Jayer oder René Engel. Das Borchardt hat keinen Wein dieser Kategorie. Spektrum ist gewährleistet, wenn man sowohl für 20 Euro als auch für 1000 Euro tolle Weine findet. Je nachdem, ob es ein Sommer-Montag bei 30 Grad ist und man sich nach einem spritzigen Vinho Verde – einem grünen Wein aus Portugal mit wenig Alkohol – sehnt oder man einen full lunch macht und sich über Selosse-Champagner zu einem Roulot aus dem Burgund vortastet, bevor man den Nachmittag mit einem 50 Jahre alten Portwein abschließt. Auch hier fällt das Borchardt durch.

Und Werthaltigkeit ist das Gefühl, das man hat, wenn man zwar Grand Crus getrunken hat, sich aber sehr glücklich schätzt, in den kommenden zwei Wochen hauptsächlich Reis zu essen, weil es sich eben einfach gelohnt hat. Im Borchardt trinkt man langweiligen Champagner der großen Marken und bezahlt dafür den dreifachen Einkaufspreis. Als ich mal um einen Haus-Riesling bat – Jargon für den preiswertesten Riesling auf der Karte – wurde mir stattdessen eine Flasche für 110 Euro angeboten.

Insgesamt zielt die Weinkarte natürlich nicht auf mich, sondern auf den deutschen Politiker ab. Sie ist eben überteuert und sehr durchschnittlich. Und das wiederum passt zur gegenwärtigen Politik dieses Landes: Alles ist zu teuer, nichts geht voran. Auch wenn sich das hier wie ein Verriss liest, ist es keiner, denn ich gehe trotz allem gerne ins Borchardt. Beim Betreten stelle ich mir immer vor, wie schön es wäre, wenn mir bei meiner Ankunft Iris Berben mit einer Serviette vom Balkon winkte.

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Borchardt Restaurant, Französische Straße 47, 10117 Berlin, täglich 11.30 bis 23 Uhr.

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