Berlin - Nichts schafft so viel seelische Entlastung wie eine Abstellkammer: All die ungeöffneten Briefe, verschobenen Projekte und Dinge, die man zwar prinzipiell, nicht aber mehr praktisch gebrauchen kann, finden dort einen Platz. Wer eine Abstellkammer hat, braucht keine Marie Kondo (bekannt aus der Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“), ja nicht einmal einen Psychotherapeuten, denn solange man eine Abstellkammer hat, können die gesammelten Sorgen und Nöte einfach hinter der Tür verschwinden. Manche Leute haben ja schließlich auch eine Rechnungsschublade, in der die Briefe mit den Mahnungen ungeöffnet landen. So kann man die Zeit, bis der Schuldenberater Peter Zwegat ins Haus kommen muss, ein wenig verlängern: aus den Augen, aus dem Sinn.

Für die Abstellkammer ist Ikea gut genug

Vor allem Paare können so die schwierige und oft streitbelastete Frage „Wegwerfen oder behalten?“ geschickt umschiffen, indem sie die Entscheidung einfach auf unbestimmte Zeit vertagen. Für die Liebe gilt genauso wie für die Politik: Sie ist die Kunst des Möglichen. Machen wir uns nichts vor: Alle Probleme in einer Beziehung ausdiskutieren, in der Überzeugung, dass sich am Ende das bessere Argument durchsetzt, ist zwar eine romantische Vorstellung, sie hat aber mit der Realität wenig zu tun.

Eher betreten Sie das Schattenreich der Discordia. Was aber tun, wenn die Abstellkammer immer voller wird und sich das Fallbeil der Zwietracht über das einstmals frische Glück zu senken droht? Am besten sorgen Sie vor und kaufen sich rechtzeitig ein Regal. Dann haben Sie ausreichend Stauraum, bevor es zu spät ist. Die gute Nachricht lautet: In der Abstellkammer brauchen Sie sich bei der Auswahl des richtigen Möbelstücks nicht allzu viele Gedanken zu machen. Ein einfaches Billy-Regal von Ikea tut es völlig.

Machen Sie ruhig ein Nickerchen: Ausgeschlafene Kunden kaufen mehr

Das Modell „Hejne“ aus unbehandeltem Nadelholz (78x31x171 cm) ist noch billiger, das gibt es schon für 29,99 Euro. Das Problem: Sie müssen selbst eine Ikea-Filiale besuchen, denn die Liefergebühren spotten jeder Beschreibung. Das ist auch so beabsichtigt. Die findigen Schweden wollen Sie natürlich ins Geschäft locken, in der nicht unberechtigten Hoffnung, dass sich neben dem Regal aus Nadelholz auch Teelichter, Kerzenständer, Pfannenwender, Müslischalen und ein Plüschdino den Weg in Ihren Einkaufswagen bahnen.

Die gemütlichen Wohnlandschaften in den Verkaufshallen laden schließlich zum Konsumieren ein. Wer mag, kann auch einfach ein kurzes Nickerchen in einem der aufgebauten Betten halten. Das ist sogar erwünscht, bei Ikea hat man herausgefunden, dass ausgeschlafene Kunden mehr kaufen.

Neben dem Stibitzen von Bleistiften gehört natürlich auch ein Abstecher ins Schwedenrestaurant zu einem gelungenen Ikea-Besuch. In der Ikea-Lieblingsfiliale des Autoren in Berlin-Lichtenberg hat man vom Schwedenrestaurant aus einen großartigen Blick auf einen Parkplatz, hinter dem sich die moderne Filiale eines Globus-Baumarkts majestätisch am Horizont abzeichnet. Wer kein Auto hat: Die nächste Straßenbahnhaltestelle befindet sich nur etwa 250 Meter entfernt – gar kein Problem, oder? Wer vermutet, dass das Schwedenrestaurant im Ikea mit einem richtig Restaurantbesuch in Schweden nur wenig zu tun hat, irrt. Tatsächlich ist Selbstbedienungs- und Systemgastronomie in skandinavischen Ländern überaus beliebt – wer, wie der Autor, Verwandtschaft in Schweden hat, kann davon ein Lied singen.

Schweden lieben Systemgastronomie

Die beliebteste Speise im Schwedenrestaurant bleiben die Köttbullar, laut Angaben von Ikea verkauft das Möbelhaus rund eine Milliarde dieser Fleischbällchen jedes Jahr weltweit. Wow, das heißt, mehr als jeder achte Erdenbewohner hat 2021 mindestens eines dieser Hackbällchen verspeist. Auch der Pferdefleischskandal von 2013 konnte das nicht ändern. Die Köttbullar werden meist zusammen mit Erbsen und Kartoffelbrei serviert, die sich zwar nicht so sehr durch die Konsistenz, sehr wohl aber durch die Farbe voneinander unterscheiden lassen.

Dazu kommt noch die obligatorische Preiselbeersoße. Ein feiner Spaß, für sehr kleines Geld. Schmecken tut es zwar meist wie bei „Essen auf Rädern“ oder in der Economy-Klasse der Lufthansa, auch weil die kleinen Fleischbällchen allzu oft zu weich und etwas knorpelig geraten sind und der Convenience-Rahmsauce die geschmackliche Tiefe fehlt. Aber gerade Kinder lieben die Köttbullar – wer will es ihnen verdenken? Seit einiger Zeit kommen zudem auch Vegetarier bei Ikea auf ihre Kosten. Die Lebensmittelchemiker haben sich nämlich etwas Neues einfallen lassen: den Plantbullar, ein rein veganes Erbsenproteinbällchen! Wir haben es in der Ikea-Filiale Berlin-Lichtenberg für Sie probiert (auch damit Sie sie es nicht müssen).

Das Schönste zuerst: Wer die kleinen Bällchen aus Erbsenprotein am Tresen bestellt, bekommt eine kleine, grüne Flagge in die Bällchen gesteckt. Das sieht hübsch aus, außerdem weiß der Kassierer so, dass Sie sich für die günstigere Variante entschieden haben, denn die Plantbullar sind etwas niedriger bepreist als ihre fleischlichen Kollegen. Die einfache Portion kostet gerade einmal 4,95 Euro. Dazu können Sie sich noch ein Trinkglas für die Getränkezapfsäule hinterm Kassenbereich aufs Tablet stellen (1,50 Euro). Damit können Sie so oft nachschenken, wie Sie wollen.

Jeder liebt Köttbullar!

Spätestens wenn Sie zehn Liter verdünnten Johannisbeersaft und Preiselbeerlimonade getrunken haben, haben Sie der Mischkalkulation ein Schnäppchen geschlagen. Geschmacklich kommen die Plantbullar den klassischen Köttbullar überraschend nahe. Durch den fehlenden Gruselfaktor (Pferdefleisch! Knorpel!) entsteht beim Essen auch kein allzu mulmiges Gefühl. Sie haben die Wahl: Sie können den Beilagenkartoffelbrei auch durch Pommes Frites ersetzen.

Die Plantbullar kann man im Ikea übrigens auch tiefgefroren erwerben. Müsste man auf die Schnelle einen Kindergeburtstag organisieren, bei dem auch dieses eine Kind aus dem Prenzlauer Berg eingeladen ist, das kein Fleisch isst, dann wären die Plantbullar vermutlich eine ausgezeichnete Wahl. Fürs Dessert im Restaurant gibt es noch eine Zimtschnecke, die mit nur einem Euro auch sehr fair bepreist ist, bei der aber leider auch merklich an der Butter gespart wurde. Es wird Sie nicht überraschen: Das Schwedenrestaurant ist ein bisschen das Billyregal unter den Gastroerlebnissen, es ist nicht herausragend, aber es tut auch niemandem weh.

Bewertung: 2 von 5 Punkten!

Schwedenrestaurant Ikea-Lichtenberg, Landsberger Allee 364, 10365 Berlin, Montag bis Sonnabend, 9–20.30 Uhr


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.