Osteria Maria in Steglitz: Warum Berlin solche Italiener nicht braucht

Da Antonio oder Ribaltone: In Berlin gibt es tolle italienische Restaurants. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Manchmal müssen wir Sie einfach mal warnen.

Osteria Maria: Italien meets All-You-Can-Drink meets Krawall und Remmidemmi.
Osteria Maria: Italien meets All-You-Can-Drink meets Krawall und Remmidemmi.Osteria Maria

Wer hat sie nicht, diese unstillbare Sehnsucht nach Abenden in oleander-duftenden Innenhöfen, vor sich einen reich gedeckten Tisch voller Pizza, Pasta, Pecorino, und zu später Stunde singt man Adriano-Celentano-Hits. Genau mit diesem romantischen Italien-Klischee spielt die in Steglitz gelegene Osteria Maria. Ähnlich wie in der Hostaria del Monte Croce oder der Lavanderia Vecchia bekommt man dort zum Festpreis ein mehrgängiges saisonales Menü inklusive Getränke.

An einem mediterranschwülen Donnerstag sind alle Tische im nicht nach Oleander duftenden Innenhof schon besetzt, auch jene in den beiden Private-Dining-Holzhütten. Es ist die vorletzte Gartenmenüwoche, jetzt findet die Sause drinnen statt, in einem folkloristischen Kellergemäuer mit Kronleuchter, Kamin und naiver Wandmalerei. Der Treppenlauf nach unten klebt. Es gibt dann auch Livemusik, und die zwei- bis dreihundert Gäste tanzen angeblich jeden Abend Polonaise. Wie schön. Bei den Google-Bewertungen bringt es die Osteria Maria auf stolze 4,7 Sterne.

Die Betreiber, denen auch die inzwischen geschlossenen Pizzerien 12 Apostel (in den 2000ern Berlins angesagteste Pizza) gehörte, setzen auf ein Vorabbuchungssystem, wie es vor allem in der gehobenen Gastronomie immer üblicher wird. 59 Euro pro Ticket, Mindestanzahl zwei Personen, das Trinkgeld kann gleich addiert werden. Dafür erwartet einen schon bei Ankunft ein üppig eingedeckter Antipasti-Tisch. Gut zwei Dutzend Schinkenscheiben – nur einer von uns isst Fleisch –, Rindertatar, Salat, ein DIN-A4-großes Ciabatta, eine Teigrolle mit Pesto und Kaugummimozzarella.

Gemütlich ist es schon, man muss sie halt mögen, diese Mischung aus Italien-Klischees und Kellnern, die einem das Mousse in den Mund stopfen. 
Gemütlich ist es schon, man muss sie halt mögen, diese Mischung aus Italien-Klischees und Kellnern, die einem das Mousse in den Mund stopfen. Osteria Maria

Der Aufstrich schmeckt nach Brunch Paprika

Der rote Aufstrich erinnert an Brunch, Geschmacksrichtung Paprika und Peperoni, der weiße an Mayonnaise. Alles andere schmeckt entweder nach nichts oder nach sehr viel Knoblauch. Gut essbar ist der Pecorino, auch wenn es den darüber gegossenen Honig nicht gebraucht hätte. Kaum sitzen wir, trägt der Service noch mehr Essen auf: Focaccia, Bruschetta, mit Süßkartoffeln gefüllte Champignons und einen „veganen Teller“, bestehend aus trockenem, knoblauchisiertem Grillgemüse, einer Art Fake-Fleischbällchen und kuriosen, weißen Würfelchen, welche die Bedienung als „Soja“ entlarvt.

Es folgt pro Person ein okayer, mit Steinpilzcreme und Trüffelöl verfeinerter Raviolo plus Ricotta-Béchamel-Cannelloni, bei denen sich mein Gaumen kurz an der unerwarteten Schärfe erfreut, bis ich merke, dass die von der eben geöffneten Flasche Jalapeño-Erdbeer-Coldbrew-Tee herrührt, die meine Begleitung mitgebracht hat.

Absolut nichts einzuwenden ist gegen den Service. Ob jemand am Tisch Geburtstag habe, ob man ein Foto von uns machen solle, außerdem bringt der junge Mann subito einen Weinkühler für unsere mitgebrachten alkoholfreien Getränke. Zum Osteria-Maria-Komplettpaket gehört nämlich auch eine Wein-Flatrate, mit Material vom Weingut der Betreiberfamilie (Google-Rezensent auf Gratwanderung: „Der Wein ist fantastisch und sehr empfehlenswert“).

Soweit ich das beurteilen kann, wird der Alkoholausschank nicht rationiert. Ich wage zu behaupten, dass das für nicht wenige einen zusätzlichen Anreiz darstellt, genau wie das Grundkonzept: einmal bezahlen, dann ordentlich zulangen. Wir sagen no grazie, auch zu den nach den Primi aufgetragenen Grappatrauben. Der folgende Mandelkuchen ist, trotz übermäßigem Marzipanaroma, akzeptabel, auch das Schoko-Mango-Softeis (der Innenhof der Osteria verwandelt sich tagsüber in eine Eisdiele).

 Osteria Maria
Osteria MariaOsteria Maria

All you can drink, ein beliebtes deutsches Konzept

Dann tritt der Service mit fiatreifengroßen Milchreisschüsseln (irgendwas zwischen weißer Schokolade und künstlicher Vanille) an die Tische und steckt den Inhalt den Gästen löffelweise direkt in den Mund, Nachschlag möglich. Blick ringsum in beseelte Gesichter. Es geht ihnen wohl wie Google-Rezensentin Heike K.: „Wir haben es schon wieder getan ...! Sind alle satt und zufrieden nach Hause ‚gerollt‘.“

Es gibt vieles, was ich an diesem Konzept bedenklich finde. Die vielen Reste – kaum einer lässt sich wie wir das übrige Brot einpacken –, die Tatsache, dass der Kellner kurz vor 21 Uhr, dann ist nämlich Schicht im Schacht, mit einem mit Münzen und 50-Euro-Scheinen gefüllten Glas durch die Reihen geht, obwohl wir doch schon bei der Onlinebestellung Trinkgeld gegeben haben, vor allem aber die mindere Qualität des Essens, und das soll schließlich hier bewertet werden.

Dabei sind knapp sechzig Euro für einen Abend nicht wenig. Nicht nur in einer echten italienischen Osteria wird man dafür auf sehr viel beglückendere Weise satt (und, wenn man will, betrunken), sondern auch an anderen Orten in Berlin. Außer uns scheint das aber niemanden zu stören. Offenbar muss man sich schon jetzt beeilen, wenn man Plätze fürs Wintermenü buchen will.

Bewertung: 2 von 5 Punkten

Osteria Maria. Leydenallee 79, 12167 Berlin, Donnerstag bis Samstag 19 bis 23 Uhr, Sonntag 14 bis 23 Uhr.


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