Understatement ist bekanntlich ein rhetorischer Kniff, der auf den ersten Blick bescheiden wirkt und doch meist darauf abzielt, als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden. Eine Bar, die sich „Normal“ nennt und die unter den Foodies, die ich kenne, in letzter Zeit DAS Gesprächsthema ist, kann alles sein. Nur nicht normal. Natürlich ist es auch keine klassische Bar, in der sich das Essensangebot auf gesalzene Nüsse, Oliven und ein paar Snacks beschränkt. Nein, die Bar Normal, so wurde mir von allen begeisterten Besucherstimmen versichert, sei ein Zwischending: keine Bar, kein Bistro, kein Speiserestaurant, auch kein typischer Gastropub, weil statt Bier hier eher Naturweine eine Rolle spielten. Die Bar Normal sei von allem ein bisschen. Ein Kollege meinte, es sei die „Neuerfindung der Kneipenküche auf sehr hohem Niveau“.

Vorurteile über Bord geworfen

Ich war also mehr als gespannt, was mich erwartet, als ich beim Reservieren endlich erfolgreich war. Doch wenn ich ganz ehrlich bin, glaubte ich nicht wirklich daran, dass die Bar Normal so besonders sein könne. Im Gegenteil, ich steigerte mich sogar in negative Gefühle hinein. Mich ärgerte etwa, dass ich mich beim Reservieren zwischen den Zeitfenstern 18.30 Uhr oder 21.00 Uhr entscheiden musste und die Zeit des Aufenthalts hier auf zweieinhalb Stunden beschränkt wird. Eine amerikanische Unart, die sich mehr und mehr in Berlin durchsetzt. Auch fand ich es nervig, dass inzwischen fast jede gehypte Neueröffnung vorwiegend Naturweine auf ihrer Karte propagiert.

Ich kam also mit jeder Menge – ja, was eigentlich?  Vorurteilen oder war es schon eine handfeste Abneigung? - hier an. Dazu passte, dass wir 21-Uhr-Gäste erst mal ziemlich ignoriert vom Service im engen Eingangsbereich stehen gelassen wurden, weil die Tische fürs zweite Seating gerade eingedeckt wurden.

Als ich schließlich saß und auf meine Freundin wartete, die sich verspätete, kam jedoch sofort der Kellner. Er war so entwaffnend freundlich und unterhaltsam, dass ich den missglückten Anfang direkt vergaß. Unter anderem erzählte er, es sei heute sein erster Tag, er habe gerade seine eigene Bar in Wedding aufgegeben.

Koekkoek
Elegant: Die Bar Normal stemmt sich den immergleiche Gastro- und Barkonzepten in Prenzlauer Berg entgegen.

Er machte seine Sache verdammt gut. Neben einer Flasche Wasser brachte er einen klein bedruckten Zettel als Speise- und Getränkekarte, der sich fantastisch las. Der Haus Spritz, den er mir empfahl, war kein langweiliger Prosecco Aperol, sondern ein auf Gin basierender moussierender Drink mit Zitrone. Leichte Süße kam durch Agavensirup, die Frische vom Pet Nat, die Bezeichnung für einen flaschenvergorenen Natur-Schaumwein. Ein sehr süffiger Drink. Entgegen meinen Vorurteilen gefiel mir auch der später empfohlene Naturwein, ein spontanvergorener Chenin Blanc, den es hier glasweise gibt.

Ein klares Konzept, wer in der Bar Normal welchen Tisch bedient, scheint es nicht zu geben. Jeder aus dem Service, der gerade Zeit hatte, brachte irgendwann im Laufe des Abends mal was vorbei. Gerade diese leicht unprofessionelle Art war charmant, da man sich in dieser kleinen Bar von allen beachtet fühlt.

Ich mochte auch die laute, lebhafte Stimmung, das schummrige Licht und die grandios gewählte Musik: Es lief Son Cubano, zusammen mit dem bunten Fliesenboden, runden Tischen und einfachen Holzstühlen erinnerte mich der Abend tatsächlich an Restaurantbesuche auf meiner Kubareise. Mit dem entscheidenden Unterschied: Hier begeisterte mich das Essen.

Nichts ist hier normal

Meine Foodie-Freunde hatten mir nahegelegt, die Bitterballen zu probieren, ein klassischer Fingerfood-Snack aus den Niederlanden und Belgien: Unter einer krossen Kruste wartete ein mit Béchamel angerührtes, schlotziges Fleischragout. Zum Dippen gab es etwas Senf, auch der überraschte mit einer ungewöhnlichen Meerrettichnote.

Der argentinische Koch, der hier arbeitet, hatte sich auch über das Austernpilz-Ragout mehr als nur ein paar Gedanken gemacht. Er interpretierte es mexikanisch. Der leicht geschmelzte Pilz lag wie Fleischtatar unter einer Maistortilla, aromatisch verbunden durch eine Mole, die jeden Mexikaner begeistert hätte: Pflaumig-schokoladig und scharf schmeckte sie, ohne die übrigen Aromen zu überdecken. Bei diesem fantastischen Gericht setzten noch marinierte rote Zwiebeln, knackiger Fenchel und Shiso jeweils eigene Akzente.

Ebenso gut ausgedacht war der Grünkohl mit Tahini, die nicht aus Sesam, sondern aus Mandeln hergestellt wurde. Die Kohlblätter waren außen verbrannt, ihr bitteres Schmaucharoma wurde jedoch von der ins Süße spielenden Tahinisoße, dem Mirin-Essig und einem Bohnenkraut-Öl abgefangen. Scheiben von eingelegten und gebackenen Schwarzwurzeln sowie Topinambur unterstützen das Nussige an dem Gericht.

Überzeugend schmeckte auch das Stew aus weißen Cannellini-Bohnen, unter das cremiger Stracciatella-Käse gerührt war. Egal wie voll man danach ist, nicht auslassen sollte man das Churro-Sandwich als Dessert. Es hat sich zu Recht zum Bestseller der Bar Normal entwickelt. In der spanischsprachigen Welt dippt man diese in Fett ausgebackenen Teigstränge normalerweise in Schokosoße. Nicht so in der Bar Normal, verrate ich nur. Hier ist eben doch nichts so, wie der Name suggeriert. Hinter der Bar stehen übrigens dieselben Inhaber, die zuvor an diesem Ort das vietnamesische Restaurant Van Anh betrieben haben. Doch die Gastronomen Van Anh Le und ihr Vater dachten wohl, es sei an der Zeit, hier an der Ecke Kastanienallee und Oderberger Straße die Übermacht der Asia- und Burgerläden zu brechen und alles anders zu machen. Klar, dass sie es Bar Normal genannt haben.


Wertung 4 von 5

Preise: Snacks 4–8 Euro, kleine Speisen 9–15 Euro, große Speisen 13–22 Euro, Desserts 8 Euro

Bar Normal, Oderberger Straße 7, 10439 Berlin, Do.–So. ab 18.30 Uhr

www.ganz-normal.euva@ganz-normal.eu